Zahnradbahngespräch mit Hans Herrmann „Man darf sich nicht mit dem Tod beschäftigen“

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Die schwäbische Motorsportlegende Hans Herrmann spricht im Zahnradbahngespräch über die Höhe- und Tiefpunkte in seinem bewegten Leben – über sportliche Erfolge, schlimme Unfälle und über eine brutale Entführung.

Hans Herrmann erinnert sich an goldene und an düstere  Motorsportzeiten. Foto: Baumann
Hans Herrmann erinnert sich an goldene und an düstere Motorsportzeiten. Foto: Baumann

Stuttgart - Das Haus von Hans Herrmann ist fest in den Händen von Maria und Magdalena. Unzählige Marienbilder und -Statuen schmücken den Eingangsbereich. „Dafür ist meine Frau Magdalena zuständig“, sagt Hans Herrmann, „die Sachen sollten helfen, dass mir nichts passiert.“ Eine Villa in Maichingen symbolisiert so die Sorge um die Gesundheit eines Autorennfahrers. Aber auch die Dankbarkeit darüber, dass er nicht wie so viele seiner Kollegen und Freunde ihre Motorsportbegeisterung mit dem Leben bezahlen musste. „Ich habe überlebt“, so heißt dann auch der Titel eines Buches des mittlerweile 87 Jahre alten Hans Herrmann, der in den 50er und 60er Jahren ein deutscher Sportstar war. Einer, der in der Formel 1 unter dem berühmten Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer und neben den Fahrerlegenden Juan Manuel Fangio, Stirling Moss und Karl Kling die Silberpfeiltradition nach dem Krieg wiederbelebt hat. Später hat Herrmann dann auch noch Porsche in Le Mans zu Ruhm verholfen.

„Von mir aus kann’s losgehen“, sagt ein gut gelaunter und fitter Hans Herrmann. Wenn nur die Hüfte nicht wäre und eine Operation vor Kurzem. Das ist auch der Grund, warum das Zahnradbahngespräch mit einem gewissen Vorlauf beginnt. „Wenn’s nichts ausmacht“, so hat Hans Herrmann das Angebot angenommen, ihn zuhause abzuholen, um dann gemeinsam den Marienplatz anzusteuern.

Auf der Fahrt von Maichingen nach Stuttgart begegnet Herrmann seiner eigenen Geschichte. Schließlich führt der direkte Weg über die ehemalige Solitude-Rennstrecke. „500 000 Zuschauer haben uns hier früher zugejubelt“, sagt er. Mit dem Mercedes-Rennsportwagen 300 SL stellte er hier im Jahr 1953 in 4,52 Minuten einen Rundenrekord auf. Aber dann kommt ein Parkplatz und Hans Herrmann eine ganz andere Erinnerung. An diesem unscheinbaren Ort hatte sein Lebensweg eine dramatische Abbiegung genommen. Es war an einem Wintertag 1991, als sich Hans Herrmann diese Frage stellte: Endet mein Leben jetzt im Kofferraum, nachdem ich dem Tod am Steuer immer wieder knapp entgangen bin? Der Rennfahrer, der nach seiner Karriere eine Firma für Autozubehör gegründet hatte, war das Opfer einer brutalen Entführung geworden. „Darüber erzähle ich Ihnen in der Zacke“, sagt Herrmann, „wenn es bergab geht.“

Zunächst geht es in der Zahnradbahn aber nach oben und um die Höhepunkte. Hans Herrmann erzählt von seiner Kindheit, von seiner Mutter, die ihn allein und mit viel Liebe in Stuttgart groß gezogen habe. „Hier einfach die Hauptstätter Straße runter, bei der Leonhardskirche haben wir gewohnt“, sagt er und zeigt Richtung Stadtmitte. In der Bäckerei seiner Mutter machte er eine Ausbildung zum Konditor, was ihn aber nicht davor schützte, im Frühjahr 1945 mit 17 noch eingezogen zu werden. Er wurde der Waffen-SS überstellt, ihm gelang auf der Zugfahrt Richtung Osten an die Front mit drei Freunden aber die Flucht, und so kehrten sie mit Kriegsende unbeschadet nach Stuttgart zurück.

Hans im Glück

Danach machte er sich schnell daran, seinen Kindheitstraum von der Rennfahrerkarriere wahr werden zu lassen. 1952 gewinnt Hans Herrmann im privaten Porsche ein Rundstreckenrennen auf dem Nürburgring, wurde Werksfahrer der Zuffenhäuser und feierte Siege beim italienischen Langstreckenklassiker Mille Miglia. Hier erhielt er auch seinen Beinamen „Hans im Glück“, als er 1954 vor einem Bahnübergang nicht mehr bremsen konnte und mit seinem Beifahrer Hans Linge geduckt unter der Schranke durchfuhr und sie es gerade noch vor dem Schnellzug nach Roma auf die andere Seite schafften.

1954 qualifizierte er sich in einem Ausscheidungswettbewerb für das Formel-1-Team von Mercedes und bildete mit den Stars Fangio und Kling ein Dreierteam. „Ein absoluter Höhepunkt“, sagt Hans Hermann, der in diesem Jahr die schnellste Runde beim Großen Preis von Frankreich in Reims fuhr und Dritter beim Schweiz-Grand-Prix wurde. Nebenbei ging er für Porsche als Sportwagen- und Langstreckenfahrer an den Start. „So konnte es passieren, dass ich am Samstag im Porsche und sonntags im Mercedes Rennen fuhr“, sagt der Mann, der seit 2014 auch Markenbotschafter für beide Hersteller ist.

Ein Sieg in einem Formel-1-Rennen ist Hans Herrmann nicht vergönnt. Als er gerade auf Le Mans und das 24-Stunden-Rennen zu sprechen kommt, sieht er zwischen den Zackehaltestellen Pfaffenweg und Wielandshöhe das Straßenschild „Fritz-Münch-Staffel“ und sagt „Fritz Münch, der Schneidermeister mit dem Motto: fünf Anzüge, und der sechste ist umsonst. Mensch, der hat mich eingekleidet.“ Von der Fritz-Münch-Staffel zurück nach Le Mans, wo auf Hans Herrmann ein später Höhepunkt wartet. Im Porsche 917 holt er zusammen mit dem Engländer Richard Attwood den lang ersehnten ersten Gesamtsieg für Porsche im Langstrecken-Mekka. „Ich hatte damals meiner Frau vor der Abreise nach Frankreich versprochen, dass ich meine Karriere beenden werde, sollte ich gewinnen. Mit mir allein hatte ich aber schon lange zuvor ausgemacht, dass dies auf jeden Fall mein letztes Rennen sein wird“, erinnert sich Hans Herrmann an den perfekten Schlusspunkt mit 42 Jahren.