Wolfgang Stumph: Letzte Folge „Stubbe“ Einer, der gegen den Strom schwimmt

Wolfgang Stumph in der Rolle des Kriminalhauptkommissars Wilfried Stubbe 2003. Foto: ZDF/Norbert Kuhröber

Nach rund 30 Jahren schickt Wolfgang Stumph sein Alter Ego Wilfried Stubbe in den Ruhestand. Der Schauspieler will dennoch weiter „Stumphsinn“ verbreiten.

Die Enkelin wird zwölf, und was schenkt ihr der Opa? Eine Schreibmaschine. Das klingt schwer nach Nostalgie, und tatsächlich schwingt eine gehörige Portion Wehmut mit, wenn Wilfried Stubbe seinen letzten Fall löst. Für Gefühlsduseleien ist jedoch keine Zeit, denn kaum hat Caro das Präsent ausgepackt, wird ihr Vater unter Mordverdacht verhaftet.

 

Die Szene führt noch mal vor Augen, was fast drei Jahrzehnte lang das Erfolgsgeheimnis der „Stubbe“-Krimis im ZDF war: Die Ermittlungen standen im Vordergrund, aber die familiäre Ebene war mindestens ebenso wichtig.

„Ist es mir gelungen, Brücken zu bauen?“

Der klassische deutsche TV-Kommissar hatte bis Mitte der Neunziger in der Regel kein Privatleben, manche hatten nicht mal einen Vornamen; das war bei „Stubbe“ völlig anders. Ein besonderer Clou war die Besetzung von Filmtochter Chrissy mit Stephanie Stumph, der das Publikum auf diese Weise beim Aufwachsen zuschauen konnte.

Vater Wolfgang betrachtet den familiären Aspekt „als Transportmittel, um die Menschen zu erreichen.“ Aus seiner Sicht funktionierten die Filme ähnlich wie Kabarett: „Der Kabarettist verpackt sein moralisches, politisches und humanistisches Anliegen mit Humor und Handwerk, er erschafft eine Figur, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregt.“

Szene aus der letzten „Stubbe“-Folge: „Familie in Gefahr“: Stubbe (Wolfgang Stumph) übt mit seiner Enkelin Caro (Greta Kasalo) Tango zu tanzen. Foto: ZDF/Christoph Assmann

Ein Resümee seines Schaffens will Wolfgang Stumph erst im nächsten Jahr anlässlich seines runden Geburtstags ziehen, wenn er achtzig wird. Zu politischen Fragen möchte er sich erst recht nicht äußern, obwohl „Stubbe“ doch einen dezidierten Ost/West-Ansatz hatte. Zum zwanzigjährigen Jubiläum der Reihe hieß es, Stubbe und sein von Lutz Mackensy verkörperter Westkollege hätten ihre Differenzen im Lauf der Zeit überwunden und seien ebenso zusammengewachsen wie Ost und West. Heute hat es den Anschein, als seien die Gräben in Deutschland wieder so tief wie in den Nachwendejahren.

Stumph benennt als Ursache dafür unter anderem „die meinungsmachenden Medien“, die oft nur in eine Richtung sähen und keinen Rückspiegel hätten: „Die angeblichen Diskrepanzen zwischen Ost und West werden auch geschürt, indem sehr komplexe Rahmenbedingungen auf einen simplen Nenner gebracht werden.“ Der Schauspieler glaubt dennoch fest daran, dass die Gräben, sollte es sie überhaupt geben, überwindbar seien. In „Stubbe“ sei es um zwei der wichtigsten Fragen im Dasein gegangen: „Was ist Heimat, was ist Familie? Diese Fragen stelle ich mir auch, wenn ich über mein Leben nachdenke: Was habe ich mit meiner Arbeit erreicht? Ist es mir gelungen, Brücken zwischen hüben und drüben zu bauen?“ Er selbst hat jedenfalls alles dafür getan, Ost und West einander anzunähern, nicht nur mit „Stubbe“, sondern auch mit vielen anderen Produktionen, darunter der MDR-Reihe „HeimatLiebe“. In diesen Dokumentarfilmen begegnet er Menschen aus Ost und West, die ihre Heimat verlassen, um in der Fremde ihr Glück zu finden.

Ein anstrengender, kämpferischer Geist

Weggefährten beschreiben Stumph als „anstrengend“, wollen das aber anerkennend verstanden wissen: weil er nicht locker lasse, wenn er von etwas überzeugt sei. Er selbst bestätigt, dass er sich bei Projekten, die ihm wichtig seien, spürbar einmische, damit sein „Stumphsinn“ erkennbar sei. Bei diesen Rollen frage er sich: „Würde ich mich auch so verhalten? Habe ich die Möglichkeit, meine eigenen Eulenspiegeleien einfließen zu lassen? Diesen Ansatz habe ich immer genutzt, um eine bestimmte Botschaft zu vermitteln; nie mit dem Schwert, sondern immer mit dem Florett, um hüben wie drüben zu sticheln.“

Vater und Tochter – nicht nur vor der Kamera: Stubbe (Wolfgang Stumph, l.) und Tochter Christiane (Stephanie Stumph) r.). /Rudolf Wernicke

Während andere im fortgeschrittenen Alter die Füße hochlegen, ist Wolfgang Stumph im Unruhestand; seit über zwanzig Jahren steht er regelmäßig als „Frosch“ in der Johann-Strauss-Operette „Die Fledermaus“ auf der Bühne der Dresdener Semperoper. Aber mit „Stubbe“, versichert er, sei trotz des offenen Endes definitiv Schluss. Zuletzt spielte er eine Gastrolle in einem „Erzgebirgskrimi“ (ZDF): In der Episode „Ein Mord zu Weihnachten“ (2002) verkörperte er einen Mann, der angesichts des drohenden Verlusts seines Lebenswerks innerlich gebrochen ist, äußerlich jedoch Haltung bewahrt. Das ist auch ein Begriff, der in einer Würdigung von Stumphs Verdiensten nicht fehlen darf: „Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt an die Quelle.“ Niemals aufgeben, immer das Maximum anstreben; weniger werde es von ganz allein. In diesem Sinn sei auch der Titel seines letzten Kabarettprogramms „Ganz schön wird’s nie“ zu verstehen. „Selbst wenn’s am Ende doch weniger geworden ist als erhofft: Man soll nie die Hoffnung oder den Mut verlieren. Aus dieser Haltung habe ich meine gesamte Karriere lang Kraft gezogen, nur deshalb konnte ich den Leuten so beharrlich auf die Nerven gehen.“

Beliebter TV-Schauspieler

Vita
 Wolfgang Stumph, 1946 im ehemaligen Niederschlesien geboren und nach der Vertreibung in Dresden aufgewachsen, ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler. Zu seinen bekanntesten Produktionen gehören „Go Trabi Go“ (1991/92), die ZDF-Serie „Salto Postale“ (1993 bis 1996) sowie der Kinofilm „Bis zum Horizont und weiter“ (1998) oder die Treuhandkomödie „Stankowskis Millionen“ (2011, ZDF).

ZDF
Seine bekannteste Rolle dürfte jedoch Wilfried Stubbe sein, Dresdener Kommissar in Hamburg. „Stubbe – Von Fall zu Fall“ ist im Herbst 1995 gestartet. Mit dem Film „Familie in Gefahr“ endet somit nach knapp 30 Jahren, 50 Episoden und vier „Specials“ eine der dienstältesten deutschen TV-Reihen. Das „Zweite“ zeigt den Krimi am 22. Februar um 20.15 Uhr, er steht vom 15. Februar an in der ZDF-Mediathek.

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