Zahnradbahn-Gespräch Mit Frau Funkenhauser auf Berg-und-Tal-Fahrt

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Als Fechterin ist Zita Funkenhauser Olympiasiegerin geworden, als Mutter von Zwillingen hat sie eine Zahnarztpraxis gegründet und als Ehefrau von Matthias Behr eine Depression miterlebt. Im Zahnradbahn-Gespräch spricht Zita Funkenhauser über diese Höhe- und Tiefpunkte.

Zita Funkenhauser spricht in der Zahnradbahn über die so unterschiedlichen Stationen ihres Lebens Foto: Baumann
Zita Funkenhauser spricht in der Zahnradbahn über die so unterschiedlichen Stationen ihres Lebens Foto: Baumann

Stuttgart - Wenn es für das Zahnradbahn-Gespräch ein Familienticket geben würde, könnte es jetzt zum ersten Mal gelöst werden. Nach dem Fecht-Olympiasieger Matthias Behr, der 2013 einer der ersten Gäste auf der Stuttgarter Berg-und-Tal-Fahrt gewesen ist, steht dreieinhalb Jahre später nun seine Frau Zita Funkenhauser an der Haltestelle am Marienplatz. Und als Begleitperson hat sie ihre 20-jährige Tochter Greta mitgebracht, während deren Zwillingsschwester Leandra zur selben Zeit in Tauberbischofsheim das Familienerbe mit dem Florett verteidigt. Oder etwas weniger schwülstig ausgedrückt: Sie hat Training – im von ihrem Vater geleiteten Olympiastützpunkt. Während es für die andere Hälfte der Familie nach dem Zahnradbahn-Gespräch noch in die Stuttgarter Innenstadt gehen soll. „Wir wollen uns die Markthalle anschauen,“ sagt Zita Funkenhauser, die in wintermodischen Ugg-Boots zum Treffen erscheint.

Vor einer frostigen Gesprächsatmosphäre müssen die Schuhe aber nicht schützen. Die Unterhaltung steht schließlich ganz im Zeichen der gut gelaunten und unkomplizierten Art von Zita Funkenhauser. „Ich bin Optimistin, ich gehe immer davon aus, dass eine Sache irgendwie am Ende gut ausgeht.“ So ist sie vor einigen Jahren auch der Krankheit ihres Mannes begegnet, die für die Familie und besonders für Zita Funkenhauser eine enorme Belastung dargestellt haben muss. Obwohl sich die Beschreibung der Situation aus ihrem Mund später gar nicht so dramatisch anhören wird. Doch jetzt geht es auf der Zahnradbahn-Fahrt hoch nach Degerloch erst einmal um die Höhepunkte im Leben von Zita Funkenhauser.

Ihr größtes Positiverlebnis ist dann gar nicht konkret an einem Punkt festzumachen. „Es war eine Entwicklung“, sagt sie, die 1966 im rumänischen Satu Mare geboren wurde. Sathmar ist der deutsche Name der Stadt im Dreiländereck Rumänien, Ukraine, Ungarn. Die Vorfahren der Funkenhausers stammten aus Ravensburg und kamen einst über Ulm und die Donau dorthin, sprachen irgendwann Ungarisch, fühlten sich aber immer als Deutsche. Diese Minderheit in Siebenbürgen hatte während der Ceausescu-Diktatur bald keine Perspektive mehr. „Wir sind nach Deutschland ausgereist, weil uns mein Vater eine Zukunft geben wollte, meiner Schwester und mir.“

Der Sport als wichtiger Integrationshelfer

Familie Funkenhauser landete zunächst in Sindelfingen, wo ihr Vater, ein Ingenieur, eine erste Anstellung fand. Tochter Zita war damals 13 und in diesem Alter schon rumänische Meisterin im Florettfechten, weshalb der Umzug in die deutsche Hochburg der Sportart, nach Tauberbischofsheim, folgte. „Ich sprach kein Deutsch und stand allein in der Ecke. Durch den Sport fand ich den Anschluss, konnte mich integrieren. Für ein Kind ist das ein unbeschreibliches Glücksgefühl.“

Weitere Glücksgefühle gab es dann regelmäßig. Zunächst 1984. Zita Funkenhauser qualifiziert sich mit 18 Jahren für die Olympischen Spiele in Los Angeles, wo sie dann vom Halbfinale an in der Mannschaft eingesetzt wird und mit dem deutschen Team an der Seite von Cornelia Hanisch, Christiane Weber, Ute Wessel und Sabine Bischof die Goldmedaille gewinnt –und das ausgerechnet im Finale gegen ihre früheren Mannschaftskolleginnen aus Rumänien.

Mit Zita Funkenhauser beginnt damals der Generationswechsel im deutschen Team und die ganz große Zeit des Tauberbischofsheimer Frauenfechtens. „1984 war der Olympiasieg eine Überraschung, 1988 haben ihn alle von uns erwartet, deshalb sind beide Ereignisse eigentlich nicht miteinander zu vergleichen“, erinnert sich Zita Funkenhauser. Die deutsche Mannschaft hält dem Druck stand und übertrifft in Seoul sogar noch die immensen Erwartungen mit einem sporthistorischen Ergebnis. Im Einzel gehen alle drei Medaillen an Deutschland: Gold gewinnt Anja Fichtel, Silber Sabine Bau und Bronze Zita Funkenhauser. Zusammen feiern sie dann auch den Olympiasieg im Mannschaftswettbewerb und werden zu absoluten Medienlieblingen. Das Fechten in Deutschland ist auf dem Höhepunkt angekommen. Von da an geht es wieder langsam bergab.

Passenderweise ist die Zahnradbahn jetzt in Degerloch angekommen und startklar für die Talfahrt. „Ich auch“, sagt Zita Funkenhauser, die jetzt über ihre Tiefpunkte sprechen soll.

Der perfekte Grund, um die Karriere zu beenden

Ausgangspunkt der nun folgenden Geschichte ist das Jahr 1996, das zunächst ein traumhaftes für sie ist. Die Zwillinge werden geboren. „Es gibt keinen schöneren Grund, als die Karriere deshalb zu beenden“, sagt Zita Funkenhauser. Im selben Jahr eröffnet sie auch noch ihre eigene Zahnarztpraxis und hat noch jetzt einen Satz von damals aus einem medizinischen Branchenblatt im Gedächtnis, den sie lachend zitiert: „Die Praxisgründung und die Geburt eines Kindes sind ein theoretisches Konstrukt, das nicht zeitgleich verfolgt werden sollte.“ Zita Funkenhauser bekommt sogar zwei Kinder und die berufliche Selbstständigkeit unter einen Hut. „Durch den Leistungssport habe ich gelernt, mich zu organisieren“, sagt eine, die immer wie ein Vollprofi trainierte, aber nicht ansatzweise so entlohnt wurde und nebenbei noch das zeitintensive Studium der Zahnmedizin auf die Reihe bekommt.

Doch dieses Jahr 1996 wirft auch die Schatten voraus, die irgendwann eine große dunkle Glocke bilden, unter der ihr Mann Matthias Behr bald leben wird. Gefangen in einer schweren Depression.

Matthias Behr ist selbst ein ehemaliger Star in der Fechtszene, 1976 Olympiasieger mit dem deutschen Team. Und er ist der Musterschüler des großen Tauberbischofsheimer Zampanos Emil Beck, der ihn ausgeguckt hat, sein Lebenswerk als Massenproduzent von Olympiasiegern und Weltmeistern fortzuführen. Behr ist Internatsleiter des Olympiastützpunkts und Becks engster Mitarbeiter. Und von dem erwartet der Chef Unterstützung, Gehorsam und Arbeitseinsatz bis zur Selbstaufgabe. Den Begriff Privatleben gibt es im Wortschatz von Emil Beck nicht.

Daran ist bereits die erste Ehe von Matthias Behr gescheitert. „Mit mir wollte er das nicht noch einmal erleben“, sagt Zita Funkenhauser, deren Mann 1996 auf die Reise zu den Olympischen Spielen nach Atlanta verzichtet, weil sie gerade nach einer komplizierten Schwangerschaft die Zwillinge bekommen hat. Das jemand die Familie über das Fechten stellt, deshalb nicht beim Team ist, bedeutet für den militärisch drillenden Emil Beck Fahnenflucht. Fortan wird Behr vom Boss gemobbt, von Besprechungen ausgeschlossen, oder zum Gehen aufgefordert. „Im Rückblick kommt mir das alles noch viel unglaublicher vor als damals“, sagt Zita Funkenhauser.

Schmerzliche Zeit im dunklen Tunnel

2001 wird bei ihrem Mann eine Depression diagnostiziert. „Die Probleme mit Emil Beck haben sicher dazu beigetragen“, sagt Zita Funkenhauser, die die Krankheit aber nicht allein darauf zurückführen will. Auch der frühe Tod seines Vaters habe sicher eine Rolle gespielt, wie auch der tragische Unfall 1982, als im Kampf gegen Wladimir Smirnow die Klinge von Matthias Behr bricht, und der Russe stirbt.

Über Jahre lebt Zita Funkenhauser jetzt mit jemandem zusammen, der nur noch sporadisch isst, in einem verdunkelten Zimmer sitzt und an Suizid denkt. Sie findet dafür eine eindrucksvolle Beschreibung: „Meinem Mann hat das Leben wehgetan.“ Dass es für sie auch eine sehr schmerzliche Zeit war, ist für Zita Funkenhauser jetzt nicht weiter erwähnenswert. Genauso wenig wie der Umstand, dass sie die Familie mit aller Kraft zusammenhalten musste. „Es gibt doch dazu keine Alternative. Ich habe außerdem immer daran geglaubt, dass er wieder gesund wird“, sagt sie. Und tatsächlich findet ihr Mann aus dem dunklen Tunnel heraus.

„Ich freue mich auf die Zeit, wenn mein Mattias in Rente ist, dann wird in der Familie auch hoffentlich nicht mehr so viel über Fechten geredet.“ Das sagt Zita Funkenhauser bei einer Latte Macchiato im Café Kaiserbau, traditionell die Endstation des Zahnradbahn-Gesprächs. „Schauen Sie, in meinem bisherigen Leben gibt es nur diesen einen Tiefpunkt. Da kann man sich doch nicht beschweren“, sagt Zita Funkenhauser und lächelt zufrieden.