Wozu der Mensch Fieber braucht Warum wir nicht nur bei Krankheit fiebern

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Wer krank ist, darf auch fiebern – sagen die Ärzte. Zwar ist die innere Hitze ein Relikt aus uralter Zeit, das aber dem modernen Menschen unbedingt erhalten bleiben sollte.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

Die Vorzeichen sind seit Jahrmillionen dieselben: Der Körper beginnt, gegen jede Form der Anstrengung zu rebellieren, dazu kommt ein unangenehmes Frösteln. In den nächsten Stunden steigt die Körpertemperatur auf mehr als 39 Grad. Der Körper kämpft, während der Geist sich nach Ruhe sehnt. So fühlt sich Fieber an.

 

Wer jetzt gleich zu Ibuprofen und Paracetamol greifen möchte, ist medizinisch nicht gut beraten: Vor allem Haus- und Kinderärzte raten dazu, bei fiebrigen Infekten bitte keine Medikamente zu nehmen, um die hohe Körpertemperatur wieder herunter zu regulieren. Im Jahr 2025 wurde dazu unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin eine Leitlinie erarbeitet, die kurz zusammengefasst besagt, ansonsten gesunde Kinder und Jugendliche ruhig mal fiebern zu lassen.

„Auch wenn es sich paradox anhört, so können sich Kinder mit Fieber besser vor einer Erkrankung schützen, da die Immunabwehr bei höherer Körpertemperatur besser arbeitet“, sagt der Kinderarzt David Martin, der das Institut für Integrative Medizin (IfIM) an der Universität Witten/Herdecke leitet und mit weiteren Kollegen diese Fieber-Leitlinie verfasst hat.

Fieber – auch über 40 Grad – muss nicht zwingend schaden

Auch bei Erwachsenen ist hohes Fieber „zunächst eine normale und gute Reaktion des Körpers, um eine Infektion zu bekämpfen“. So steht es im Patientenmerkblatt für fiebrige Infekte, das Hausärzte in Baden-Württemberg gemeinsam erstellt haben. „Wer ansonsten in einem gesunden Allgemeinzustand ist, dem müssen höhere Körpertemperaturen über mehrere Tage nicht zwingend schaden. Es kann für den Körper der richtige Weg sein, die Infektion selbst in den Griff zu bekommen – fiebersenkende Schmerzmittel wären dann nicht sinnvoll.“

Das klang bis weit in das 19. Jahrhundert hinein noch anders: Damals galt Fieber als eine Krankheit. Patienten wurden von Ärzten zur Ader gelassen, um die schlechten Säfte ausströmen zu lassen. Und allerlei obskure Heilmethoden wurden angewendet, um das Fieber loszuwerden. Erst nach Entdeckung der Immunzellen durch den russisch-französischen Biologen Elias Metschnikoff begann die Wissenschaft zu verstehen, dass Fieber keine Krankheit ist, sondern ein Symptom für den Abwehrkampf des Körpers. Mit der Entwicklung von Aspirin, Ibuprofen und Paracetamol allerdings kam man zu der Überzeugung, dass auch dies dem Menschen erspart bleiben könnte.

Fieber bekmmen auch Tiere

Dabei ist die Fähigkeit, sich mit Erhöhung der Körperwärme schädliche Viren, Bakterien und Parasiten vom Leib zu halten, ein Konstrukt der Evolution, das sich nicht nur beim Menschen erhalten hat. Fieber gibt es auch im Tierreich. Die Temperatur macht den Unterschied: Während der Mensch ab 38,5 Grad Celsius fiebrig wird, beginnt die heiße Phase bei Tauben bei 41 Grad, bei Hunden sind 42 Grad Celsius normal.

Selbst wechselwarme Tiere versuchen, mit Erhöhung ihrer Körpertemperatur lästige Erreger loszuwerden: Nilbarsche aus den Subtropen etwa, die mit einem bestimmten Bakterium infiziert sind, suchen wärmeres Wasser auf. Forscher sind sich daher sicher, dass die Tiere auf diese Weise eine Fieber-Reaktion imitieren, um ihr Immunsystem zu aktivieren. Auch von Eidechsen ist bekannt, dass sie bei Krankheit länger in der Sonne liegen bleiben.

Bei manchen Krebstherapien hilft es, die Körperwärme lokal hochzutreiben

Die vom Körper aufgebaute Hitze wirkt dabei als Katalysator, der viele Prozesse beschleunigt: Viren brauchen für eine schnelle Ausbreitung eine normale Körpertemperatur. Steigt sie, fällt es ihnen viel schwerer, sich zu teilen. Gleichzeitig wird das Immunsystem mittels Fieber auf Hochtouren gebracht: Weiße Blutkörperchen können sich bei erhöhter Temperatur stärker vermehren als andere Zelltypen und häufiger aus den Blutgefäßen in das umgebende Gewebe wechseln, um dort Erreger zu bekämpfen.

Diesen Effekt machen sich Krebsforscher zunutze: „Krebszellen sind wärmeempfindlich“, sagt Hans-Georg Kopp, der die Abteilung für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart leitet. Bei der regionalen Tiefen-Hyperthermie werden Tumore mit elektromagnetischen Wellen auf bis zu 42 Grad Celsius erwärmt. Die Krebszellen werden zerstört und das Immunsystem aktiviert. „Die Wirkung der klassischen Krebstherapien kann so verstärkt werden“, sagt Kopp. Bei Weichteilsarkomen hat diese Methode in Kombination mit Chemo- und Strahlentherapie in einer klinischen Studie zu besseren Behandlungsergebnissen geführt.

Auch Sportler fiebern bei Wettkämpfen

Die innere Hitze dient aber nicht nur der Therapie und Heilung. Fieberhafte Temperaturen sind bei Sportlern durchaus normal: „Beim Laufen arbeitet die Muskulatur intensiv und produziert dabei Wärme“, sagt Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln. „Während moderater bis intensiver Belastung kann die Körperkerntemperatur auf bis zu 39 Grad Celsius ansteigen, bei hoch-intensiver Belastung auch darüber.“ In Studien messen Ausdauersportler daher nicht nur Herzfrequenz und Kilometerzahl, sondern überwachen auch während des Trainings ihre Körperkerntemperatur – auch, um nicht in die Gefahr einer Überhitzung zu geraten.

Überhitzung versucht der Körper zu umgehen, indem er schwitzt. Zudem erhöht sich die Atemfrequenz, und die Blutgefäße der Haut werden weiter, um die innere Wärme nach außen abzugeben. „In der Regel normalisiert sich die Körpertemperatur innerhalb von 30 bis 60 Minuten nach Beendigung der Belastung“, so Predel. Bei gut trainierten Personen geht die Regulation oft schneller.

Astronauten fiebern im Weltall

Doch nicht immer kann der Körper sich auf diese Weise selbst helfen: Astronauten etwa müssen bei Aufenthalten im Weltraum besonders gründlich Fieber messen. Denn im All sind Körperkerntemperaturen von 38 Grad schnell normal. „Der Körper kann die überschüssige Hitze in der Schwerelosigkeit aber kaum loswerden“, erklärt Hanns-Christian Gunga von der Charité Berlin den Effekt. Schweiß verdampfe weniger als auf der Erde. Bei Trainingseinheiten im All droht daher schnell eine Überhitzung, so der stellvertretende Direktor des Instituts für Physiologie.

Allzu starke Abweichungen der Körperkerntemperatur beeinflussen nicht nur die physische und mentale Leistung. Schlimmstenfalls werden Eiweißverbindungen zerstört, wichtige Körperzellen sterben ab. Besonders im Gehirn treten bei zu großer Wärme irreparable Schäden auf. Vor solchen Hitzeschäden braucht ein Fieberkranker allerdings keine Angst zu haben, sagt der Kinderarzt Martin von der Universität Witten/Herdecke. „Einen Hitzschlag erleiden Menschen nicht durch Fieber allein.“ Dieser geschieht, wenn der Körper keine Möglichkeit der Abkühlung findet – etwa in einer stark überhitzten Umgebung. Oder aber wenn die körpereigene Temperaturregulierung gestört ist – wie durch eine Kopfverletzung.

Zwischen 39 und 40 Grad arbeitet das Immunsystem am effektivsten

Wie hoch oder nieder die Temperatur im Körper sein muss, bestimmt beim Menschen der Hypothalamus, die Steuerzentrale im Zwischenhirn. Und das recht zuverlässig: „Wir konnten in Studien zeigen, dass der Durchschnitt aller Fieberspitzen bei Kindern eine Gaußsche Kurve bilden“, sagt Martin. Demnach liegt die durchschnittliche Fieber-Temperatur bei Kindern bei 39 Grad Celsius. „Das deutet darauf hin, dass das Immunsystem irgendwo zwischen 39 und 40 Grad am effektivsten arbeitet.“

Der beste Umgang mit Fieber ist daher, dass man die Erkrankten aus ihrem Alltag komplett herausnimmt. „Gerade Kinder sollten das Gefühl haben: Ich darf jetzt krank sein“, sagt Martin. Dieses Gefühl der Geborgenheit ist in der Akutphase einer Erkrankung sehr wichtig – auch bei fiebernden Erwachsenen, so der Experte: „Zuwendung ist nicht nur ein elementarer Beitrag für ein gut funktionierendes Immunsystem, es dient auch der Beziehungspflege.“

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