Zahnradbahngespräch Klaus Kärcher – der neugierige Agent

Hier geht’s  hoch nach Degerloch: der Sportmanager Klaus Kärcher darf   probesitzen im Führerstand der Zahnradbahn. Foto: Baumann
Hier geht’s hoch nach Degerloch: der Sportmanager Klaus Kärcher darf probesitzen im Führerstand der Zahnradbahn. Foto: Baumann

Im Zahnradbahngespräch mit Peter Stolterfoht spricht der Sportmanager Klaus Kärcher erstmals öffentlich darüber, warum er nicht mehr für Österreichs großen Skistar Anna Fenninger arbeiten darf.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)
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Stuttgart - Das Zacke-Gespräch hat noch gar nicht richtig begonnen und trotzdem ist schon jetzt klar, was die Stärken von Klaus Kärcher sind: Er ist kommunikativ, neugierig, kreativ und hat keinerlei Berührungsängste. Und deshalb ist er am Marienplatz auch schon mittendrin in einem Gespräch mit dem Zahnradbahnführer. Das Ergebnis: Klaus Kärcher sitzt schwuppdiwupp im Führerstand der Zacke und sagt zum StZ-Fotografen: „Das ist doch mal ein unerwartetes Motiv fürs Interview. Oder halt, vielleicht doch lieber nicht. Das Foto kommt womöglich komisch rüber, so, als ob ich alles steuern wolle“, sagt einer, der um die Wirkung von Bildern weiß. Schließlich war Klaus Kärcher viele Jahre lang Fotograf bevor er Sportmanager wurde. „Diesen Begriff mag ich eigentlich gar nicht so gerne. Manager hört sich so nach Chef an, der ich gar nicht bin. Ich selbst bezeichne mich lieber als Agent, und die Sportler sind meine Klienten“, sagt der Mann aus dem Remstal und erzählt, wie es zum Berufswechsel kam. „Wenn ich früher berühmte Sportler wie Boris Becker und Steffi Graf fotografieren wollte, sagten die mir, dass erst ihr Management um Erlaubnis gefragt werden müsse. Das kann doch nicht sein, habe ich mir gedacht und den Entschluss gefasst, selbst Manager zu werden und es anders zu machen.“ Und so lautet bis heute die Leitsätze des 57-Jährigen: „Die Sportler entscheiden, was sie machen wollen und was nicht. Ich erstelle ein nachhaltiges Konzept, das den Mensch in den Mittelpunkt rückt, und entwickle Ideen – zum Beispiel für Fotoshootings, TV-Auftritte, Sponsorentermine oder Werbekampagnen. Außerdem habe ich prinzipiell aus einer Sportart auch nur einen Sportler unter Vertrag.“

Klaus Kärcher hat den Platz in der Zacke-Kommandozentrale wieder geräumt. Die Fahrt zu den Karrierehöhepunkten und zu den Tiefpunkten kann beginnen, und Kärcher erzählt vom Glück, seine Frau, die frühere Volleyball-Bundesligaspielerin Ute Gregori, gefunden zu haben und mit ihr zwei Töchter zu haben.

Hamburger auf Eis mit Anni Friesinger

Aber nicht nur bei Klaus Kärcher zuhause sind die Frauen eindeutig in der Überzahl. Dreiviertel seiner Kundschaft ist weiblich. Anni Friesinger gehört dazu. Und bei der Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Eisschnelllauf wird der Ansatz von Klaus Kärcher deutlich. „Ich sehe die Zusammenarbeit wie eine Ehe. Ehrlichkeit und Vertrauen sind die Basis von allem. Und dann kann man auch ganz lang zusammenbleiben.“ Die Zusammenarbeit mit Anni Friesinger geht deshalb auch nach ihrer Karriere weiter. Und das, obwohl sich Klaus Kärcher anfangs gar nicht so sicher war, ob die Sache überhaupt passt. „Mit Eisschnelllauf konnte ich nicht viel anfangen, und mit dem Name Friesinger auch nicht, obwohl sie damals schon als ganz junge Sportlerin Olympia-Bronze gewonnen hatte.“

Anni Friesinger rief mehrmals bei Klaus Kärcher an, um von ihm gemanagt zu werden. Irgendwann nahm er eine Einladung zum Essen in München an. Sie landeten bei McDonald’s, und weil kein Sitzplatz mehr frei war bei Minusgraden im Außenbereich. „Die Hamburger waren gefroren, aber das Eis sofort gebrochen“, erzählt Kärcher. „Mir ist die Persönlichkeit, die Authentizität und die Leidenschaft viel wichtiger als die Sportart“, sagt Klaus Kärcher, der ein Faible für Individualisten hat.

Große Anziehungskraft auf eigenwillige Typen

So kam es auch einst zum Vertrag mit dem Handball-Star Stefan Kretzschmar. Der lud Kärcher zum Kennenlerngespräch in sein Bauernhaus bei Gummersbach ein. „Mein Frau und ich trugen Abendgarderobe, und er empfing uns mit einem offenen Schafsfellmantel über dem nackten Oberkörper. Außerdem funktionierte seine Heizung nicht, und es gab kalten Kaffee. Meine Frau hat gleich gesagt: ‚der passt zu dir.’“

Klaus Kärcher zieht eigenwillige Typen an, den Turner Fabian Hambüchen zum Beispiel, den er ebenfalls vertritt. Und dann erzählt Kärcher von den Höhepunkten, und das sind die großen Erfolge seiner besonderen Kundschaft, wie der Titel von Hambüchen am Reck 2007 bei der Heim-WM in Stuttgart. Er spricht wieder von Anni Friesinger. „Bei ihr wird besonders deutlich: Die ganz großen Siege entstehen aus Niederlagen“, sagt Kärcher über seine Klientin, die immer wieder Rückschläge weggesteckt hat – egal ob Verletzungen oder eine nicht erfüllte, überhöhte öffentliche Erwartungshaltung. Und dann kommt Klaus Kärcher zum österreichischen Skistar Anna Fenninger und ihren Olympiasieg im Super-G.

Das Thema Anna Fenninger gibt dem Zahnradbahngespräch am Wendepunkt in Degerloch eine ganz andere Richtung. Dass Klaus Kärcher jetzt auf die größte Enttäuschung in seinem beruflichen Leben zu sprechen kommt, ist ihm anzumerken. Hatte er zuvor gut gelaunt im höchsten Tempo drauflos geplaudert, wird die Erzählung nun plötzlich stockend. „Anna musste die Zusammenarbeit mit mir beenden“, sagt Kärcher und erzählt eine Geschichte über fast schon diktatorische Zustände im Österreichischen Ski-Verband. In der Rolle des Alleinherrschers: ÖSV-Chef Peter Schröcksnagel, der den Liebling der Skination unmissverständlich aufgefordert hatte, ihren deutschen Manager abzuservieren, anderenfalls würde sie ausgebremst werden.

Die schmerzhafte Trennung von Anna Fenninger

Das ÖSV-System funktioniert offenbar nach eigenen Regeln, nach den Regeln von Peter Schröcksnagel, der nicht nur Verbandspräsident ist, sondern gleichzeitig der Manager von allen wichtigen Skisportlern des Landes. In dieser Doppelfunktion spielt er als Präsident seine Macht aus und profitiert als Berater. Seinem Druck hat sich im Sommer auch Anna Fenninger gebeugt. „Die ganze Sache war in Österreich von nationalem Interesse, ein Politikum, das die höchsten Kreise beschäftigt hat“, sagt Kärcher.

Kritische Nachfragen hat Schröcksnagel nicht zu befürchten, jedenfalls nicht vom auflagenstärksten Blatt in Österreich. Die „Kronen Zeitung“ arbeitet als Sponsor mit dem Verband eng zusammenfassen. Bis auf wenige Ausnahmen thematisieren auch alle anderen österreichischen Medien nicht den Interessenskonflikt, den die Konstellation Präsident und Manager in Personalunion automatisch mit sich bringt.

An den von Kärcher ausgehandelten Werbeverträgen von Anna Fenninger verdienen nun andere mit. „Mir macht nicht das verlorene Geld zu schaffen, sondern das verlorene Vertrauen in Gerechtigkeit“, sagt er zum Fall von Anna Fenninger, die lange die Aufforderung des Verbandes ignoriert hatte, sich von ihrem Berater zu trennen. Und jetzt fällt die zweimalige Gesamtweltcupsiegerin nach einem schweren Trainingssturz die ganze Saison aus. „Ich leide mit Anna“, sagt Kärcher und fügt hinzu: „Der Zufall ist die Maske des Schicksals.“ Aber dann meint er zu dieser ganzen Geschichte abschließend: „Man muss das ja aber auch relativieren können.“

In Afrika relativieren sich viele Probleme

Einen Intensivkurs in der vergleichenden Lehre hat Klaus Kärcher schließlich selbst belegt. Und dann erzählt er von seiner intensiven Zeit als Fotoreporter. Er bereiste Afrika, lebte für einen Auftrag der evangelischen Hilfsorganisation World Vision in einem Slum bei Nairobi. „Dort hatte die Familie, bei der ich wohnte, einmal nur eine Banane zum Abendessen. Die wurde zerteilt, und das größte Stück bekam ich“, erzählt er. Es waren Erlebnisse wie diese, die in Klaus Kärcher eine große Leidenschaft für den Kontinent und seine Menschen weckten. Daran änderten auch korrupte Politiker und grausame Despoten nichts, mit denen er auf seine vielen Fotoreisen durch den Tschad, Benin, Somalia und Kongo zu tun bekam. Selbst die Steinigung einer jungen Frau, die er im Sudan miterlebt hat, konnte die Liebe zu Afrika nicht zerstören.

Schreckliches hat er auch anderswo gesehen. In Kambodscha trat ein Mädchen vor seinen Augen auf eine Landmine. „Sie verblutete in meinen Armen, ich habe gesehen wie das Leben aus ihren Augen verschwand“, sagt Kärcher, der mittlerweile im Café Kaiserbau angekommen ist. „Sehr schön hier“, sagt Klaus Kärcher bei einem Espresso Macchiato, „das ist kein passender Ort für traurige Geschichten.“

Geschichten von den Fantastischen Vier und Lothar Späth

Kärchers Erzählungen nehmen wieder Fahrt auf. Zu viel wird es einem trotz der Masse an Informationen nicht. Es ist spannend. Er spricht über Fotoshootings mit den Fantastischen Vier und Lothar Späth – darüber, wie sein Schützling, die Gymnastin Magdalena Brzeska, zum Star wurde. Und über seine eigenen sportlichen Aktivitäten als Mittelstreckenläufer, Speerwerfer, Fußballer, Tennisspieler oder Ringer. „Ich musste schon immer alles ausprobieren“, sagt Kärcher, der einst Tiermedizin studierte, was sich aber irgendwann nicht mehr mit einer Tierhaar-Allergie vertrug.

Und dann geht es um seine Zukunftspläne. Gerade habe er im Internet eine indische Surferin gesehen. „Das ist für mich ein interessanter Ansatz. Wenn eine gesellschaftliche Problematik dahintersteckt, finde ich das besonders aufregend.“ Von einem Team mit arabischen Radfahrerinnen hat er gehört und ist begeistert von der Idee, aus diesem Thema etwas zu machen. Konkreter ist allerdings sein Plan für Alina Reh, der talentiertesten deutschen Langstreckenläuferin aus Laichingen auf der Schwäbischen Alb.

Und dann hat Klaus Kärcher beim Abschied nur eine Sorge „Das könnte jetzt ziemlich kompliziert werden, meine vielen Gedanken in eine einzige Geschichte rein zu packen.“

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