Wolfgang Schorlau: Der große Plan Wo sind die Milliarden für Griechenland geblieben?

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Der Stuttgarter Krimi-Autor Wolfgang Schorlau stellt am 8. März in der Reithalle gemeinsam mit Max Herre seinen neuen Dengler-Roman vor. „Der große Plan“ konfrontiert den Detektiv mit den Hintergründen der griechischen Schuldenkrise.

Die griechische Bevölkerung wartet vergeblich auf die Rettungsmilliarden: Rentner vor der National-Bank in Athen. Foto: Getty
Die griechische Bevölkerung wartet vergeblich auf die Rettungsmilliarden: Rentner vor der National-Bank in Athen. Foto: Getty

Stuttgart - Bald ist es vermutlich wieder soweit. Im August läuft das dritte Rettungspaket für Griechenland aus. Ausgeschlossen, dass das Land dann wieder auf eigenen Beinen stehen wird. Dann rückt auch wieder ein Krisenherd ins Bewusstsein, um den es zuletzt etwas ruhiger geworden ist, freilich ohne dass sich die verheerenden Verhältnisse für die Bevölkerung gebessert hätten. Womöglich werden in der Boulevard-Presse dann wieder die bösen Zerrbilder vom faulen Pleitegriechen aufgewärmt, doch wer ihnen gewiss nicht auf den Leim gehen wird, sind die Leser der Kriminalromane Wolfgang Schorlaus. Und das sind mittlerweile ziemlich viele. Denn der neueste, neunte Fall des Privat-Ermittlers Georg Dengler, „Der große Plan“, bringt Licht in die dunklen Hintergründe, in denen die Rettungsmilliarden für Athen verschwunden sind. Die griechische Schuldenkrise entpuppt sich in Wirklichkeit als Bankenkrise. Und wie immer ist der Stuttgarter Detektiv mindestens so sehr mit der Aufklärung eines konkreten Falls befasst wie mit der des Lesers.

Dengler-Romane sind zu Genre-Literatur gewordene Lehrgedichte, die politische, wirtschaftliche, historische Wissensformationen erschließen – nicht in Versform, aber versehen mit allen Kunstgriffen literarischer Kriminalistik in der Absicht, gesellschaftlich wirksam zu werden.

Diesmal dreht Dengler ein ganz großes Rad, ja, vielleicht ist es etwas zu groß, um in bewährter Manier gehandhabt zu werden. Das Außenministerium in Berlin bedarf seiner Dienste, was zunächst zu einer personellen Aufstockung der kleinen Detektei um eine attraktive neue Mitarbeiterin führt, mit allen hormonellen Folgen für die kleine Stuttgarter Lebens- und Ermittlungsgemeinschaft von Dengler und der schönsten Frau der Welt, seiner Partnerin Olga. Das zur Menage à trois angewachsene Team soll das Verschwinden einer in höchste Gremien aufgestiegenen Karrierefrau klären. Sie fungierte als Beraterin jener Troika von Europäischer Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und EU-Kommission, die mit harter Hand Griechenlands Schicksal lenkt. Zuletzt scheint sie jedoch an der Legitimität ihrer Arbeit gezweifelt zu haben. Die Rekonstruktion der Gründe, die sie zur Umkehr bewogen haben könnten, ist zunächst die einzige Spur für Dengler und seine Getreuen, zu denen sich jugendbandenhaft die Freunde der urbanen Stuttgarter Bohnenviertel-Idylle gesellen – und die nebenbei vorleben, wie man unterhalb der Schwelle institutioneller Ordnungen seine Verhältnisse und Schulden regeln kann.

Krimi-Plot und Sachbuchteil fallen auseinander

In langen Teamsitzungen erarbeiten sie sich das Einmaleins, mit dessen Hilfe sich die internationale Finanztechnokratie gegen alle Regulierungsversuche skrupellos zu ihren Gunsten verrechnet. Man lernt, wie hochgefährliche Produkte wie Swaps funktionieren, was sich hinter dem Schlagwort Kasino-Kapitalismus verbirgt und auf welche Weise ein unersättlicher Trieb ganze Volkswirtschaften aufs Spiel setzt, um teuflische Wetten zu gewinnen. „Rettungsschirme werden aufgespannt, nicht wegen Griechenland, sondern wegen der drohenden Pleite deutscher und französischer Banken und weil der Euro angegriffen wird.“ Diese Einsichten lassen sich durchaus als beachtlichen didaktischen Mehrwert einer Romanlektüre verbuchen.

Aber liest man hier überhaupt noch ein Roman? Mehr als in früheren Dengler-Fällen zerfällt dieser „Große Plan“ in einen kritischen Sachbuchteil und einen Krimiplot – und man muss leider sagen, dass die Weise, wie auf theoretischem Gebiet die griechische Schuldenkrise erklärt wird, um einiges wahrscheinlicher wirkt als die reichlich aberwitzig motivierte Entführungs-Handlung. Sie entbehrt fast jeder Glaubwürdigkeit und erscheint deshalb vor allem als Hilfskonstruktion, um das ganze Spektrum einer kritischen Sichtung deutsch-griechischer Verhältnisse platzsparend unterzubringen.

Den Schulden Griechenlands setzt Schorlau die uneingelöste historische Schuld Deutschlands entgegen. Darum schneidet er in das Geschehen eine Nebenhandlung, die an das Wüten der Wehrmacht in Griechenland erinnert: wie das Land geplündert, Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und ihre Bewohner ermordet wurden – und mit welchen Tricks sich die Bundesrepublik Entschädigungen und Reparationen weitgehend entzogen hat. So verdienstvoll es ist, vor dem Hintergrund der Diskussion um einen griechischen Schuldenschnitt an diese unbeglichene Rechnung zu erinnern, so unbeholfen und hölzern wirken die historischen Szenen, mit denen sie bebildert wird – einmal abgesehen von den gewaltsamen Engführungen, die dazu dienen, diese Schreckensgeschichte mit der Haupthandlung zu verbünden. Nicht die Vergangenheit tritt ins Licht, sondern eher eine Reminiszenz an Guido Knopp’sches Dokutainment.

Schorlaus investigative Kriminalistik lebt einzig von Entlarvung

Auf literarischer Ebene verspielt Schorlau damit den Kredit, den man seinen akribischen Recherchen durchaus einräumen kann. Denn was Literatur einem Sachbuch voraus hat, sind gerade Nuancen, ein Wahrheitsbegriff, der differenzierter ist als der in alltäglichen Debattenschlachten erprobte. Der Furor von Schorlaus investigativer Kriminalistik aber lebt einzig von der Entlarvung. Für feine Unterscheidungen ist da nur Platz, wenn sie das Feld des Blues betreffen. Ein Faktencheck wäre dem Roman womöglich angemessener als eine Literaturkritik.

Irgendetwas Grundlegendes hat sich in der Welt verändert, sinniert Dengler einmal, als würde er in einer Vorkriegszeit leben: Es sei die Heraufkunft des Populismus, der Deutschland, Europa und die Welt bedroht – und auch mit dieser Diagnose möchte man ihm Recht geben. Was sich in der Welt zum Schlechten ändert, schmälert jedoch zugleich das Vergnügen an einer Weltbetrachtung, die mit Verschwörungstheorien zumindest strukturell manches gemeinsam hat: das verrottete Establishment unter der Knute einer international operierenden Finanzmafia, unterstützt von einer willfährigen Presse. Man kann man dem Populismus die Tür auch von links aufhalten. Schwierige Zeiten jedenfalls für Schorlaus Kunst der Popularisierung.

Die Buchvorstellung beginnt am Donnerstag, 8. März, um 20 Uhr in der Alten Reithalle in Stuttgart, Seidenstraße 34. Max Herre moderiert den Abend.

Wolfgang Schorlau: Der große Plan. Kiwi-Paperback. 448 Seiten, 14,99 Euro.