Andere Meinungen zulassen „Eine Gruppe spendet Geborgenheit“
Kontakt ist die beste Medizin gegen Vorurteile, sofern die Voraussetzungen stimmen, sagt Sozialpsychologe Frank Asbrock.
Kontakt ist die beste Medizin gegen Vorurteile, sofern die Voraussetzungen stimmen, sagt Sozialpsychologe Frank Asbrock.
Chemnitz - Frank Asbrock ist Sozialpsychologe an der TU Chemnitz. Der 44-Jährige beschäftigt sich mit Intergruppenbeziehungen und Fragen rund um Identität, Vorurteil, Diskriminierung und Hierarchien.
Herr Asbrock, was spielt sich in den Köpfen ab, wenn sich zwei Konfliktgruppen persönlich begegnen?
Lernt man einzelne Individuen der Fremdgruppe kennen und entwickelt für sie Verständnis, überträgt sich die neue Einstellung auf die gesamte Fremdgruppe. Gleichzeitig sinkt die Angst vor ihr – häufig ist ja die Ursache für Konflikte, dass man „die anderen“ als Bedrohung wahrnimmt.
Und wenn man das Gegenüber nicht leiden kann?
Das kann man nie ausschließen. Laut Forschung begünstigen vier Bedingungen ein positives Ergebnis: Die Gesprächspartner haben ein gemeinsames Ziel – zum Beispiel, den anderen besser zu verstehen. Die Personen haben gute Gesprächsbedingungen wie Raum für freie Rede, genügend Zeit und Kommunikationsregeln wie das Ausredenlassen. Keiner der Parteien dominiert das Gespräch, weder zeitlich noch zahlenmäßig. Und zuletzt sollten Autoritäten wie Parteien oder Schulen die Veranstaltung unterstützen.
Nun dürften gerade die stark Voreingenommenen eher nicht zu solchen Treffen gehen.
Das stimmt. Aber wenn es gelingt, einen Skeptiker mitzubringen, ist der Effekt bei diesem Personenkreis umso größer. Theoretisch wäre es ideal, man würde diese Menschen zur Begegnung zwingen. Auch Interventionsprogramme – zum Beispiel in Nordirland und Israel – haben Erfolge gezeigt, dort haben die Menschen teilweise gar keinen Kontakt und hassen sich regelrecht.
Wie nachhaltig ist eine neu gewonnene Einstellung?
Sie lässt leider rasch wieder nach, weil die Leute ins alte Umfeld zurückkehren und auch dort wieder beeinflusst werden. Daher sollten solche Begegnungen wiederholt werden. Je gefestigter ein Mensch in seiner Einstellung ist, desto stärker beeinflusst er auch sein altes Umfeld. Von einem einmaligen Treffen kann man nicht viel erwarten.
Sind an dieser Stelle vielleicht die sozialen Medien hilfreich?
Ja. Der Austausch über das Netz ist überall dort eine Alternative, wo ein direkter Kontakt auf Dauer nicht möglich ist. Laut Studien haben Facebook-User mit vielen internationalen Freunde tendenziell weniger Vorurteile. Die Einstellung verbessert sich sogar dann, wenn man Freunde hat, die Kontakte zur Fremdgruppe haben.
Welche Rolle spielt das Zugehörigkeitsgefühl in einer Gruppe heute noch? Schließlich leben wir nicht mehr in der Steinzeit.
Trotzdem sucht der Mensch immer noch Gleichgesinnte. Eine Gruppe spendet Geborgenheit, Anerkennung und Identität. Das ist an sich etwas Gesundes. Ungesund wird es dann, wenn man sich nicht anerkannt fühlt. Dann verbarrikadiert sich die Gruppe und wertet zum Ausgleich andere ab. Diesem menschlichen Mechanismus können Politiker, Schulen oder Städteplaner entgegenwirken, indem sie Räume für vielfältige Kontakte schaffen.