InterviewInterview Neuer Thriller von Wolfgang Schorlau „Wir Deutsche haben einen blinden Fleck in unserer Wahrnehmung“

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Welche Rolle spielt dabei die Troika, die sich neuerdings „Institution“ nennt?
Die Institution: der Name passt, er hat einen Beiklang von Mafia. Die Troika ist die eigentliche Regierung in Griechenland, obwohl sie von niemandem gewählt worden ist. Ich hatte Gelegenheit, an einer Sitzung des Zentralkomitees der Regierungspartei Syriza teilzunehmen. Dort berichtete ein Minister von den Verhandlungen über das mittlerweile beschlossene neue „Rettungspaket“. Die Troika verlangte eine Senkung des Haushalts um 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist sehr viel Geld. Doch die Institution schien großzügig und versprach auch 2 Prozent Erleichterung, wenn 1 Prozent der Kürzungen von den Rentnern genommen würde. Die Regierung sagte, das sei kaum möglich, viele Rentner könnten ihren Lebensunterhalt nicht mehr aus der jetzigen Rente bestreiten. Man sollte ihnen also auch 1 Prozent der Erleichterung zukommen lassen. Nein, sagte die Institution, die 2 Prozent Erleichterung sei allein für die Senkung des Spitzensteuersatzes vorgesehen.
In der Öffentlichkeit ist die Griechenland-Krise aus dem Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Glauben Sie, mit Ihrem Roman das ändern zu können?
„Der Große Plan“ ist ein Buch über Griechenland, vor allem aber ein Buch über Deutschland. Wenn man die veröffentlichte Meinung hierzulande liest, scheinen wir Deutsche zu jeden anderen Land Europas eine bestimmte, meist abwertende Auffassung zu haben. Die Briten mit dem Brexit, die Franzosen mit ihrer kaputten Wirtschaft, die Italiener mit ihrem Chaos, die Amerikaner mit ihrem durchgeknallten Präsidenten, die Türken sowieso und von den Russen ganz zu schweigen. Eigentlich super, mal ehrlich, das sind nur wir. Seltsam, dass nahezu jede Partei in Europa, ob rechts oder links, ob Macron oder Le Pen mit Stimmungsmache gegen Deutschland erfolgreich Wahlkampf führen kann. Offensichtlich haben wir einen blinden Fleck in unserer Wahrnehmung, den ich zusammen mit Dengler ausleuchten will: die Angst der europäischen Nachbarn, vor allem im Süden, unter die Knute Deutschlands zu geraten. Griechenland wird jetzt als Beispiel vorgeführt, wie diese Knute schmeckt. Es sollte uns alle beunruhigen, dass diese hässliche Seite der EU weitgehend und nicht ganz grundlos den Deutschen zugerechnet wird.
In Ihrem letzten Krimi „Die schützende Hand“ haben Sie die NSU-Morde untersucht – und viel Dokumentarmaterial in den Roman aufgenommen. Werden Sie das wieder tun?
Der NSU-Roman war ein Doku-Thriller. Ich bemühe mich, für jeden „Dengler“ eine neue Form zu finden. Auch für den „Großen Plan“. Lassen Sie sich überraschen.

Das Gespräch führte Roland Müller.

Dengler im Fernsehen

Georg Dengler, den Stuttgarter Ermittler von Wolfgang Schorlau, gibt es seit zwei Jahren auch im Fernsehen. Voraussichtlich im November zeigt das ZDF den dritten Film mit ihm: „Die schützende Hand“ über die NSU-Morde, wie die beiden Vorgänger abermals unter der Regie von Lars Kraume und mit Ronald Zehrfeld als Dengler und Birgit Minichmayr als Olga. Derzeit verfilmt das erstklassige Team einen vierten Dengler-Krimi: „Fremde Wasser“ über die im globalen Rahmen stattfindende Privatisierung des Wassers.

Der neue Dengler-Roman „Der große Plan“ kommt am 9. November in den Buchhandel. Am gleichen Tag wird Wolfgang Schorlau das Buch bei einer Lesung mit Gespräch im Stuttgarter Hospitalhof vorstellen.