Workshop für die Bürger am Stöckach Hausaufgaben für die Architekten

Von Benjamin Schieler 

Bei einem Planungsworkshop für den Stöckachplatz haben die Bürger ihre Wünsche äußern können – noch bevor die zum Wettbewerb eingeladenen Architekten den ersten Bleistiftstrich gezogen haben. Die Anwohner wünschen sich den Platz lebendig, freundlich und einladend. Beim Thema Verkehr gehen die Meinungen aber auseinander.

Die Bürger wünschen sich den Stöckachplatz lebendig, freundlich und einladend. Foto: Benjamin Schieler
Die Bürger wünschen sich den Stöckachplatz lebendig, freundlich und einladend. Foto: Benjamin Schieler

Stöckach - Beim Thema Bürgerbeteiligung sind viele Stuttgarter in den vergangenen Jahren sensibel geworden. Zu häufig fühlten sie sich zwar angehört, aber nicht ernst genommen. Bei den Plänen zur Umgestaltung des Stöckachplatzes und der Neunutzung der Hauswirtschaftlichen Schule nach deren Abriss im Jahr 2016 betrat die Stadt jetzt neue Wege. Sie lud 18 Architekturbüros ein, den Wünschen der Bürger zu lauschen und in einen Dialog mit ihnen zu treten – bevor der erste Bleistiftstrich für den städtebaulichen Wettbewerb überhaupt auf dem Papier entsteht.

Das Wettbewerbsziel ist, dem sehr funktional anmutenden Platz und somit dem gesamten Stadtteil ein neues Gesicht zu geben. „Das wirkt alles nicht sehr selbstbewusst und stolz“, sagte Martin Holch vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung. Um das zu ändern, sollten sich die Architekten von den Bürgern inspirieren und führen lassen. „Einen einmaligen Planungsworkshop“, nannte die Bezirksvorsteherin im Osten, Tatjana Strohmaier, die Veranstaltung am vergangenen Wochenende und legte den Planern nahe, die Ideen aufzunehmen, die ihnen ungefiltert präsentiert wurden. Ihre Entwürfe werden nur eine Chance haben, wenn sie möglichst viele Wünsche berücksichtigen.

Ein Streitpunkt sind die Parkplätze

Diese Wünsche verteilten sich auf drei Kernbereiche: die generelle Identität des Stöckachs und seines zentralen Platzes, dessen künftige Funktionen sowie die Nutzung des neuen Gebäudes, das auf dem Grundstück der Hauswirtschaftlichen Schule entsteht. Die Diskussion zeigte, dass die Planer unterschiedliche und sich teils widersprechende Interessen berücksichtigen müssen. Ein Streitpunkt ist etwa der Umgang mit dem Verkehr. Die einen sähen Autos am liebsten verbannt, die anderen beharren darauf, dass die Händler am Platz auch in Zukunft ohne große Hindernisse beliefert werden müssten. Stellplätze auf dem Platz sollen in jedem Fall verschwinden, allerdings erst, wenn eine neue Tiefgarage adäquaten Ersatz garantiert.

Der Konflikt um den Verkehr ist nicht neu – am Stöckach wird er aber ohne ausufernde Emotionen ausgetragen. Das ist ein Verdienst der bereits seit 2012 laufenden Bürgerbeteiligung im Stadtteil- und Familienzentrum, die auch völlige Gegenpole wie den Vorsitzenden des Handels- und Gewerbevereins, Thomas Rudolph, und die Architektin Roswitha Rockenbauch zusammenbringt. Sie vereint ein verbindender Satz, sagt die Leiterin des Stöckachplatzes und Patin für die Bürgerbeteiligung, Christiane Mayer, die diesen zuletzt immer häufiger hört: „Ich brenne für den Stöckach.“

Im März werden die Entwürfe vorgestellt

Die gewichteten Ergebnisse des Workshops sollen nun bis zu einem Kolloquium mit Stadt, Architekten und Preisgericht des Wettbewerbs am Mittwoch gebündelt werden. Lebendig, einladend, freundlich, praktisch und generationenübergreifend nutzbar sind Attribute, die den Platz auszeichnen sollen, im neuen Gebäude sollen Menschen wohnen und soziale Einrichtungen, Gastronomie sowie kleine Läden unterkommen. Ein großes Lebensmittelgeschäft, ein so genannter Vollsortimenter, wird ebenfalls gesucht.

Für den Preisrichter und freien Architekten Hans Martin Mader ist das neue Verfahren samt direktem Kontakt zwischen Planern und künftigen Nutzern bereits jetzt eines mit Vorbildcharakter. Ihm und seinen Kollegen werde häufig Bürgerferne vorgeworfen – dies durchaus zurecht. „Das“, sagt er, „hat aber weniger mit den Architekten zu tun als mit den Kommunen.“ Beispiel: 1999 hatte Mader unter großer Beteiligung kontrovers debattierender Bürger einen Rahmenplan für den Stöckach erstellt. Der Maderplan allerdings war anschließend für viele Jahre in der Schublade verschwunden.




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