Der Bonsai-Experte Udo Fischer gibt in einem Workshop in Waiblingen Tipps für Bäume und Gehölze in Kleinformat. Und die können wertvoll sein: Für mehrere hundert Jahre alte Bonsais werden weltweit hohe sechsstellige Summen aufgerufen.
Udo Fischer setzt die Gartenschere an. Ein stattlicher Ast stört das Auge des Fachmanns. „Es geht um Proportionen, um den Goldenen Schnitt“, sagt er und macht einen harten Schnitt. Der lästige Auswuchs fällt. Wie aus Bäumen und anderen Gewächsen – mit der richtigen Schnitt- und Bindetechnik – Bonsais werden, hat Udo Fischer aus Bammental bei Heidelberg, seines Zeichens „europäischer Bonsai-Meister“, am Samstag bei einem ganztägigen Workshop in Waiblingen-Neustadt demonstriert.
„Aus allem, was verholzt, kann ein Bonsai werden“, sagt Udo Fischer, der auf der „Bonsai-Trophy“, der größtem europäischen Bonsai-Ausstellung, die jährlich im belgischen Genk stattfindet, mit einem Ahorn-Baum den ersten Preis gewonnen hat. Die Liebe zur Miniatur-Natur keimte bei ihm mit der Bundesgartenschau 1975 in Mannheim auf und durch die Bonsai-Ausstellung von Paul Lesniewicz, dem Pionier der Bonsai-Kunst in Deutschland und Gründer des Bonsai-Zentrums Heidelberg. „1982 hat mir meine Frau dann meinen ersten Bonsai, so dachte ich damals jedenfalls, geschenkt, eine kleine Ulme“, sagt der gelernte Dekorateur.
In Japan viel über Bonsais gelernt
Mittlerweile war Udo Fischer viele Male in Japan. Er reist als Bonsai-Fachmann durch die Lande, betreibt in Bammental die „Artdesign Bonsaischule“ und weiß, dass die kleine Ulme von einst maximal ein „Pre-Bonsai“ war. So werden Bäume genannt, die sich noch in der Entwicklung zu einem Bonsai befinden. Wobei nicht die Größe einen ausgewachsenen Bonsai ausmacht, sondern das harmonische, realitätsgetreue Größenverhältnis von Stamm, Ästen und Blättern.
Die meisten Bonsai-Fans, die sich am Samstag in der Scheune in Neustadt getroffen haben, die von der Künstlergruppe Art-U-10 als Atelier und Galerie genutzt wird – und vom Bonsai-Arbeitskreis Rems-Murr als Werkstatt – haben Pre-Bonsais mitgebracht. Manche sind noch nicht einmal das, wie der Wacholder, der aus einer ganz normalen Baumschule stammt und von Udo Fischer einen Erstschnitt bekommt. Mit viel braunem Aluminiumdraht, der relativ weich ist und optisch kaum auffällt, werden seine Äste dann noch in die Richtungen gebogen, in die sie wachsen sollen. Denn seine Besitzerin möchte, dass der Wacholder „aussieht, als stehe er windschief an einem Berghang“.
Beim Bonsai werden auch die Wurzeln geschnitten
Bevor Udo Fischer einen Baum zurechtstutzt, begutachtet er ihn zunächst von allen Seiten. „Wo ist vorne, wo soll der Baum hin wachsen? Dementsprechend wird geschnitten, und das ist dann wie bei jedem Apfelbaum.“ Allerdings werden für einen Bonsai nicht nur Äste beschnitten und gedrahtet, sondern auch Wurzeln. „Aber nie gleichzeitig, sondern immer erst oben, dann unten, wir wollen schließlich, dass die Pflanze überlebt“, sagt Udo Fischer. Es braucht viel Arbeit, damit aus einem gewöhnlichen Baum in vielen Jahren ein Bonsai wird, eine „Landschaft in der Schale“, wie es wörtlich übersetzt heißt. Und die Bonsai-Kunst folgt strengen Regeln. Der richtige Schnitt ist die Grundlage und aktiviert die „schlafenden Augen“.
Einen Bonsai kaufen könne jeder, doch es gehe nicht darum, ein fertiges Naturkunstwerk anzuschauen, erklärt Michael Schäfer. „Wir wollen Bonsai-Bäume erziehen und erschaffen“, sagt der Besitzer der Scheune, der Mitglied sowohl in der Künstlergruppe als auch im Bonsai-AK ist. Die Gewächse werden gehegt und gepflegt, regelmäßig gedüngt und umgetopft – „alle ein bis fünf Jahre“, sagt Schäfer, der eine Vielzahl von Bonsais sein Eigen nennt, die er auf der Terrasse stehen hat. „Wir betrachten Bonsai als Kunst.“ Und die hat ihren – beachtlichen – Preis. Für mehrere hundert Jahre alte Baumriesen im Miniformat werden weltweit hohe sechsstellige Summen aufgerufen.
Fünf Tipps für Bonsai-Liebhaber
- Schnitttechnik: Der richtige Schnitt ist die Grundlage der Bonsai-Kunst. Proportionen und der Goldene Schnitt sind die Grundlage.
- Pflanzenauswahl: Fast alles, was verholzt, kann zu einem Bonsai werden.
- Pflege: Bonsais müssen gehegt und gepflegt, regelmäßig gedüngt und alle ein bis fünf Jahre umgetopft werden.
- Gestaltung: Ein Bonsai sollte einem Baum in der Natur ähneln, alt, von Naturgewalten gezeichnet, aber stark und gesund sein. Die richtige Schnitt-, Draht- und Bindetechnik ist entscheidend, um den Baum in die gewünschte Form zu bringen.
- Standort: Achten Sie auf die richtige Pflege mit Wasser, Dünger, Erde und Sonne. Die Pflanzenauswahl passend zu Boden und Lichtverhältnissen erspart viel Pflegeaufwand und Enttäuschungen.
Von Bonsais und Pre-Bonsais
Ein Teilnehmer befreit seinen Lärchenwald mit einer kleinen Bürste vom Moos, das die Äste überzieht. Dann steht auch schon Udo Fischer mit einer Konkavzange bereit, einem Spezialwerkzeug, das eine längliche Wunde hinterlässt, die sehr schnell verheilt und die Narbenbildung minimiert. „Lärchen neigen dazu, schnell dickes Holz zu machen“, so der Fachmann.
„Die Bäume sehen ziemlich anders aus“, sagt Olaf Bublitz mit Blick in die Runde. Der von der Nippon-Bonsai-Association zertifizierte Bonsai-Designer aus Schwäbisch Gmünd hat sich beim Workshop ein paar Schnitttipps für seine rund 20 Jahre alte Eiche geholt, ein Bonsai, der einst als Setzling in einem normalen Wald wuchs. „Und der Wacholder ist jetzt immerhin ein Pre-Bonsai“, sagt Udo Fischer augenzwinkernd.