Wulles Comeback auf dem Wasen Vom Auf und Ab einer Stuttgarter Bierlegende

Von Uwe Bogen 

Nach 50 Jahren kehrt Wulle auf den nächsten Wasen zurück. Von 1861 bis 1971 ist das Bier an der Neckarstraße gebraut worden. Die Marke verschwand, erlebte ein Comeback, das nun im Festzelt mündet. Erinnerungen an eine Legende mit Bügel.

Die Brauerei Wulle mit Brauereigaststätte befand sich bis 1971 an der damaligen Neckarstraße in Stuttgart – dort, wo sich heute das Hotel Le Méridien befindet Foto: Wulle/lDinkelacker 8 Bilder
Die Brauerei Wulle mit Brauereigaststätte befand sich bis 1971 an der damaligen Neckarstraße in Stuttgart – dort, wo sich heute das Hotel Le Méridien befindet Foto: Wulle/lDinkelacker

Stuttgart - Bei WWW dachte damals keiner an World Wide Web. WWW – das war die Abkürzung für „Wir wollen Wulle“. In den 1930ern ist der Werbeslogan erfunden worden, den Bierfans gern erweitert haben. „Wir wissen, warum wir Wulle wollen, weil Wulle wohlbekömmlich wirkt“, hörte man. Oder aber auch Spott: „Wenn Wulle warm wird, wirkt Wulle wie warmes Waschwasser.“

1971 hatte Dinkelacker den Konkurrenten Wulle übernommen und ruck-zuck vom Markt genommen. 37 Jahre lang durfte keiner mehr Wulle wollen. Seit 2008 wird das Bier mit der großen Tradition wieder an der Tübinger Straße gebraut. Im nächsten Jahr kehrt es auf den Cannstatter Wasen zurück – dorthin, wo Wulle über Jahrzehnte zum Volksfest gehörte wie die Fruchtsäule.

Göckelesmeier wechselt von Hofbräu zu Wulle

Wulles Comeback landet bei Göckelesmeier. Die Festwirte Karl und Daniela Maier wollen der alten Marke „zu neuem Glanz“ verhelfen. Beim nächsten Volksfest wechseln sie daher von Hofbräu zur Konkurrenz Dinkelacker, die hinter Wulle steht. Hofbräu wiederum war zuvor zum Lieferant im Zelt von Sonja Merz geworden. Damit, heißt es auf dem Wasen, herrscht wieder der alte Stand im Brauerei-Wettstreit um Umsätze.

Dort, wo sich heute das Hotel Le Méridien und Ministerien des Landes befinden, hat es einst nach Gerstensaft gerochen. Es war ein weiter Weg von der Brauerei bis zum Fünf-Sterne-Hotel. 1859 hatte Ernst Imanuel Wulle die Grundstücke Neckarstraße 60/62 erworben, die sich bis zur Mitte des Kernerplatzes erstreckten. Der nahe Tübingen geborene Brauer kam aus einfachen Verhältnissen und hatte in der Großstadt Stuttgart sein Handwerk erlernt. Die Heirat mit Wilhelmine Stotz, die aus reichem Hause stammte, brachte ihm das nötige Kapital, um die Wulle-Brauerei zu gründen.

1971 wurde die Brauerei an der Neckarstraße stillgelegt

Wulle musste wie all seine Kollegen kämpfen. Bier war im Vergleich zu Wein teuer – die Württemberger bevorzugten ihr Viertele und Most. Für Erfolg sorgte seine Brauereigaststätte an der Neckarstraße, in der legendäre Tanzabende stattfanden. Wulle kümmerte sich nicht nur um die Bierkultur. Sein Unternehmen baute 1900 den Friedrichsbau und begründete damit die Varieté-Tradition in Stuttgart. Von Juli 1942 an wurde das von der Brauerei hergestellte Spezial-Bier nur an Soldaten ausgeliefert. Bomben zerstörten 1943 die Malzerei und beschädigten das Brauereigebäude.

Nach Kriegsende erholte sich die Firma Wulle – der Bierverkauf stieg kontinuierlich. Der Werbespruch „Wir wollen Wulle“ war in aller Munde. Die Geschichte der Stuttgarter Brauereien liest sich wie ein Spielplan von Monopoly. Ständig kaufte irgendwer irgendwen auf. 1971 legte Dinkelacker mit dem Kauf von Wulle das Ende des bisherigen Wettstreits fest. Die Brauerei an der Neckarstraße wurde stillgelegt und abgerissen.

Für Jahre entstand eine hässliche Baulücke. Damals blieben Warnungen aus. Keiner dachte daran, dass eine Stadt sorgsam mit der Architektur der Vorfahren umgehen muss, dass man aus alten Gebäuden etwas Neues machen kann, dass Flair und Charme einer Metropole auch von ihrer historischen Bausubstanz abhängen.

„Ich will ein Bier von dir“

In der Brache entstanden das Hotel Interconti, aus dem später das Fünf-Sterne-Hotel Le Méridien hervorgegangen ist, sowie Ministerien des Landes. An die Geschichte des Ortes erinnern heute der Wulle-Steg, der über die Willy-Brandt-Straße führt, sowie die Wulle-Staffel zum Kernerplatz.

2008 hatten Marketingstrategen von Dinkelacker die Idee, im Abwehrkampf gegen das Rothaus-Tannenzäpfle mit kleinen Bügelflaschen dem Retrotrend zu folgen. Es war ein hartes Stück Arbeit, die Chefs der Brauerei zu überzeugen. Die Werbung mit alten VW-Bussen und rot-weißem Original-Logo übertraf die Erwartungen. Ein neuer Wulle-Spruch auf Karten hat nun das Zeug zum Klassiker: „Ich will ein Bier von dir!“

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