Zahlen im Kreis Ludwigsburg steigen Massiver Corona-Ausbruch in Altenheim

In Freudental haben sich Bewohner und Mitarbeiter des Demenz-Kompetenzzentrums mit dem Coronavirus infiziert. Foto: factum/Simon Granville
In Freudental haben sich Bewohner und Mitarbeiter des Demenz-Kompetenzzentrums mit dem Coronavirus infiziert. Foto: factum/Simon Granville

24 von 29 Bewohnern des Demenz-Traktes im Freudentaler Kleeblatt-Heim sind infiziert. Auch sieben Mitarbeiter wurden positiv getestet. Der Landkreis meldet „langsam, aber stetig ansteigende“ Infizierten-Zahlen – und die Stadt Ludwigsburg schwört die Bürger schon einmal auf mögliche weitere Einschränkungen ein.

Kreis Ludwigsburg - Es traf das Freudentaler Kleeblatt-Kompetenzzentrum, eine spezielle, geschützte Einrichtung für Menschen mit schwerer Demenz: Von den 29 Bewohnern haben sich 24 mit dem Coronavirus infiziert. Auch beim Personal gibt es sieben positiv Getestete. „Im Moment gibt es zum Glück keine schweren Verläufe“, sagte Stefan Ebert, Geschäftsführer der gemeinnützigen Kleeblatt-Gesellschaft, am Dienstagmittag. „Wir hoffen sehr, dass es dabei bleibt.“ Nicht betroffen ist das normale Kleeblatt-Pflegeheim, das sich im gleichen Gebäude ein Stockwerk höher befindet. Dort seien, so Ebert, glücklicherweise alle Bewohner und Mitarbeiter negativ auf das Virus getestet worden.

Am Samstag hatten sich zwei Mitarbeiterinnen des Kompetenzzentrums mit einem positiven Corona-Testergebnis beim Corona-Krisenstab der Kleeblatt-Gesellschaft gemeldet. Noch am gleichen Tag erließ das Bürgermeisteramt Freudental ein Besuchsverbot und eine Ausgangssperre für die Bewohner. Die Angehörigen wurden informiert und reagierten laut Stefan Ebert „sehr verständnisvoll“. Mit dem Gesundheitsamt wurde dann eine schnelle, flächendeckende Testaktion für alle Bewohner und Mitarbeiter organisiert. 130 Abstriche wurden genommen.

Besucher und andere Externe dürfen nicht ins Haus

Im Laufe des Montags entwickelten mehrere Bewohner und Mitarbeiter Corona-typische Symptome wie Anzeichen einer Erkältung, Schnupfen, Halsweh, Husten oder Durchfall. Die ersten Laborergebnisse gab es am Montagabend. Trotz aller penibel eingehaltenen Vorsichts- und Schutzmaßnahmen der Mitarbeiter – Schutzkleidung, Masken, Desinfektion und mehr: Komplett gefeit vor einer Ansteckung sei man nie, sagt Stefan Ebert. „Alle Mitarbeiter, die Symptome haben, die auf Corona deuten könnten, bleiben ohnehin zu Hause.“ Manchmal deute aber schlichtweg nichts auf eine Infektion hin.

Die fünf Bewohner, die negativ getestet wurden, sind in einen abgetrennten Bereich verlegt worden. Den Betrieb könne, so Ebert, das verbleibende Personal aufrecht erhalten. Das Haus steht unter Quarantäne, Besucher und andere Externe dürfen nicht hinein.

Teilschließungen in mehreren Schulen

Im Landkreis ist nach Stand vom Dienstagnachmittag die Gesamtzahl der laborbestätigten Covid-19-Fälle seit Beginn der Pandemie auf 2794 gestiegen – ein Anstieg von 41 Personen gegenüber dem Vortag. Das RKH-Krankenhaus Ludwigsburg war für eine Auskunft darüber, wie viele Corona-Patienten dort derzeit behandelt werden, am Montag und Dienstag nicht zu erreichen. Zuletzt wurden im Kreis acht neue Infizierten-Fälle gemeldet, darunter ein Reiserückkehrer aus der Türkei. Laut Thomas Schönauer, Leiter des Gesundheitsamtes, steigen die Zahlen im Kreis „langsam, aber stetig an“. Aktuell passiere „genau das, wovor wir Angst hatten: dass die Sache ins Rutschen kommt, wenn wir die Schulen wieder öffnen“.

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Hubert Haaga, Chef des Ludwigsburger Schulamtes, ist dennoch froh, dass noch nicht allzu viele Schüler und Lehrer wegen Corona in Quarantäne mussten. Die Behörde ist für die Grund-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen und für die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren im Kreis zuständig. Bisher habe es in der Grundschule Hemmingen, der Erich-Kästner-Realschule Steinheim, der Realschule Gerlingen, der Theodor-Heuss-Realschule Kornwestheim, der Gemeinschaftsschule Innenstadt in Ludwigsburg, der Realschule Besigheim und der Gemeinschaftsschule Sonnenfeld in Sachsenheim Teilschließungen gegeben. „Aktuell sind es noch drei Schulen mit Teilschließungen von insgesamt 3,5 Klassen“, sagt Haaga. „Die Hygienekonzepte greifen.“

Die Schulleitungen leisteten in dieser Zeit Unglaubliches, findet der Schulamts-Chef. „Dafür kann man nur danke sagen.“ Laut Information des Regierungspräsidiums Stuttgart sind im Landkreis Ludwigsburg aktuell außerdem sieben Klassen und eine Jahrgangsstufe 1 (Kursstufe) an drei Gymnasien in Quarantäne gemeldet, überdies 33 Lehrerinnen und Lehrer.

Weitet Ludwigsburg die Sperrstunde aus?

Für die Kontaktnachverfolgung von Infizierten stockt das Landratsamt auf: Derzeit kümmern sich 20 Beschäftigte ausschließlich und weitere Mitarbeiter neben anderem um die Nachverfolgung. Mitte Oktober komme weitere Verstärkung, sagt Pressesprecher Andreas Fritz. Das Corona-Team beim Gesundheitsamt werde dann aus 42 Mitarbeitern bestehen.

Die Stadt Ludwigsburg kündigt schon einmal an, dass sie, falls die Infektionszahlen steigen, strenger regulieren werde. „Im Krisenstab beobachten wir die Situation genau, um frühzeitig und gezielt handeln zu können“, erklärt der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried. Denkbar sei dann eine Maskenpflicht für bestimmte öffentliche Bereiche, an denen sich sehr viele Menschen aufhalten – etwa beim Wochenmarkt auf dem Marktplatz. Auch eine Ausweitung der Gastronomie-Sperrstunde auf 23 Uhr an Werktagen und 24 Uhr am Wochenende könnte dazu zählen.

Dehoga-Sprecher Ohl: „Wirte sind keine Hilfspolizisten“

Diese Szenarien könnten eintreten, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz – also die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen – den kritischen Wert von 50 erreicht. Bei mehr als 35 Neuinfektionen tritt bereits eine Vorwarnstufe in Kraft. Ludwigsburg behalte sich aber vor, auch bereits unterhalb dieser Schwellenwerte zu reagieren, so Seigfried. Mitte September war die Zahl schon einmal auf 41,7 hochgeschnellt.

Derweil hoffen die Gastronomen, dass der Kelch, für die Richtigkeit der persönlichen Angaben von Gästen auf Kontaktnachverfolgungsformularen geradestehen zu sollen, an ihnen vorübergeht. „Wirte sind keine Polizisten und auch keine Hilfspolizisten“, sagt Daniel Ohl, Pressesprecher des Verbandes Dehoga. „Sie können, dürfen und wollen ihre Gäste nicht kontrollieren. Identitätsfeststellung ist ein hoheitliches Recht.“ Im Ziel, die Ausbreitung von Corona zu verhindern, sei man sich aber einig. „Deshalb appellieren wir an die Gäste, die Formulare ehrlich auszufüllen, und an unsere Mitgliedsbetriebe, die Verpflichtung zur Kontaktnachverfolgung ernst zu nehmen und richtig umzusetzen.“




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