Wulffs Rücktritt Wulffs Scheitern beginnt schon bei der Wahl

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Wulffs Präsidentschaft stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Der Niedersachse galt sein Leben lang als Hoffnungsträger. In dem Moment, als Merkel ihn zum Kandidaten für das höchste Staatsamt kürte, waren diese Hoffnungen zerstoben. Die Sympathien vieler Bürger und Medien galten dem Konkurrenten Joachim Gauck, den der „Spiegel“ vorab als „besseren Präsidenten“ titulierte. Drei Anläufe benötigte Wulff, um in der Bundesversammlung die nötige Mehrheit zu erreichen. Gegen den Publikumsliebling Gauck erschien seine verpatzte Wahl wie der Sieg eines Sachwalters der politischen Klasse über einen, der Sand in ihrem Getriebe gewesen wäre. Nun erweist sich, dass der Präsident Wulff der politischen Klasse noch mehr geschadet hat.

Kaum war Wulff von Hannover ins Schloss Bellevue umgezogen, da flog er mit der First Lady nach Mallorca ins Luxusdomizil des Unternehmerfreundes Maschmeyer. Dieser Fauxpas deutete schon an, was Wulffs größtes Problem sein könnte. Was von seiner Zeit als Präsident bleiben wird außer der Erinnerung an ein undurchschaubares Dickicht von Affären, ist vielleicht nur ein einziger Satz: jener Satz in seiner ersten großen Rede, mit dem er den Islam in Deutschland eingemeindet hat. Auch dieser Satz entfachte mächtigen Gegenwind, gerade aus den eigenen Reihen. Aber Wulffs Karriere hatte sich in ständigem Gegenwind geformt. Das erklärt vielleicht den Durchhaltewillen, der letztlich nur noch wie Sturheit erschien.

Die Medienschelte lenkt vom eigentlichen Problem ab

Man kann verstehen, dass sich Wulff von den ihm nachstellenden Journalisten verletzt fühlte, auch wenn er bisher nur wenige Vorwürfe widerlegen konnte. Aber auch wenn er sich gerne als Medienopfer inszeniert hätte, so war die enthemmte Jagdlust einzelner Journalisten am Ende gewiss nicht sein größtes Problem. Denn er konnte nirgendwo mehr unbefangen auftreten. Kein öffentlicher Platz war für ihn eine geschützte Zone. Auf Staatsbesuch in Italien hat er es diese Woche versucht, da wollte er Normalität erzwingen. Aber es ging nicht mehr. Kaum eine Antwort, die er unbefangen geben konnte, bei der er nicht auf den Hintersinn seiner Worte achten musste. Als er in Rom neben dem italienischen Staatspräsidenten Napolitano stand, lief zunächst alles gut, bis die zwei Präsidenten gefragt wurden, wie der Korruptionsschutz in beiden Ländern zu verbessern sei. Was sollte er da noch sagen? In der Mailänder Wirtschaftsuniversität Bocconi fragte ihn ein Student, was einen guten Politiker auszeichne? Wieder musste sich Wulff auf einer schiefen Ebene fühlen.

Man weiß nicht, ob irgendwann in einem stillen Moment auch in Christian Wulff die Frage zu arbeiten begann, wie er überhaupt noch auftreten, Reden halten, wichtige Themen ansprechen sollte. Vielleicht war es am Sonntagabend so, kurz vor der Abreise nach Italien. Wulff hatte zur Berlinale das Filmvolk zu einem Empfang geladen. Schon Tage vorher wurde in deren Kreisen eine Frage debattiert: zusagen oder absagen? Am Abend dann gespenstische Szenen im Schloss. Zögerlich fahren Limousinen vors Portal. Kaum einer, der aussteigt, dreht sich zu den Fotografen um. Lieber keine Bilder von dieser Nähe zum Präsidenten. Oben im großen Saal werden es am Ende kaum hundert Gäste.

Wulffs Mitarbeiter sind derart in der Defensive, dass Journalisten sich nicht frei im Raum bewegen dürfen, um mit Gästen zu sprechen. Sogar die Zahl der Eingeladenen wird zum Staatsgeheimnis. Wer fehlt, das lässt sich allerdings nicht verbergen: praktisch der gesamte deutsche Film. Wulff betritt schließlich den Raum, graugesichtig, steifbeinig, allein. Seine Rede gerät zu einer Reihung von Plattitüden übers Kino – nach den Berichten über die Gefälligkeiten des Filmfinanziers David Groenewold bewegt er sich auch hier auf verbal vermintem Gelände.

Seine Frau bleibt an seiner Seite

Während Christian Wulff seinen Rücktritt verkündet, steht neben ihm mit ernstem Blick seine zweite Frau Bettina. Wulff bedankt sich – genau wie später die Kanzlerin – sehr ausdrücklich bei ihr. Er nennt sie die „Repräsentantin eines modernen Deutschland“. Was damit genau gemeint ist, bleibt offen. Tatsächlich ist die große, blonde Frau mit den Kinderaugen vor allem ein Teil der öffentlichen Figur Wulff: sie hat Anteil an seinem Erfolg und auch an seinem Absturz. Der biedere Herr Wulff, verheiratet, katholisch, ein Kind, verliebte sich in die alleinerziehende Mutter und PR-Frau und verließ seine Familie. Das war riskant für den Ruf des konservativen Politikers. Aber es gelang beiden, aus dieser Lebenswende die bestmögliche Außenwirkung herauszuholen. Die neue Beziehung ließ den Mann, der bisher immer so korrekt gewirkt hatte, besser aussehen: menschlicher, weil fehlbar, moderner, jünger, fast glamourös. Im Wahlkampf ums Präsidentenamt präsentierte sich Wulff als Vater einer Patchworkfamilie, der die Lebenswirklichkeit vieler Familien versteht. Im Amt gab Bettina Wulff ihrem Mann dann einen schönen Schimmer, wirkte immer freundlich, sympathisch, einnehmend.

Aber auch fast all die Fehler, die Wulff nun den Verbleib im Amt unmöglich machten, diese Einladungen in die Welt der Reichen und Schönen fallen ebenfalls in die neue Lebensphase mit Bettina Wulff. Der Glamour wurde zum Teil des Images.

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