Stuttgart - Von außen betrachtet, hat Württemberg einen hervorragenden Ruf. Als „up-and-coming region“ bezeichnete die „New York Times“ das Anbaugebiet im vergangenen Sommer und empfahl zur Pandemieverarbeitung einen Weißburgunder vom Weingut Dautel. Im Blog Wine Collective war 2019 „der Aufstieg aufregender Weine“ aus Württemberg Thema: Nacheinander wurden darin Jochen Beurer, Helmut Dolde und das Weingut Roter Faden gefeiert. Vor nicht ganz vier Jahren stand in Robert Parkers „Wine Advocate“, dass Württemberg noch nicht die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient hat. Die Weingüter Aldinger, Karl Haidle, Beurer, Markus Heid, Jürgen Ellwanger, Andi Knauß und Rainer Schnaitmann überzeugten darin den Tester mit ihren Weinen.
Viele Betriebe stellen auf ökologische Bewirtschaftung um
„Im Moment ist Württemberg die innovativste Region überhaupt in Deutschland“, sagt Markus Drautz. Viele Betriebe würden auf ökologische Bewirtschaftung umstellen, nennt er als Beispiel. Die Naturweinbewegung mit dem Weingut Roter Faden an der Spitze hat um sich gegriffen. Weniger Technologieeinsatz, um individuellere Weine zu erzielen, nennt er als weiteren Trend, oder Chardonnays, die wirken, als kämen sie aus dem Burgund. „Das finde ich großartig an uns“, sagt der Vorsitzende der Württemberger Sektion des Verbandes der Prädikatsweingüter (VDP). Er selbst hat sich auf die Maischevergärung bei Weißweinen eingelassen, obwohl er sie am Anfang verteufelte. „Das ist für mich Qualität“, sagt er. Es gibt nur ein Problem: Sie wird bundesweit nur in Fachkreisen erkannt.
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Sogar in den Artikeln der New Yorker Blogger taucht das alte Vorurteil von der „Trollinger-Republik“ auf. Bei der Hausmesse eines Hamburger Weinhändlers ist es Markus Drautz wieder aufgefallen, was für ein Image Württemberger Wein außerhalb der Anbauregion hat: Bei badischen Kollegen standen die Besucher Schlange, bei ihm wollten viel weniger probieren. In Österreich sind die Weinliebhaber dagegen ganz begeistert von seinem Weißburgunder, weil dorthin nie die Diskussion um das schwäbische Nationalgetränk übergeschwappt ist. Dabei ist der Württemberger nicht erst seit heute oder gestern hervorragend, sondern überzeugt seit geraumer Zeit. Die gerade in New York gefeierten Winzer Jochen Beurer und Helmut Dolde sind schließlich schon seit Jahrzehnten im Geschäft.
Württemberger Wein verbessert sich konstant
Es ist Legende, und deshalb muss es an dieser Stelle erwähnt werden: Vor genau 25 Jahren hatten die Grünen zu einer Anhörung in den Landtag geladen. Die Zukunft des Weinbaus und die Trollinger-Republik standen zur Diskussion. Ernst Dautel und der Sommelier und Weinhändler Bernd Kreis schenkten den Württembergern dabei reinen Wein ein. Mit dem dünnen Trollinger lasse sich kein Staat machen, sagten sie. Dass ausgerechnet diese Rebe die allerbesten Lagen besetzte, hielten sie für eine Verschwendung. Spätburgunder oder Lemberger wären dort besser aufgehoben. Bernd Kreis forderte mehr Spitzenweine ein und machte den Württemberger gesellschaftsfähig.
Seither hat sich der Württemberger Wein konstant verbessert. Das lässt sich rein statistisch nachverfolgen. Vor 15 Jahren waren im „Gault Millau Weinguide“ für Deutschland rund 50 Württemberger Weingüter und Genossenschaften vertreten, davon weniger als zwei Drittel mit einer Bewertung von einer bis vier Trauben. Im 2020er Führer sind es 74 Weinproduzenten. Während 2006 nur das Weingut Aldinger vier Trauben hatte, zählt es laut „Gault Millau“ nun mit fünf zur Weltklasse und mit Dautel, Jürgen Ellwanger, Karl Haidle, Graf Neipperg, Rainer Schnaitmann und Hans-Peter Wöhrwag zählen sechs zur deutschen Spitze. Das ist weniger als in den Gebieten Mosel, Rheingau oder Pfalz, aber mehr als in Rheinhessen oder Franken. Die Qualitätsoffensive unterstreichen die hiesigen Weinbaubetriebe auch mit ihrer Teilnahme an der Württemberger Weinmeisterschaft. Knapp 200 Weine wurden eingesandt zum ersten Publikumsweinpreis von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten. Das zeigt: Die Württemberger scheuen den Vergleich nicht.
Die Region hebt sich deutschlandweit ab
„Hier muss sich niemand verstecken“, sagt Dirk Romann. Die Region inklusive der sie prägenden Genossenschaften habe sich deutschlandweit hervorgetan, findet der Sommelier des Stuttgarter Sternelokals 5. Dürrenzimmern nennt er als Beispiel oder die Stuttgarter Kooperativen Weinfactum und das Collegium Wirtemberg. Die innovative Art, Wein zu machen, schreibt er dem Generationenwechsel zu. Als er vor fast zehn Jahren seine Stelle antrat, schenkte er statt Aldinger und Haidle Aufsteiger wie Jens Zimmerle aus. Der Korber ist längst etabliert, ihm folgten Neulinge wie Marcel Idler oder Leon Gold oder neuerdings das wegen seines Naturweins gehypte Weingut Roter Faden.
Aber selbst Dirk Romann muss noch mit Vorurteilen kämpfen. Von einheimischen Gästen bekommt er oft zu hören, dass sie alles, bloß keinen deutschen Rotwein oder gar Trollinger trinken wollen. Als vor der Coronapandemie im 5 vor allen Englisch, Französisch und Japanisch gesprochen wurde, wollten die internationalen Gäste vor allem regional trinken. „Ich sage immer noch den alten Spruch auf: Kenner trinken Württemberger“, erzählt Dirk Romann.