Wie geht es weiter mit Stuttgart 21? Welche Rolle gedenkt die Stadt künftig zu spielen? Oberbürgermeister Wolfgang Schuster im Interview.

Chefredaktion: Achim Wörner (wö)

Stuttgart - Die Fällung und Versetzung von Bäumen im Schlossgarten kommt zügig voran. Aber wie geht es dann weiter mit Stuttgart 21? Und welche Rolle gedenkt die Stadt künftig zu spielen? „Wir werden die Bauarbeiten der Bahn kritisch-konstruktiv begleiten“, sagt Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU).


Herr Schuster, beschleicht Sie nicht auch Wehmut und Trauer, wenn Sie den Kahlschlag im Schlossgarten beobachten?
Keine Frage. Mir tut es um jeden einzelnen Baum leid, der gefällt wird. Die Wunde, die dort geschlagen wird, ist beachtlich. Und sie ist nur in einer Gesamtabwägung vertretbar: Unser Park wird um 20 Hektar erweitert und auf den frei werdenden Gleisflächen entsteht ein neues, durchgrüntes Stadtquartier.

Was passiert denn jetzt tatsächlich mit dem geschlagenen Holz?
Mir schwebt vor, dass Künstler mit dem Holz arbeiten und im Rosensteinpark eine Art Skulpturenpfad entsteht. Auch Behinderteneinrichtungen oder Schulen könnten mit dem Material arbeiten. Aber um konkrete Pläne zu schmieden, ist das Thema noch zu emotionalisiert. Wir werden auf einem weiteren Bürgerforum im April öffentlich darüber diskutieren, was möglich ist.

Gehen Sie denn davon aus, dass die Proteste gegen Stuttgart 21 weitergehen?
Das wird wohl so sein. Und das ist in Ordnung. Wer Stuttgart 21 für das schlechtere Projekt hält, eine andere Variante für die bessere, muss ja nicht seine Meinung ändern. Es wird aber auch deshalb weitergehen, weil der Protest für bestimmte Gruppierungen wie beispielsweise die SÖS im Gemeinderat das politische Programm darstellt. Für die Stadt wird es aber wichtig sein, die Arbeiten am Bahnhof im Sinne eines Bürgerdialogs zu begleiten.

Aber muss nicht gerade die Stadt ihr Rollenverständnis überdenken, nachdem Stuttgart 21 nun definitiv gebaut wird? Die Interessen mit der Bauherrin Bahn AG sind ja nicht immer deckungsgleich.
Natürlich gibt es immer wieder unterschiedliche Ansichten. Mein Auftrag ist es dabei ganz klar, die Interessen der Bürger dieser Stadt zu vertreten.

Was erwarten Sie denn aber nun ganz konkret von der Deutschen Bahn?
Die Bahn hat zunächst die Pflicht, für Transparenz zu sorgen. Ich sage ganz offen: Bis Rüdiger Grube den Vorstandsvorsitz übernommen hat, lag hier sehr viel im Argen. Nicht selten bin ich auf Dinge im Zusammenhang mit Stuttgart 21 angesprochen worden, über die ich selbst nicht informiert war. Dass das Misstrauen schürt – auch bei den Bürgerinnen und Bürgern draußen – ist kein Wunder.

Und Sie haben die ernsthafte Hoffnung, dass das künftig besser werden wird?
Das erwarte ich. Und ich weiß, dass die Bahn selbst sich dessen auch bewusst ist. Wir werden als Stadt streng darauf achten, dass die Dinge, die in der Vergangenheit fest vereinbart worden sind, von der Bauherrin auch eingehalten werden – damit die Bürgerschaft von der Baustelle möglichst wenig beeinträchtigt wird. Das gilt etwa im Blick auf den Lärmschutz oder mögliche Verkehrsbehinderungen, aber auch im Blick auf die Überwachung des Grundwassermanagements. Das werden wir zum Schutz unserer Mineralquellen mit eigenen Experten penibel begleiten.

Halten Sie es für ausgeschlossen, dass die Stadt irgendwann erneut zur Kasse gebeten werden wird, wenn der Finanzrahmen von 4,5 Milliarden Euro nicht reicht?
Dafür gibt es im Moment aus meiner Sicht keine Anzeichen. Und ich finde es müßig darüber zu spekulieren, was in sechs, acht oder zehn Jahren sein könnte. Fakt ist, dass bei Kostenerhöhungen zunächst die Bauherrin in der Pflicht ist. Das ist ganz klar geregelt. Allein deshalb ist die Bahn bestrebt, mit dem vorhandenen Budget auszukommen.

Sind Sie froh, dass in nächster Zeit verstärkt die Baustelle Stuttgart 21 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken wird?
Jetzt geht es nicht mehr um die grundsätzliche Frage, ob Stuttgart 21 kommt, sondern um das Wie. Speziell die vergangenen eineinhalb Jahre waren auch für mich persönlich nicht immer einfach. Und ich verstehe, dass viele Menschen skeptisch sind, ob aus Stuttgart 21 wirklich etwas Gutes erwächst. Ich selbst bin tief überzeugt davon, dass wir als attraktiver Wirtschaftsstandort von den enormen Investitionen profitieren werden und dass wir eine städtebauliche Chance erhalten, die großartig sein kann.

Betonung auf „sein kann“?
Ich sehe die Parkerweiterung, aber auch die Möglichkeit, von 2020 an CO2-freie Quartiere zu bauen. Die Stadt hat eine große Verantwortung, dass all dies auch gelingt. Und dabei wird es nicht reichen, sich punktuell mit den frei werdenden Flächen zu befassen. Wir werden in den nächsten Monaten ganz grundsätzlich darüber diskutieren müssen, wie wir uns insgesamt die Stadt der Zukunft vorstellen.
Die Fragen stellte Achim Wörner

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