Würth Künzelsau: David Hockneys iPad-Bilder Neunzig Meter iPad-Zeichnungen

Leuchtende Punkte: David Hockney hat am iPad gemalt (Ausschnitt). Foto: © David Hockney/Würth

Der berühmte Maler David Hockney hat ein gigantisches Kunstwerk geschaffen. Aber sind iPad-Zeichnungen wirklich besser als Gemälde auf Leinwand?

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Es war ein mühsames Unterfangen. Schon früh morgens zog David Hockney mit Unmengen an Pinseln und Farben los, mit Palette, Staffelei, Tisch und Stuhl, um in Mutter Natur zu malen. Dabei geht es viel einfacher, wie er eines Tages feststellte. Die Technik macht’s möglich. Heute benötigt der britische Maler nicht mehr als sein iPad, mit dem er ins Grüne spaziert und zeichnet – digital. Keine Pinsel, die ausgewaschen werden müssen, keine schmutzigen Finger, stattdessen übernimmt der Drucker einen Großteil der Arbeit.

 

Bequemer Transport

Wie das Ergebnis ausschaut, das kann man nun im Museum Würth 2 in Künzelsau besichtigen, dem neuen Museumsbau des Schraubenkönigs Reinhold Würth, der schon lange Bilder von Hockney sammelt und ihn häufiger ins Hohenlohische zu Ausstellungen geholt hat.

Diesmal wird der Transport der Werke bequemer gewesen sein als in den Vorjahren, denn statt schwerer Leinwände mit Rahmen wurden vor allem Ausdrucke geliefert, die direkt mit Nadeln an die Wand gepinnt wurden. Umweltfreundlicher ist das allemal.

Bekannt wurde Hockney mit Bildern von schwulen Männern am Pool

David Hockney, 1937 geboren, wurde bekannt als Pop-Art-Künstler, der gern Schwimmbecken und sommerliche Szenen mit jungen Männer malte. Inzwischen widmet sich Hockney der Natur. Lange waren das die Wiesen und Wälder in Yorkshire, seit vier Jahren hat der 85-Jährige seinen Lebensmittelpunkt in der Normandie.

Die Farben strahlen satt

Und deren Idylle übersetzt der Technik affine Maler nun auf durchaus eigenwillige Weise ins Digitale. Wiesenblumen werden dabei zu kreisrunden Punkten auf dürren Strichen, grüne Würmchen formieren sich zur Wiese. Die Wirkung ist eigenwillig, die Farben strahlen satt und lecker mit künstlicher Strahlkraft.

Der berühmte Teppich von Bayeux hat ihn inspiriert

In seinem ersten Winter in der Normandie sei ihm aufgefallen, „wie schön diese Jahreszeit tatsächlich ist“, erzählt Hockney, „alles war viel farbenfroher, als ich dachte.“ So entstand ein gigantisches Projekt: „A Year in Normandie“ – ein Streifzug durch die Jahreszeiten auf stattlichen neunzig Metern, die das Publikum abläuft.

Dabei ahmt David Hockney eine berühmte Vorlage nach: den Wandteppich von Bayeux. Bei dieser Stickarbeit aus dem 11. Jahrhundert wird auf siebzig Metern eine Geschichte erzählt – die der Schlacht von Hastings.

Hockneys Panorama erzählt hingegen den Wandel der Jahreszeiten. Hier ein hübsches Holzhaus zwischen knorrigen Bäumen, die im Frühjahr bunte Punkte bekommen. Die Wiesen werden leuchtend grün, weißes Gewölk am Himmel. Und kaum hängen Äpfel an den Bäumen, fällt auch schon bald der erste Schnee.

Der Künstler hat eher die Details im Blick

So richtig überzeugend ist das Ergebnis allerdings nicht, was der Technik geschuldet ist, auf die Hockney hier baut. Er hat Bild für Bild aneinandergesetzt, sodass es zwischen den Ansichten zwangsläufig Brüche gibt, die er halbwegs zu egalisieren versuchte. Die Landschaft entwickelt sich nicht organisch weiter, sondern Wege enden abrupt, oder es fällt von jetzt auf gleich Regen vom Himmel. Liegt das an der Technik – oder doch am Künstler? In der Ausstellung bei Würth sind auch klassische Gemälde zu sehen, die verraten, dass David Hockney eher auf Details schaut – und weniger den Gesamteindruck im Blick hat. Das scheint auch daran zu liegen, dass er große Formate liebt, die aus mehreren Bildern zusammengesetzt werden.

Beim Panorama gibt es Brüche

So hat man den Eindruck, dass die drei Bäume, die er im Lauf der Jahreszeiten immer wieder porträtiert hat, in unterschiedlichen Gegenden stehen würden, weil er die einzelnen Bildelemente recht frei zusammenmontiert. Und wenn Hockney den Blick auf seine Terrasse malt, scheint es, als ginge es nur darum, verschiedene Schraffuren und Striche zusammensetzen statt sie zusammen zu denken.

Befremdliche Magie

Viele Künstler der jüngeren Generation nutzen das iPad ganz selbstverständlich, etwa um Kompositionen auszuprobieren, die sie dann auf die Leinwand übertragen. Dem Künstler Hockney ermöglicht die Technik, eine neue Spielart seiner schlichten, plakativen Motive zu erproben. Die künstliche Farbigkeit des Tablets unterscheidet sich kaum vom kühnen Lila, mit dem er gern Baumstämme und Wege malt.

Und doch: Während die Gemälde durch diese eigenwillige Farbigkeit eine befremdliche Magie entwickeln, spricht aus den iPad-Werken oftmals nur noch gepflegte Langeweile.

Ausflug ins Hohenlohische

Museum
Das Museum Würth 2 ist der jüngste Standort des Würth-Kunstimperiums. 2020 wurde in Künzelsau ein spektakulärer Neubau von David Chipperfield eröffnet. Er liegt in einem weitläufigen Skulpturengarten und besitzt auch ein Café.

Ausstellung
„A Year in Normandie“ ist bis 16. Juli zu sehen und täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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