Tedros Teclebrhan ist ein strunzdoofer Afrikaner - zumindest in seinem Video. Der Film ist Kult, denn er spricht vielen aus dem Herzen.

Stuttgart - Es ist eine Geschichte, die das Zeug für einen Film hätte. Sie handelt von einem lustigen Afrikaner, der in der schwäbischen Provinz landete und es vom Schulschwänzer und Jugendamtsschreck zum gefragten Schauspieler brachte. Bis jetzt gibt es weder ein Drehbuch noch eine Produktionsfirma. Es gibt nur ein kurzes Video, das alle Rekorde bricht.

 

Sechs Minuten dauert das Filmchen, in dem ein dunkelhäutiger Migrant mit dem Smartphone am Ohr die Straße entlang geradewegs auf die Kamera eines Fernsehteams zuläuft, das ihn bittet, sich an einem Integrationstest zu beteiligen. "Klar", sagt der Mann und bleckt seine schneeweißen Zähne, über denen ein blondierter Schnurrbart hängt, welcher mit dem weißen Muskelshirt aufs Schönste korrespondiert.

So blöd kann doch kein Mensch sein

Der Migrant antwortet nach bestem Wissen und Gewissen, wobei es mit beidem nicht allzu weit her ist. Er integriere sich, indem er Bier mit seinen Nachbarn trinke und seine Frau seit zwei Monaten nicht mehr schlage, erzählt er. Die Hauptstadt von Deutschland ist für ihn Luxemburg und auf die Frage nach dem Bundeskanzler gibt er nach kurzem Zögern überzeugt zum Besten: "Irgendwas mit Angelo. Angelo Merte."

So blöd kann kein Mensch sein, denkt man sich und ist im tiefsten Inneren doch irgendwie verunsichert, ob unter dem weiten Himmel des Herrn nicht womöglich auch solche Schafe grasen. Das fragen sich viele, sehr viele. Binnen weniger Wochen ist dieses Video zum absoluten Web-Schlager geworden. Mehr als zehn Millionen Mal wurde es auf Youtube angeklickt.

Einige halten ihn für Oscar-tauglich

Die Jugend von heute ist ein brennendes Thema, nicht nur in England. Fast 65.000 Kommentare finden sich auf dem Internetvideoportal zum Integrationstest. Die einen wollen den strunzdoofen Afrikaner am liebsten ausweisen, die anderen halten ihn für Oscar-tauglich. Inzwischen hat sich der kultige Streifen in vielen jungen Köpfen eingenistet und fährt in den S-Bahn-Zügen quer durch die Republik, wo Schüler diesen seltsamen Typen ehrfürchtig zitieren, als wäre der alte Schiller aus dem Grab entstiegen und gäbe schwäbelnd von sich: "Was labersch du?"

Ein leeres Versprechen

Köln. Belgisches Viertel. In einer Wohnung mit zwei winzigen Zimmern sitzt der Mann aus dem Video und bringt einen biografischen Film zum Laufen, in welchem das Leben Regie führt und Tedros Teclebrhan, 27, die Hauptrolle spielt. In der Rückblende fährt die Kamera auf eine junge Mutter in Asmara zu, der Hauptstadt von Eritrea. Ametelidet Teclebrhan hat drei Kinder. Ihr Jüngster heißt Tedros und ist gerade sieben Monate alt, als sie mit ihren Buben vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland flieht. Ihr Mann will später nachkommen. Es bleibt ein leeres Versprechen.

Die Afrikanerin strandet mit den Kindern in einem Asylbewerberheim in Karlsruhe und wird von dort nach Mössingen-Bästenhardt unweit von Tübingen geschickt. Um ihre Familie über die Runden zu bringen, putzt sie von frühmorgens bis spätabends. Die Söhne sind zu Hause auf sich gestellt und genießen eine Jugend in Freiheit. Tedros, den alle Teddy nennen, imitiert vor dem Fernseher die Stars aus den TV-Serien. Bücher mag er weniger. Er kommt auf die Hauptschule, stört dort oft im Unterricht. "Was hasch du gelärnt?" provoziert er seine Lehrer. Teddy gibt in jeder Klasse den Kasper. Der Störenfried muss die Schule wechseln. Weil er nicht selten ganz fehlt, steht das Jugendamt auf der Matte. Mit 15 geht er für ein Jahr ins Heim.

Nach der Hauptschule beginnt der Junge eine Lehre als Textilveredler. Es haut nicht hin. Mit 17 lädt ihn seine Tante zu sich nach Kanada ein. Sieben Monate denkt er dort über sich nach. Er will sich wohlfühlen in seiner Haut. Er will seine Mutter, die er über alles liebt, nicht mehr enttäuschen. Er will nicht länger hadern mit dem Schicksal, vaterloser Sohn einer Putzfrau zu sein. Er will selbst etwas tun und seine winzige Chance nutzen. "Ich war orientierungslos. In Kanada hat es plötzlich klick gemacht."

Tesfa ist Eriträisch und bedeutet Hoffnung

Zurück in Mössingen lässt er sich "Tesfa" auf den Unterarm tätowieren. Tesfa ist Eriträisch und bedeutet Hoffnung. Tedros Teclebrhan holt in Rottenburg den Realschulabschluss nach und leistet danach Zivildienst im Jugendhaus. Manchmal geht er mit Freunden ins nahe Tübingen und dreht kurze Videos in der Stadt. Er probiert sich aus auf dieser Bühne. Einmal veräppelt er einen Bauern auf dem Markt, bis der ihm nachrennt. "Verschwind Bürschle, oder es setzt was."

Er hat ein Gespür für Menschen und ihre Macken, die er zur Freude seiner Clique gerne nachmacht. "Du musst Schauspieler werden", rät ihm ein Freund. In Stuttgart gibt es eine private Schule, die ihn nehmen würde, aber 340 Euro im Monat kostet.Um seinen Traum zu verwirklichen, schuftet der schwarze Schwabe bei einem Tübinger Weinhändler, räumt das Lager auf, fährt edle Tropfen aus und hilft in der Weinstube am Marktplatz. Die Leute kennen ihn, und er kennt sie. Beim Bedienen seziert er die werte Gesellschaft, die am Stammtisch ihren eigenen Humor hat: "Teddy, bringsch mir an Schwarzriesling!"

Zu Hause fehlt es am Nötigsten

Zu Hause fehlt es am Nötigsten. Einmal muss Teddy, der sich in der Familie ums Finanzielle kümmert, den Vermieter bitten, noch ein bisschen auf die monatliche Überweisung zu warten. Ein andermal wird ihnen der Strom abgestellt, weil er das Geld für seine Schule abgezwackt hat. Die Mutter trägt es mit Fassung. Sie kommt ihm mit einer Kerze entgegen. "Das erinnert mich an meine Kindheit in Eritrea", flüstert sie. "Was ist das bloß für eine krasse Frau", denkt er - und nimmt sie in den Arm.

Zum ersten Mal hat er Geld

Als wieder einmal Not herrscht, hilft Thomas Häußler vom Jugendhaus. Er beschafft ein kleines Stipendium für den jungen Schauspieler und übermittelt die frohe Botschaft per Handy, als der klamme Hilfsarbeiter gerade eine Witwe in Tübingen mit Wein beliefert. Die Dame hört mit und drückt ihm spontan zehn Euro in die Hand. "Und des isch a Schtipendium von mir!"

Teclebrhan schließt die Schauspielschule ab und hält sich danach mit kleineren Engagements über Wasser. An der Ludwigsburger Filmakademie macht er seinen ersten Schritt ins kommerzielle Fernsehen. Für die Bäckereiserie "Laible und Frisch", die im dritten TV-Programm herausragende Quoten einfährt, besetzt ihn der Produzent Frieder Scheiffele mit seinem Team genial als lokalen Tankwart. In "Kommissar Stollberg" gibt Teclebrhan im ZDF einen Dealer. Bei einem Casting wird er für eine Hauptrolle im Musical "Haispray" ausgewählt und zieht nach Köln, wo auch seine Brüder leben. Zum ersten Mal hat er Geld. Er mietet sich ein Auto, lädt seine Mutter ein und fährt mit ihr an den Bodensee.

Die Inspiration kommt aus der Wirklichkeit

Als im Theater der letzte Vorhang fällt, nimmt er ein Comedy-Demoband auf, das er an eine Produktionsfirma in Köln schickt. "Klasse", heißt es dort, "aber es fehlt noch was." Der Schauspieler stellt das Video ins Netz. Der Erfolg ist überschaubar. Nach vier Monaten hat er 5000 Klicks.

Er will es noch einmal versuchen und arbeitet an einer neuen Figur. Es ist Mai 2011. Die Inspiration kommt aus der Wirklichkeit, aus dem, was er erlebt, beobachtet und aufgesogen hat in diesem Land, in dem er heimisch wurde. Einen jungen Migranten will er spielen, der zu sich selbst steht, obwohl er ungebildet ist. Tedros Teclebrhan weiß, wie sich das anfühlt, nichts zu wissen. "Ich habe mich früher oft nicht getraut, auf Fragen zu antworten", sagt er, "weil andere auf besseren Schulen waren."

"20- bis 30.000, so pi pa po."

Mit einem befreundeten Kameramann geht er in Köln auf die Venloer Straße und hält der deutschen Integrationspolitik auf seine Art den Spiegel vor. Antoine nennt er seine Figur. Antoine, der hochmotivierte Afrikaner, beantwortet in entwaffnender Ehrlichkeit alle Fragen, die man ihm stellt.

"Wie viele Einwohner hat Deutschland?" "Mit alle, ganze Europa?" "Ganz Deutschland!" "Aber mit EU?" "Nur der deutsche Teil." "20- bis 30 000, so pi pa po."

Viele nehmen seine Satire ernst

Der Hauptdarsteller denkt sich nichts dabei und speist auch den neuen Clip ins Netz ein. Als er am nächsten Morgen den Computer anschaltet, traut er seinen Augen nicht. 10.000 Klicks. Einen Tag später sind es 200.000, nach fünf Tagen eine Million. "Ich konnte es nicht fassen", sagt er. Viele nehmen seine Satire ernst. Antoine, die Kunstfigur, fasziniert und provoziert. "Ich bin kein Nazi, aber wenn man in Deutschland wohnt und meint, dass Hitler der letzte Kanzler vor Merkel war, hat man hier wirklich nichts zu suchen", schreibt einer im Web. - "Mann, das ist doch bloß gespielt", kontert ein anderer. "Ich will hier niemand angreifen, aber bei uns reden fast alle so", postet ein Dritter.

Ein paar Monate später sitzt Tedros Teclebrhan gefasst in seiner kleinen Wohnung und spielt sich selbst. Draußen vor der Haustüre scheitelt der Wind die Sträucher, drinnen schüttelt ein Schauspieler ungläubig den Kopf. "Ich wollte keine Politik machen, bloß Comedy", sagt er. Der Clip macht noch immer Quote. Dafür gibt es ein wenig Geld vom Internetportal. Reich wird man davon nicht. Aber bekannt.

Er kann jetzt unter Angeboten auswählen

Es sieht nach Happy End aus in seinem biografischen Film. Die Leute fragen ihn auf der Straße nach Autogrammen, und der eingebürgerte Afrikaner, der vor Kurzem noch nicht wusste, wie er seine Miete zahlen soll, sucht sich in Köln bald eine größere Wohnung. Er kann jetzt unter Angeboten von Filmproduzenten auswählen, hat sogar Offerten aus der Werbebranche. Vor wenigen Tagen gewann er bei ZDFneo einen Comedy-Wettbewerb. 91 Formate traten gegeneinander an, am Ende bekam sein Auftritt die meisten Fanclicks. Im nächsten Jahr geht die Teddy-Show in Serie.

Vor dem ganzen Rummel in Köln ist er zu seiner Mutter nach Mössingen geflohen. Sie gingen einkaufen, und auf dem Weg zum Supermarkt begegneten ihnen ein paar Halbwüchsige aus dem Ort. "Was labersch du", giggelten sie und rannten davon. Ametelidet Teclebrhan schaute ihren Sohn fragend an. "Teddy, was haben die gesagt?"