Wunschkonzert beim Podium-Festival Was Esslinger Musik-Liebhabern zu Herzen geht

Für das neue Format „Wunschkonzert“ wurde nach „Herzensstücken“ des Publikums gefragt. Foto: Roberto Bulgrin

Gewöhnlich geben die Profis beim Esslinger Podium-Festival den Ton an. Nun hat ein Wunschkonzert dem Publikum Gelegenheit geboten, selbst das Programm zu bestimmen.

Musik kann unterschiedlichste Emotionen wecken. Sie kann fröhlich oder traurig stimmen, sie kann trösten, Freude bereiten und das Herz hüpfen lassen. Jeder Mensch reagiert anders auf Musik, und jeder hat seine Herzensstücke. Die Musikerinnen und Musiker des Esslinger Podium-Festivals überraschen ihr Publikum immer wieder, doch sie lassen sich auch gerne mal überraschen: Gelegenheit dazu bot nun ein „Wunschkonzert“ im Bürgersaal des Alten Rathauses – ein neues Festivalformat, das sich dauerhaft etablieren soll.

 

Das Podium hat den Saal für einen Abend in ein Wohnzimmer verwandelt: Die Blickrichtung des Publikums wurde gegenüber den Gemeinderatssitzungen um 90 Grad gedreht, nostalgische Sesselchen, ein Tisch, ein Teppich, eine Stehlampe, dazu behutsam gesetzte Lichteffekte und einige Zimmerpflanzen schufen eine heimelige Atmosphäre. „Klassische Musik beschäftigt sich oft viel zu sehr mit sich selbst. Uns hat der Musikgeschmack unseres Publikums interessiert“, verriet der Festivalchef Joosten Ellée, der „eine wunderschöne Klangreise“ versprach.

Esslinger stelle ihre Favoriten vor

Der Festival-Leiter Joosten Ellée führte einfühlsam durchs Programm. Foto: Roberto Bulgrin

Schon vor Wochen hatte die Podium-Crew ihr Publikum eingeladen, Lieblingsstücke mit eigener Geschichte zu benennen. Aus den Einsendungen wurden drei Stücke ausgewählt, die Isabelle Raphaelis (Flöte), Dorina Jung (Klarinette), Robert Menczel (E-Gitarre) sowie Alexandra Maria Seywald und William Overcash (beide Geige) in neuen Arrangements zum Klingen brachten. Verbindende Stücke aus dem Podium-Repertoire sollten sich mit den drei „Herzensstücken“ zu einem „emotional facettenreichen Konzertabend“ verbinden und die Stadtgesellschaft mit den Musikerinnen und Musikern in einen einzigartigen Dialog ohne Worte treten lassen. „Musik kann sehr kommunikativ sein. Gute Kommunikation wird in diesen Zeiten immer wichtiger“, befand Ellée.

Die Ouvertüre mit Alexandra Maria Seywalds „Die Welt sollte sich umgestalten“ weckte Erinnerungen an Hildegard Knefs Hit „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ – der Titel von Seywalds Komposition gab den Kurs für den Rest des Abends vor. Zu jedem der drei „Herzensstücke“ hatte die Podium-Crew eine klassische Komposition ausgewählt, die eigens neu arrangiert erklang, ehe Ellée mit den drei Gästen über deren „Herzensstück“ plauderte. Die junge Musikliebhaberin Maren Gröner hatte Hans Zimmers „Time“ ausgewählt: „Wenn ich dieses Werk höre, habe ich das Gefühl, die Zeit bleibt für einen Moment stehen. So, als würden sich Raum und Zeit verändern und als könnte ich in eine komplett andere Welt eintauchen.“ Dazu passte ganz wunderbar Johann Sebastian Bachs Fuge a-Moll aus „Das wohltemperierte Klavier“.

Lieblingsstücke neu entdeckt

Podium-Musiker interpretierten die Lieblingsstücke des Publikums auf ihre eigene Weise. Foto: Roberto Bulgrin

Alena Oßmann hatte sich für „Saturn“ von Sleeping at Last entschieden: „Das Intro baut sich langsam auf, bis es Raum schafft für einen der schönsten und vielschichtigsten Texte, die ich je gehört habe“, verriet sie und lobte das neue Konzertformat: „Es ist ein Erlebnis, diese Musik, die man genau kennt, plötzlich ganz anders interpretiert zu hören.“ Kontrastiert wurde „Saturn“ mit einer Bearbeitung von Hildegard von Bingens „Oh virtus Sapientie“.

Seine bewegendsten Momente erlebte das Wunschkonzert, als Bernd Riedel seinen Favoriten vorstellte: „Gute Nacht“ aus Franz Schuberts ‚Winterreise’, die ihn an die düstersten Momente der Flucht aus Polen 1945 erinnerte. „Viele Jahre später wurde die Winterreise auf der Schwäbischen Alb aufgeführt“, erzählte Riedel. „Das war, als ob sich etwas geöffnet hätte, und ich habe mich selbst gesehen in diesen Flüchtenden. Man kann die Winterreise auch als politische Dichtung betrachten: Hilflosigkeit gegen Macht, Ausgeliefertsein und Zwang.“

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