Württembergischer Kunstverein Deutsche Kolonialverbrechen: Kann die Kunst Wunden heilen?

Einst universitäre Realität in Deutschland: Schädelanalyse zum Beweis der „Überlegenheit“ weißer Menschen gegenüber den Völkern Afrikas (hier eine Szene aus dem Film „Der Vermessene Mensch“ von 2023 Foto: Arthaus

Werden die deutschen Kolonialverbrechen wirklich aufgearbeitet? Die Künstlergruppe Forensic Architecture/Forensic hat Zweifel. Warum? Das zeigt sie in Stuttgart.

Bei der Aufarbeitung deutscher Kolonialverbrechen in Südwestafrika spielt Baden-Württemberg seit langem eine besondere Rolle. Intensiv haben Theresia Bauer (Grüne) als Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst und nicht minder seit 2021 ihre Nachfolgerin Petra Olschowski (Grüne) bei der Bundesregierung für eine nationale Initiative umfassende Rückgabe geraubter Kunstschätze wie auch menschlicher Artefakte geworben. Geht es nach dem Willen des neuen Kunststaatsministers Wolfram Weimer (CDU), steht jedoch eine Kehrtwende in der Auseinandersetzung mit den Realitäten deutscher Kolonialpolitik zwischen 1890 und 1918 an. Das Thema Kolonialismus soll in den Konzeptionen der von der Bundesregierung unterstützten Gedenkstätten keine Rolle mehr spielen.

 

In diese Debatte hinein meldet sich die international vernetzte und aktive Künstlergruppe Forensic Architecture/Forensis zu Wort. Unter anderem mit zwei Filmen will Forensic Architecture/Forensis eigene Forschungen zum Thema präsentieren. An diesem Samstag, 15. November, sind die Filme zu sehen – im Württembergischen Kunstverein Stuttgart. Dort also, wo das Leitungsduo Iris Dressler und Hans D. Christ 2024 unter dem Titel „Three Doors“ die größte Ausstellung mit den Arbeiten von Forensic Architecture/Forensis zu den rassistisch motivierten Morden 2020 in Hanau präsentieren konnte.

Engagiert auch für die künstlerische Forschung: WKV-Leitungsduo Iris Dressler und Hans D. Christ Foto: wkv stuttgart

Die Filme, heißt es, „gehen der Geschichte, den Folgen und Kontinuitäten des deutschen kolonialen Genozids in Namibia (1904–1908) nach: bezogen auf das Konzentrations- und Todeslager auf Shark Island, einer (heutigen) Halbinsel im Hafen von Lüderitz (vormals Angra Pequena), sowie auf das Hornkranz-Massaker 1893 an den Witbooi-Nama“. Beginn ist um 13 Uhr. Im Anschluss findet eine Debatte statt, an der auch Mark Mushiba von Forensic Architecture/Forensis, Sima Luipert, Mitglied der Nama Traditional Leaders Association (NTLA), sowie Nandiuasora Mazeingo, Vorsitzender der Global Ovaherero Genocide Foundation (OGF), teilnehmen.

Zum Hintergrund der Forschungen von Forensic Architecture/Forensic schreibt der Kunstverein: „Sowohl das 1905 von der deutschen sogenannten Schutztruppe errichtete Lager als auch die auf die deutsche Gewaltherrschaft zurückgehenden Massengräber auf Shark Island drohen, als Stätten des Erinnerns, Gedenkens und der Verantwortung zu verschwinden. Grund dafür sind der Tourismus, Immobilienspekulationen sowie Sonnen- und Windkraftindustrie, an der ausgerechnet ein deutsches Unternehmen beteiligt ist. Auf Initiative von und in Zusammenarbeit mit den betroffenen indigenen Organisationen arbeitet Forensic Architecture/Forensis daran, dem Verschwinden dieser Erinnerungsorte entgegenzuwirken.“

Und weiter: „Dies gilt auch für die Zeugnisse der von Deutschland 1893 verübten Vertreibung und Vernichtung der Nama auf Hornkranz, einer Ansiedlung der Witbooi-Familie. Die Folgen der kolonialen, genozidalen Gewalt haben sich dort unter anderem in massiven Umweltveränderungen niedergeschlagen.“

Bittere Fragen zum deutschen Kolonialismus

Bittere Fragen bleiben: Weiterhin zuvorderst die Anerkennung dieses Genozids – gültig ist hier noch immer die Einschränkung „aus heutiger Sicht“ –, aber auch das Ob, Was und Wie von Restitutionen und Entschädigungen. Unterstützt wird der Tag im Württembergischen Kunstverein Stuttgart durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg.

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