Wünschewagen in Ludwigsburg Ein Auto für die letzten Wünsche

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Noch einmal ans Meer, ins Stadion oder ins Konzert: Der Wünschewagen erfüllt die letzten Wünsche von Todkranken.

Sogar ein Teddy fährt mit:  Das ist kein  normaler Krankentransporter. Foto: ASB
Sogar ein Teddy fährt mit: Das ist kein normaler Krankentransporter. Foto: ASB

Ludwigsburg - Einmal noch an die Ostsee reisen – auch wenn der Atem nicht mehr lange reicht. An der Hochzeit der Enkelin teilnehmen – auch wenn das Immunsystem ganz unten ist. Seinen Lieblingsfußballer im Stadion treffen – auch wenn kaum noch Kraft da ist, um die Hand zu heben. Die Wünsche – also der erste Teil davon –, die beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) landen, klingen so federleicht, dass sie kaum als Wunsch erkennbar sind. Für die Menschen, die sich damit an den ASB wenden, sind sie – wegen des zweiten Teils – trotzdem unerreichbar. Für sie wurde der Wünschewagen erfunden.

Viel Lob vom Minister

Es spielt keine Rolle, wie alt oder wie jung die Sterbenskranken sind, die sich nach der Erfüllung eines letzten Wunsches sehnen. Auch nicht, ob sie vermögend sind oder nicht. Jede Fahrt ist kostenlos. Die einzigen zwei Bedingungen, die der ASB formuliert hat, lauten: Das Ziel muss in Deutschland liegen, und es muss innerhalb eines Tages erreichbar sein. „Das ist ein großartiges Projekt“, lobte der Sozialminister Manfred Lucha am Mittwoch im Ludwigsburger Residenzschloss, wo mit einem Festakt jener Wünschewagen eingeweiht wurde, der unter Luchas Schirmherrschaft von nun an durch den württembergischen Teil des Landes fährt.

Wenn der Wünschewagen auf der Autobahn an einem vorbeiflitzt, sieht er aus wie ein normaler Krankentransporter. Mit seinen blauen und orangen Beklebungen auf der weißen Oberfläche und dem Blaulicht auf dem Dach. Im Inneren gibt es eine Sauerstoffanlage und eine Absaugpumpe, eine Notfallausrüstung ist vorhanden und viel Verbandsmaterial. Davon ist allerdings nichts zu sehen. Auffallend sind dafür die ungewöhnlich großen Fenster, auf denen kleine Sterne prangen. Ebenso wie an der Decke, wo sie grün und blau leuchten. Wer eine Fahrt im Wünschewagen unternimmt, hat meist schon unendlich viele Fahrten in einem Krankenwagen hinter sich. Deshalb solle in diesem Transporter möglichst wenig daran erinnern, sagt Silke Löser, die die Wünsche beim ASB in Ludwigsburg koordiniert und organisiert. Wer eine Fahrt im Wünschewagen unternimmt, ist deshalb auch kein Patient, sondern ein Fahrgast.

Ansteckende Begeisterung

Der erste Wünschewagen ging vor drei Jahren im Ruhrgebiet auf große Fahrten. Ein Mitarbeiter des Essener Arbeiter-Samariter-Bund hatte beim Urlaub in den Niederlanden die „Wish-Ambulance“ entdeckt. Von dem Konzept war der Retter aus Essen so begeistert, dass er zuhause seine Kollegen ansteckte. Nicht nur, dass der ASB-Regionalverband Ruhr seinen eigenen Wünschewagen anschaffte. Auch die Bundesgeschäftsstelle des Vereins war so angetan, dass sie beschloss: In jedem Bundesland soll mindestens ein Wünschewagen zum Einsatz kommen. In zwölf Ländern rollen sie inzwischen, und in Baden-Württemberg gibt es nun sogar zwei. Die Mannheimer, die seit einem Jahr letzte Wünsche erfüllen, sind für den badischen Landesteil zuständig.

Christine K. bringt der Wünschewagen nach Berlin. Mit ihrem Enkel besucht die krebskranke 61-Jährige dort den „Glöckner von Notre Dame“. „Für diese wertvollen Stunden kann ich nur dankbar sein“, schreibt Christine K. danach dem Potsdamer ASB. Ein schwerstbehindertes Mädchen fährt im Wünschewagen nach Hamburg, wo es mit seinen Eltern über die Elbe schippert. „Wir hätten nie gedacht, dass wir so etwas noch einmal gemeinsam unternehmen können“, berichtet die Mutter danach den Helfern vom ASB. Angelika aus Wiesbaden chauffiert der hessische Wünschewagen zum Schiersteiner Hafen, wo sie mit einer Freundin auf die Schiffe blickt und ein Eis isst. „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt“, gesteht die krebskranke Frau ihren Betreuern.

Unglaublich viele Helfer

Wer liest, wie dankbar die gezeichneten Fahrgäste sind, wer auf den Fotos, die der ASB auf seiner Homepage veröffentlicht hat, sieht, wie sie strahlen oder in Videos hört, wie Begleitern vor Bewegung die Stimme bricht – der ahnt, dass den ehrenamtlichen Betreuern eine solche Reise nicht nur viel abverlangt, sondern auch viel gibt. Und der ist nicht überrascht, dass sich die Koordinatorin Silke Löser vor Anfragen von Unterstützern kaum retten kann.

Die erste Schulung für Betreuer war schnell voll, der nächste Kurs ist bereits überbucht, und für den dritten im Januar gibt es auch schon Anfragen von Rettungssanitätern und Pflegefachkräften, die in ihrer Freizeit letzte Wünsche erfüllen wollen. An Geld fehlt es auch nicht. Viele Firmen hätten bereits angekündigt, statt Weihnachtsgeschenke zu verteilen für den Wünschewagen zu spenden, sagt Silke Löser, die momentan an der Erfüllung zweier Wünsche arbeitet.

Eine ältere Dame wird ein Gospelkonzert in der Liederhalle besuchen. Und ein Herr mittleren Alters ein Spiel des FC Bayern in der Münchner Arena. Den Wunsch eines jungen Mannes – ein Besuch bei „Starlight Express“ in Bochum – konnte die Koordinatorin nicht mehr erfüllen. Der junge Mann ist gestorben.




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