YouTuber-Interview mit Angela Merkel Wie eine Erstwählerin das Interview wahrgenommen hat

Von Lea Weinmann 

Vier YouTuber haben heute Mittag Angela Merkel interviewt. Übertragen wurden die Gespräche per Livestream. Lesen Sie hier, wie eine junge Erstwählerin das Interview wahrgenommen hat.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den drei YouTubern „ItsColeslaw“, „MrWissen2Go“ und „Isipisi5“ (v. l.) kurz nach dem Interview. Foto: dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den drei YouTubern „ItsColeslaw“, „MrWissen2Go“ und „Isipisi5“ (v. l.) kurz nach dem Interview. Foto: dpa

Berlin/Stuttgart - Vier YouTuber, eine Bundeskanzlerin – im Studio „YouTube-Space“ in Berlin stellten am Mittwochmittag vier junge Filmemacher Bundeskanzlerin Angela Merkel Fragen, die ihnen und ihrer Fan-Gemeinde auf der Seele brannten. Übertragen wurde das einstündige Interview per Livestream auf dem YouTube-Kanal „Deine Wahl“. Die Zuschauer konnten im Vorhinhein und auch während des Streams unter dem Hashtag #DeineWahl weitere Fragen stellen und Kommentare abgeben.

Erstwähler vs. Politikjournalist

Wie hat die junge Zielgruppe das Interview wahrgenommen? Und welchen Eindruck hat das Format auf einen erfahrenen Politik-Redakteur gemacht?

Klicken Sie hier für den Eindruck unseres erfahreren Politikjournalisten, der in Berlin lebt und arbeitet.

Und hier der Eindruck unserer 20-Jährigen Praktikantin Lea Weinmann, die dieses Jahr zum ersten Mal bei der Bundestagswahl wählen darf:

Welche Themen wurden behandelt?

Die vier YouTuber haben sich auf jeweils ein Kernthema konzentriert: Armut in Deutschland, die deutsche Autoindustrie, Politikverdrossenheit in der jungen Generation und der Umgang mit der Türkei. Es waren gute Themen. Mir würden momentan keine anderen politischen Fragen einfallen, die in meinem Umfeld stärker diskutiert werden. Deutlich erkennbar war auch, dass die YouTuber bei der Vorbereitung der Interviews auf die Fragen ihrer Fan-Gemeinde eingegangen sind. Auf das Thema Legalisierung von Cannabis haben die Zuschauer aber vergeblich gewartet. Mangelndes Interesse kann hier nicht der Grund gewesen sein, denn der Livechat neben dem Livestream war zeitweise übersät mit Cannabissymbolen.

Wie kritisch waren die Fragen der YouTuber?

Unbequem wollten die YouTuber sein, auch mal kritisch nachhaken. Das haben sie zumindest in ihren Ankündigungsvideos zum Interview verkündet. Viel ist nicht daraus geworden. Die YouTuber waren stattdessen vor allem eines: extrem angespannt. Wo war die Coolness, die man aus ihren Videos gewöhnt ist? Ja, Frau Bundeskanzlerin persönlich zu interviewen, mag aufregend sein. Aber einmal nachhaken wird doch wohl drin sein.

Einzig „MrWissen2Go“ alias Mirko Drotschmann hat es geschafft, beim Thema Türkei die Wischi-Waschi-Antworten nicht hinzunehmen, sondern noch einmal konkreter nachzufragen: „Muss da nicht noch mehr passieren? Wo ist für Sie die Eskalationsstufe erreicht?“ Man hat dem YouTuber seine journalistischen Vorerfahrungen deutlich angemerkt. Leider hat es die Bundeskanzlerin dennoch verstanden, den Fragen mit Leichtigkeit immer wieder auszuweichen ohne sehr konkret zu werden.

Hat die YouTuberin „Isipisi5“ nach Schminktipps gefragt? Wie hat die YouTuberin agiert?

Schmink- und Styletipps für Angela Merkel gab es leider keine. Dafür lieferte die YouTuberin „Isipisi5“ alias Ischtar Isik der Kanzlerin ihr wahrscheinlich einfachstes Interview: Frage, Antwort, Frage, Antwort. Gähn. Da man – wie Ischtar Isik im Interview selbst recht empört erwähnte – nicht viel journalistische Raffinesse von der YouTuberin erwartet hatte, war das aber irgendwie okay. Wenn da nicht der letzte Satz gewesen wäre: „Das war übrigens mein erstes Interview.“ Aha, okay, und jetzt ein Lob von Mutti? Die wollte interessiert wirken, antwortete aber ebenfalls recht unglücklich: „Oh echt? Sonst nur Selbstdarstellung und Produkte?“ Aua, der tat weh.

War es ein seriöses Interview oder eine nette Plauderei?

Als YouTube-erfahrener Mensch habe ich erwartet, dass die Laienhaftigkeit und lockere Atmosphäre der Video-Plattform endlich auf das große, schwere Thema Politik übertragen wird: Merkel wird für eine Stunde zur Angela, die Fragen kommen spontan, vielleicht passiert sogar etwas Witziges. Was ich stattdessen gesehen habe: Moderationskärtchen! Ein professionell ausgestrahltes Studio mit den klassischen Wassergläsern auf dem Tisch. Zwischendrin hatte man als Live-Zuschauer das Gefühl, man säße gerade abends auf dem Sofa bei Oma und Opa, während im Fernseher „Menschen bei Maischberger“ dudelt. An manchen Stellen hat man sich die Styletipps von „Isipisi5“ sogar herbeigesehnt, das wäre bestimmt lustig geworden.

Waren Merkels Antworten verständlich?

Einfache Worte und klare Antworten waren rar gesäht. Die Bundeskanzlerin rutschte immer wieder in den Standard-Politiker-Sprech ab, bei dem der „Generation YouTube“ die Haare zu Berge stehen. Wenn man nicht vorher eingeschlafen ist. Floskeln wie „wir müssen verstärkt“ und „es ist uns ein großes Anliegen“ kommen einfach nicht mehr an. Jungen Menschen fehlt das Vertrauen in Politiker (auch erkennbar an der Live-Umfrage zum Thema Abhängigkeit der Politik von der Autolobby, die sehr ungünstig für Deutschlands Politiker ausfiel). Dieses Vertrauen gewinnt man nicht zurück, indem man sich in unpräzise Formulierungen flüchtet, deren Bedeutung sich bei näherer Betrachtung in Luft auflöst.

Wie cool war Merkel?

Raute-Merkel bleibt Raute-Merkel. Als Vollblut-Politikern kann sie eben nicht aus ihrer immer korrekten Haut heraus – auch nicht, wenn ihr vier unbedrohliche junge Menschen gegenübersitzen. Im Verlauf des Interviews schien sie aber immer wieder kurz aufzutauen. Sympathiepunkte sammelte die Kanzlerin eindeutig, als sie den Herzchensmiley zu ihrem Lieblingssmiley auserkor. Auch für die Frage „Was würden Sie sich auf ein T-Shirt drucken?“ war sie sich nicht zu fein. Die Kanzlerin schien sehr bemüht, sich auf ihre Interviewpartner und auf die junge Zielgruppe einzulassen. Manchmal endete dieser Versuch aber in einer Art „Erklär-Modus“, in dem Mutti den Kids jetzt mal erklärt, wie das mit der Politik funktioniert. Ergänzt wurde das durch mehrere „Damals in der DDR“-Ausführungen, die Angela Merkel zwar persönlich erfahrbarer machten, aber an dieser Stelle fehl am Platz wirkten, á la „Ihr Jungen wisst gar nicht, wie gut ihr es habt.“

Was war der Aufreger der Sendung?

Aufreger wurden mit Freude erwartet – blieben aber leider aus. Dafür gab es den ein oder anderen Lacher. Beispielsweise als Angela Merkel – scheinbar ehrlich motiviert – aus dem Off in einen Kommentar der Moderatoren funkte und ihn ihrerseits kommentieren wollte. Kurz darauf dann die Erkenntnis: „Oh, ich glaube, ich sollte gerade gar nichts sagen...“ Macht nichts, Frau Merkel, genau solche Patzer machten diese Stunde menschlicher und damit besser. Von diesen kleinen Unvorhergesehenheiten abgesehen, liefen die Interviews sehr glatt über die Bühne: keine Diskussion, keine lauten Stimmen, wenig Emotionen.

Weiß man nach dem Interview, wofür Merkel und die CDU stehen?

Angela Merkel hat viel davon erzählt, was die aktuelle Regierung erreicht hat und was „man“ noch erreichen muss. Aber wofür steht jetzt die CDU? Was grenzt die Partei von anderen Parteien ab? Welche Themen sind der Partei besonders wichtig? Ich habe nach dem Interview nicht mehr Ahnung als zuvor. Zugute halten muss man der Kanzlerin, dass sie dem Vorwurf von Ischtar Isik, die Parteien wollten sowieso alle dasselbe, begegnen und Unterschiede aufzählen wollte. Leider wich die YouTuberin aber nicht von ihren Fragen ab. Merkel verwies auch auf diverse Instagram-Profile und den YouTube-Kanal der CDU verwiesen, quasi als Alternative zum Lesen des zig Seiten langen Wahlprogramms.

Kann Merkel mit diesem Format die Generation YouTube gewinnen?

Mirko Drotschmann alias „MrWissen2Go“ hat zum Ende des Interviews durchblicken lassen, dass das Format „YouTuber fragen“ in dieser Form bald zurückkommen könnte. Vielleicht mit einer anderen Partei? Wenn die Video-Plattform YouTube junge Leute eher dazu bewegt, Politikern zuzuhören als es die öffentlich-rechtlichen Sender in ihren Sommerinterviews schaffen, ist das Format sicherlich nicht schlecht. Außer dem Kanal gab es aber wenig Unterschiede zum allseits bekannten Frage-Ausweichantwort-Spiel bei Politiker-Interviews. Was mir nun aber in Erinnerung bleibt, wenn ich an „YouTuber interviewen Merkel“ denke: Warum hing ein Nagellackbild im Studio?




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