Yoga in Stuttgart Zu Besuch beim ältesten Yogalehrer Deutschlands

Rudolf Fuchs vereint in seinem Yoga-Unterricht Weisheit, Strenge und Güte. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Beste aus dem StZ-Plus-Archiv: Seit mehr als fünf Jahrzehnten unterrichtet Rudolf Fuchs Yoga. Er ist fast 100 Jahre alt und hat nicht vor aufzuhören. Auf der Matte bei einem alten Mann mit einem jungen Herzen.

Nachrichtenzentrale : Lukas Jenkner (loj)

Stuttgart - Es ist eine Stille, die in den Ohren rauscht. An einem trüben Samstagmorgen im Spätsommer sitzen in einem großen Raum am Stuttgarter Frauenkopf vier Yoga-Schüler im Schneidersitz auf Fellmatten und lauschen dem Nichts. Zehn Minuten, 20 Minuten, die Zeit dehnt sich, draußen leiser Regen, Autotüren klappen. Eine Fliege summt.

 

Dann nach einer halben Stunde, der erlösende Moment: eine Glocke erklingt, die Meditation ist beendet. Ein Mantra ertönt. „Om Gam Ganapataye Namaha“, sprechen der Lehrer und seine Schüler ein ums andere Mal. Frei übersetzt heißt das so viel wie: „Ehrerbietung dem Unendlichen, dem Ewigen, durch dessen Verehrung man mit allen guten Kräften in Kontakt kommt.“ Und während die Litanei den Raum erfüllt, fragt sich der mit kribbelnden Beinen und kreiselndem Gehirn brav im Hintergrund sitzende Redakteur, wo genau er hier eigentlich gelandet ist.

Er ist zu Gast bei Rudolf Fuchs, 96 Jahre alt und wohl Deutschlands ältester aktiver Yogalehrer. Einmal im Monat bietet er neben den regulären Stunden eine Meditation mit Yoga-Praxis an. Dann steht er leicht gebeugt und ganz in Weiß im Türrahmen des großen Raums und begrüßt die kleine Schar der Schüler.

Man sieht seinem zerfurchten Gesicht das Alter an. Doch seine Augen sind hellwach. Nach dem Eingangsmantra geht es los: „Die Turnhallenmentalität, die sich heute breitgemacht hat und die sich Yoga nennt, hat mit Yoga sehr wenig zu tun“, hallt Rudolf Fuchs’ Stimme durch den Raum, und man ist fast versucht, den Kopf einzuziehen. Dort lerne man, was richtig und falsch sei. Aber diese Kategorien gebe es im Yoga nicht. Alles sei willkommen – „Fehler sind willkommen.“

Eine gänzlich neue Yoga-Erfahrung

Fuchs spricht davon, dass Fehler zu den Erfolgen gehörten. Dass das Streben des Menschen nach dem immer Besseren für ein Ungleichgewicht sorge – dabei bewege sich das Universum natürlicherweise im Gleichgewicht. Zu Richtig gehöre Falsch, zur Erde der Mond, zum Yin das Yang. „Ich kenne eigentlich nur einen Fehler: Wenn Sie kein Yoga üben.“ Yoga sei das Ende des denkenden Gemüts, die Körperübungen Asana, mit denen Yoga heute meist gleichgesetzt werde, seien nur ein Bestandteil auf dem Weg dahin. Er siezt seine Schüler, denkt sich der Redakteur. Und erneut: Wo bin ich hier gelandet?

Die folgende Stunde ist eine gänzlich neue Erfahrung: Vorne schlängelt sich keine grazile Yoga-Elfe auf der Matte und auch kein Yoga-Krieger mit straffem Bauch und Hipsterbärtchen. Weder ertönen aus teuren Boxen an der Zimmerdecke Coldplay noch sphärische indische Weisen. Der Unterricht von Rudolf Fuchs ist so streng und klar wie die glatt polierten Steinfliesen, auf denen die Wollmatten ausgebreitet sind. Kurz und knapp leitet Fuchs seine Schüler an. Er hilft nicht, er weist die Richtung.

In jeder Ansage ist seine jahrzehntelange Unterrichtserfahrung zu spüren. Nach drei Atemübungen, Pranayama genannt, geht es in diverse Positionen, die so klangvolle Namen haben wie Ekapadahastasana und Natarajasana. Die Schüler recken Arme und Beine in sämtliche Richtungen, halten den Atem im Liegestütz an, stehen auf einem Bein. Fuchs’ Yogastunde ist anspruchsvoll. Jede Übung fordert er dreimal ein, und als es nach rund einer Stunde in Shavasana geht, die Ruhehaltung, ist die Erleichterung einigermaßen groß.

Yoga boomt seit vielen Jahren im Westen

Wenn der zurzeit so boomende Yoga-Unterricht ein frischer, süß-saurer Detox-Smoothie ist, dann ist Rudolf Fuchs’ Yoga ein Glas kühles, klares Wasser. Diesen Unterricht altmodisch zu nennen, wäre genauso falsch, wie modernen Yogaunterricht lediglich als vorübergehenden Lifestyle anzusehen. Beide stammen aus unterschiedlichen Zeiten: Yoga nach Yesudian, in dieser Tradition lehrt Fuchs, ist bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden und hat sich nach dem Krieg als erster Yogastil in ganz Europa ausgebreitet, aber am massenhaften Yoga-Boom der vergangenen Jahre kaum einen Anteil.

Seit vielen Jahren erlebt Yoga vor allem in den USA, aber auch in Europa, insbesondere in Deutschland, einen Boom. Laut einer Umfrage des Statistikportals Statista üben im Jahr 2017 in Deutschland 2,7 Millionen Menschen im Alter ab 14 Jahren Yoga. Wer Yoga übt, gibt als positive Effekte unter anderem allgemeines Wohlbefinden (56 Prozent) und innere Ruhe (45 Prozent) an.

Yoga ist eine Weisheitslehre, die vor mehreren tausend Jahren in Indien als eine der klassischen Denkschulen indischer Philosophie entstanden ist. Der Yoga gilt als Weg zur Selbsterkenntnis und umfasst neben den philosophischen Grundlagen auch Atem- und Körperübungen. Vor allem Letztere haben sich um die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert von Indien aus in den Westen verbreitet. Die wesentlichen Traditionen sind Hatha- und Kundalini-Yoga, sowie Vinyasa als eine dynamische Variation des Hatha-Yoga. Daneben haben sich zahlreiche weitere Stile entwickelt, bis hin zu Absonderlichkeiten wie Bier- oder Hundeyoga.

Erster Unterricht im Wohnzimmer

Entdeckt hat Fuchs seine Liebe zum Yoga um 1960, als ein Yesudian-Lehrer aus Zürich regelmäßig in Stuttgart unterrichtete. Die Not habe ihn dorthin gebracht, erzählt Fuchs. Gesundheitliche Probleme, die wohl vor allem in der traumatischen Erfahrung des Kriegs zu suchen sind, machten Fuchs das Leben schwer. Fünf Jahre ging er zum Unterricht, dann erlaubte ihm sein Lehrer, selbst den Yoga weiterzugeben. Nach einem kurzen Start in Ludwigsburg ging es in der Hermannstraße am Feuersee weiter, später in der Bismarckstraße. Da war Fuchs bereits Heilpraktiker und nutzte Yoga für seinen therapeutischen Ansatz.

Wie das damals gewesen ist, daran erinnert sich Beate Tiletzek noch gut. Sie begleitete als Backfisch ihre Mutter zum Yoga-Unterricht. Ihre Mutter war bereits in der Hermannstraße eine der ersten Schülerinnen von Fuchs. „Er hat in seiner Wohnung unterrichtet, das war kein Studio, wie man es heute kennt“, sagt Tiletzek. Der Zulauf war enorm. „Phasenweise belegte der Kurs zwei Räume, die Schüler lagen dicht an dicht, und er stand im Türrahmen, um in beiden Zimmern verstanden zu werden.“ 150 Schüler in der Woche hatte Fuchs zeitweise. Davon träumen viele Yogalehrer heute.

Dass Yoga damals im bürgerlichen Deutschland der späten, konservativen Adenauerjahre mindestens als exotisch, wenn nicht als anrüchig gesehen wurde, störte die Schüler nicht. Da sei man schon auch mal schief angesehen worden, erinnert sich Margret Distelbarth, auch eine Yogabegeisterte der frühen Stunde. Immer mal wieder habe sie sich die Frage gefallen lassen müssen, was das denn bringe.

Der Sohn folgt dem Vater in der Tradition

„Für mich war das damals einfache Gymnastik“, sagt Beate Tiletzek. Jahre später, mit Ende 20, hatte sie zwei kleine Kinder zuhause, die ihr die Nachtruhe raubten und sie in eine Lebenskrise schlittern ließen. „Da war ich ziemlich in Not und am Ende“, erzählt sie. In dieser Zeit habe sie Yoga wiederentdeckt. „Jeden Morgen bin ich um fünf aufgestanden und habe bis sechs geübt. Das war meine Stunde.“ Da habe sie wieder Boden unter den Füßen bekommen. In den 80er Jahren machte sie eine Ausbildung zur Yogalehrerin und betreibt heute im Bayrischen eine Yogaschule. Noch immer kommt sie regelmäßig zu ihrem Lehrer nach Stuttgart. „Er hat mir so viel mitgegeben.“

Eine ähnliche Geschichte erzählt Christian Fuchs, der Sohn von Rudolf Fuchs. Als Teenager habe er damals mitgemacht, ohne genau zu wissen, was Yoga eigentlich ist. Danach habe er in den Sturm-und-Drang-Jahren der Pubertät eher die Distanz zum Vater gesucht. Doch eines Tages wurde auch dem Sohn das Leben schwer, und wieder fällt der Begriff von der „Not“, wenn Christian Fuchs aus dieser Zeit berichtet. „Ich hatte Rückenschmerzen, einen Hexenschuss nach dem anderen.“ Ihm sei es psychisch nicht gut gegangen, alles Mögliche habe er versucht und sich schließlich daran erinnert, dass ihm die Lösung möglicherweise in die Wiege gelegt worden war. „Mit Yoga haben sich plötzlich viel Knoten gelöst.“ Heute ist Christian Fuchs promovierter Indologe und betreibt mit seiner Frau die 1993 gegründete Yoga-Akademie in Bad Boll.

Fuchs ist neugierig auf das, was kommt

Wer als Heilpraktiker und Yoga-Lehrer über Jahrzehnte Menschen geholfen hat, der gibt diese Aufgabe nicht mit dem Rentenalter auf. Yoga motiviert Rudolf Fuchs jeden Morgen aufs Neue. „Sie kommen in diesen Unterricht, um den Yoga weiterzugeben“, sagt er seinen Schülern. Für Fuchs ist das der Kern seines Handelns. Die Frage, warum er mit 96 Jahren noch die Energie aufbringt, Unterricht zu geben, stellt sich aus dieser Perspektive nicht.

Wenn Fuchs in die Zukunft blickt, was in seinem Alter ja ein mutiges Unterfangen sein kann, dann tut er dies mit der Gewissheit, dass er Spuren hinterlassen hat – bei seinem Sohn und bei vielen anderen Menschen. Er weiß, dass der Yoga, für den er seit Jahrzehnten brennt, der ihn wach und interessiert hält, in seiner Tradition weitergegeben wird.

In Sinne der vier Lebensphasen, wie sie in der hinduistischen Philosophie gelehrt werden, befinde er sich nun an der Schwelle zu Samnyasa, der letzten Phase. „Ich fühle mich, als würde ich an einem Zaun stehen und darüber schauen, neugierig auf das, was da kommen mag“, sagt Fuchs. Klar sei für ihn, dass das Leben mit dem Körperlichen nicht zu Ende sei.

Und jetzt weiß der Redakteur auch, wo er gelandet ist: An einem Ort voller Klarheit. Ein schönes Gefühl.

Rudolf Fuchs ist im Internet erreichbar unter
www.yoga-direkt.de.

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