Youtuber besucht Schulen im Kreis Böblingen MrWissen2go hat etwas gegen Fake News
Mirko Drotschmann alias „MrWissen2go“ redet an der Böblinger Friedrich-Schiller-Realschule über Fake News und spricht sich für eine Senkung des Wahlalters aus.
Mirko Drotschmann alias „MrWissen2go“ redet an der Böblinger Friedrich-Schiller-Realschule über Fake News und spricht sich für eine Senkung des Wahlalters aus.
Ein Selfie mit dem Youtubestar – für die Schülerinnen und Schüler der Friedrich-Schiller-Realschule wird dieser Montagnachmittag in bleibender Erinnerung bleiben. Dicht gedrängt stehen sie um Mirko Drotschmann, halten ihre Handys hoch oder stellen sich für ein gemeinsames Foto an seine Seite. Der 38-Jährige in langärmligem Polohemd, macht freundlich mit, lächelt und plaudert mit den jungen Menschen, die eben noch sehr aufmerksam seinem Vortrag über Fake News in der Politik zugehört haben.
Rund 2,27 Millionen Abonnenten hat der Kanal von Mirko Drotschmannm, den die meisten wohl eher unter dem Namen „MrWissen2go“ kennen dürften. Seine Videos werden millionenfach angeschaut. Der Journalist, der Geschichtsdokus in der ZDF-Sendung „Terra X“ moderiert, veröffentlicht seit 2012 Videos, in denen er Geschichte und Politik jugendgerecht präsentiert.
Dabei konzentriert er sich vorrangig aufs Erklären und Einordnen. Mit eigenen Wertungen hält er sich weitgehend zurück. Jüngste Beispiele dafür sind die Videos, in denen er die Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl vorstellt oder über die gemeinsamen Abstimmungen von AfD und Union vor zwei Wochen im Bundestag berichtet.
Diese Form der Wissensvermittlung kommt offenbar an bei seiner Zielgruppe. „Wir kennen seine Videos aus dem Unterricht“, sagen Samiyah Zimmermann und Badr Albou Jumaa. Die beiden Neuntklässler sind Schülersprecher an der Friedrich-Schiller-Realschule (FSR) und übernehmen bei dem Besuch des prominenten Gastredners die Moderation. Bevor es losgeht, müssen sie die rund 350 Mitschüler von der siebten bis zur zehnten Klassenstufe noch ein wenig bei Laune halten, denn „MrWissen2go“ ist fast 20 Minuten zu spät. „Er war heute auch schon am Unterrieden und an der Gottlieb-Daimler-Schule“, sagt Pascal Orth, Gemeinschaftskundelehrer und stellvertretender Schulleiter an der FSR.
Politik und Bundestagswahl sind offenkundig ein Thema an der Schule. Im Foyer, wo eine Bühne und zwei rote Sofas für die Talkrunde aufgebaut sind, hängen Plakate, auf denen die Schüler die wichtigsten zur Wahl stehenden Parteien mit ihren Programmen vorstellen. „Unsere Schüler nehmen auch an der Juniorwahl teil“, verweist Pascal Orth auf das bundesweite Bildungsprojekt, bei dem noch nicht wahlberechtigte Jugendliche ihre Stimme abgeben können.
Auch Mirko Drotschmann redet über den Wahlkampf und spricht sich dabei für eine Senkung des Wahlalters bei der Bundestagswahl aus. Vor allem aber geht es ihm um Fake News. Den Jugendlichen an der FSR ist das Thema nur zu bekannt. Auf Tiktok, Instagram, Youtube, oder wo immer sonst sie sich informieren, begegnen ihnen täglich gefälschte Nachrichten in Form von Texten, Bildern, Tonaufnahmen oder Videos.
Die Urheber solcher Falschinformationen können Privatpersonen sein, Unternehmen, die – wie einst die Zigarettenindustrie – gesundheitsschädliche Produkte mit falschen Werbebotschaften verkaufen wollen, Politiker oder auch Akteure feindlich gesonnener Staaten. Dass Fake News nichts Neues sind, macht Drotschmann an einem Beispiel aus den 1980er Jahren deutlich, als sich die Behauptung verbreitete, das AIDS-Virus sei eine absichtlich herbeigeführte Züchtung aus einem US-Labor. „Das war eine KGB-Lüge aus dem Kalten Krieg, einige der damals beteiligten Personen geben das heute offen zu“, erzählt der Journalist und Historiker. Dennoch hält sich die erfundene Geschichte bis heute, wie eine Google-Suche mit den Stichworten „Aids“ und „Lüge“ zeigt.
Im Internetzeitalter sei das alles noch viel schlimmer geworden, sagt Mirko Drotschmann. „Wenn sich da eine Fake News erst einmal verbreitet hat, bekommt man sie nur ganz schwer wieder weg“, sagt er. Der Versuch, dagegen anzukämpfen sei ein wenig so, als wolle man eine brennende Schule mit einer Gießkanne löschen.
In seinem Vortrag zeigt der Journalist eine ganze Reihe von Beispielen und erklärt, wie Manipulationen teilweise einfach daraus entstehen, dass ein Video aus dem Zusammenhang gerissen wird. So wie in einem Clip, der zeigen soll, wie Muslime in einem Dortmunder Einkaufszentrum ihre Zerstörungswut an einem Christbaum auslassen.
Deutlich verschärft hat sich diese Situation, seit Künstliche Intelligenz (KI) Fälschungen immer perfekter aussehen lässt. Sei es Papst Franziskus im Balenciaga-Daunenmantel oder CDU-Chef Friedrich Merz, der sich in einem Video mit der Ansage „Die CDU/CSU verachtet Sie alle“ an das Wahlvolk richtet – all diese Bilder und Clips wurden mit KI hergestellt.
Das zu erkennen, wird immer schwieriger. Aber Drotschmann hat dafür einige nützliche Tipps: Kommt ein Bild oder Video von einer glaubwürdigen Quelle? Versucht jemand, bestimmte Menschen zu verunglimpfen? Stimmen Ort- und Zeitangaben? Als Werkzeug empfiehlt er die Bildersuche bei Google. Am Beispiel eines Videos, in dem angeblich Migranten ein Polizeiauto demolieren, lässt sich herausfinden, dass dies in Wahrheit ein Clip von Dreharbeiten war.
Oder man schaut den Leuten buchstäblich auf die Finger. Mit Extremitäten hat die KI nämlich so ihre Probleme. Oder glaubt jemand etwa, der Papst hätte nur vier Finger?
Videostar
Mirko Drotschmann, Jahrgang 1986, wächst bei Karlsruhe auf, studiert Geschichte und Kulturwissenschaften und arbeitet später als Radiomoderator und Zeitungsautor. Nach einem Volontariat beim SWR moderiert er von 2014 bis 2017 die ZDF-Kindernachrichtensendung „logo!“ und seit 2020 die Sendung „Terra X“. Als „MrWissen2Go“ erreicht er auf Youtube, Instagram und mittlerweile auch TikTok monatlich mehrere Millionen Aufrufe.
Verdienstvoll
2023 wird er für sein Engagement mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt.