Wut kontrollieren Warum Kinder ihre Eltern so oft auf die Palme bringen
Niemand ruft so zuverlässig Wutanfälle hervor wie die eigenen Kinder. Sie deswegen anbrüllen? Geht gar nicht. Aber kann man Wut überhaupt angemessen ausdrücken?
Niemand ruft so zuverlässig Wutanfälle hervor wie die eigenen Kinder. Sie deswegen anbrüllen? Geht gar nicht. Aber kann man Wut überhaupt angemessen ausdrücken?
Der Vater muss zur Arbeit, das Kind will unbedingt noch ein Buch zu Ende anschauen. Der Mutter ist nach zwei Stunden auf dem Spielplatz herumstehen kalt, sie möchte nach Hause. Das Kind aber ist beim Rutsche hochrennen gerade erst so richtig in Fahrt gekommen. Nach einer vollen Arbeitswoche würden die Eltern am Samstag gern mal ein bisschen länger schlafen und gemütlich frühstücken. Die Kinder freuen sich dagegen darauf, dass Mama und Papa endlich Zeit haben für einen Ausflug – auch schon morgens um 7 Uhr.
Kinder fühlen sich inmitten einer ausgekippten Legokiste wohl, Eltern sehnen sich nach einer Wohnung, durch die sich nicht täglich eine Schneise der Verwüstung zieht. Sie lesen gern Zeitung, Kinder bringen „Drache Furzipups“-Bücher. Eltern gehen gern spazieren, Kinder eher nicht. Kinder sind laut, Eltern oft ruhebedürftig.
Und das ist erst der Anfang der Liste. Denn: die Bedürfnisse von Eltern und Kindern passen sehr oft nicht zusammen. „Von daher ist es total normal, dass uns unsere Kinder wütend machen. Ja, es wäre komisch, wenn das nicht so wäre“, sagt Ute Müller-Giebeler, Professorin für Familienbildung an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln.
Sobald menschliche Bedürfnisse zu kurz kommen, ja so unterdrückt werden, dass es einen selbst physisch oder psychisch schadet, erzeugt das Zorn. Das ist für die Person selbst und ihr Umfeld eine wichtige und eindeutige Information dazu, dass eine solche Beeinträchtigung stattgefunden hat.
Trotzdem fühlen sich die meisten Eltern schlecht, wenn sie ihre Kinder anpflaumen, die Geduld verlieren, laut werden, Dinge sagen oder tun, bei denen sie sich selbst nicht wiedererkennen – und die ihnen später leidtun. Schließlich wollten sie nie zu den Eltern gehören, die ihr Kind anschreien, es fest am Arm packen, ihm verletzende Dinge sagen.
„Überforderung und Wut auf das eigene Kind sind die Hauptgründe, warum Eltern zu uns in die Beratung kommen“, sagt Stefanie Rietzler, Psychologin und Buchautorin, die in Zürich die Akademie für Lerncoaching leitet. Denn eigentlich würden die meisten Eltern heute sehr hehre Ziele im Umgang mit ihren Kindern verfolgen: sie wollen respektvoll, liebevoll und auf Augenhöhe mit ihnen umgehen und dabei nie laut werden. „Dann aber merken sie, dass ihnen das im Alltag einfach nicht immer gelingt“, so Rietzler.
Dafür schränkt der Alltag insbesondere mit kleinen Kindern über Jahre Bedürfnisse wie schlafen und Erholung, in Ruhe duschen oder essen, selbstbestimmte Zeit für sich, den Partner, für eigene Hobbys oder Freunde haben einfach zu stark ein. Hinzu kommt der menschliche Wunsch nach Anerkennung für das, was geleistet wird – und aufreibende Familienarbeit wird häufig nicht ausreichend wertgeschätzt. Und dann sind da noch die zahllosen Situationen mit Kindern, in denen sich Eltern einfach nur hilflos fühlen – weil sie nicht wissen, wie sie mit dem trotzenden Zweijährigen umgehen sollen, der im Supermarkt auf dem Boden zappelt oder mit der pubertierenden 14-Jährigen, die nur noch zickige Antworten gibt. „Wütend werden wir immer dann, wenn etwas nicht so ist, wie es aus unserer Sicht sein sollte“, fasst Stefanie Rietzler zusammen. Eltern erleben solche Situationen täglich mehrmals.
Um dabei gelassener zu bleiben, rät sie Eltern, sich zu überlegen, in welchen Situationen die Wut besonders häufig aufflammt. „Oft passiert das nämlich in den immer gleichen Momenten, etwa morgens vor dem Gehen, und der Ablauf ist wie in einem gut einstudierten Theaterstück mit den immer gleich verteilten Rollen“, sagt Stefanie Rietzler. Wenn man solche persönlichen Wutpunkte kenne, könne man daran präventiv arbeiten. Also beispielsweise den Partner darauf ansprechen, dass einem die Anerkennung für die Familienarbeit fehle. Aufgaben vielleicht anders verteilen oder einen Babysitter suchen, falls einen die fehlende Zeit für sich allein oder als Paar belastet.
Öfter mal in sich hineinhören, wie es um den eigenen Gefühlszustand bestellt ist. „Dazu kann man sich ruhig alle zwei Stunden einen Timer am Handy stellen und kurz innehalten“, findet Stefanie Rietzler. Bin ich müde? Brauche ich eine kurze Verschnaufpause, weil ich merke, dass mein Tonfall genervter wird? Trinke ich vielleicht erst einen Tee und frage dann Vokabeln ab?
Trotzdem wird es weiterhin Situationen geben, in denen die Wut bei Eltern hochkocht. „In solchen Momenten ist es ganz wichtig, dass ich mich nicht aufs Kind fokussiere, sondern schaue, wie ich mein eigenes Nervensystem runterregulieren kann“, sagt Stefanie Rietzler. Dazu könne man beispielsweise kurz die Augen schließen und die eigenen Gefühle benennen und einordnen: du bist erschöpft und das darfst du sein, damit bist du nicht allein. Aber es geht hier nicht um Leben und Tod. So würden die Emotionen schwächer und rationaler.
Ebenfalls hilfreich: tief in den Bauch atmen, ein Lied summen oder irgendwie in Bewegung kommen, sich beispielsweise ausschütteln oder auch kurz den Raum verlassen. „Wut ist ja eigentlich eine Emotion, die Energie freisetzt. Deshalb schreien und toben wütende Kinder ja oft“, sagt Stefanie Rietzler. Man könne auch versuchen, sein Gehirn mit etwas anderem zu beschäftigen, um eine Überschusshandlung zu vermeiden – beispielsweise indem man den Dingen im Wohnzimmer innerlich neue Namen gibt.
Vor allem aber müssen Eltern sich nicht zu stark selbst verurteilen, wenn sie sich mal von ihren Zorn auf die Kinder auf die Palme bringen lassen. „Schwamm drüber und weiter üben“, empfiehlt Ute Müller-Giebeler. Den Kindern gegenüber sei es aber wichtig, das eigene Verhalten in einer ruhigeren Minute zu erklären und sich dafür zu entschuldigen.
Denn diese möchten die Eltern in aller Regel mit ihrem Verhalten ja nicht ärgern, sondern haben auch ihre Bedürfnisse, für die sie einstehen und die sie gesehen haben wollen. „Und wenn Eltern grundsätzlich eine gute Beziehung zu ihren Kindern haben und diese Bedürfnisse nicht abwerten und oft genug darauf eingehen, dann lernen Kinder umgekehrt auch, auf die Bedürfnisse der Eltern einzugehen“, sagt Ute Müller-Giebeler.
Emotion
Wut versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Dadurch weiten sich die Pupillen. Der Blutdruck steigt, und auch der Puls klettert in die Höhe. Dadurch wird das Gehirn auch teilweise vor Außenreizen abgeschottet, sachliche Argumente oder Informationen haben es dann schwer, ins Gehirn vorzudringen, was Kurzschlusshandlungen fördert.