Zahnradbahngespräch mit Mulgheta Russom Der Star des Blindenfußballs

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Als er 20 ist, verdunkelt sich die Welt für Mulgheta Russom. Ein Autounfall lässt ihn erblinden. Allerdings wirft das den gebürtigen Eritreer nicht aus der Bahn. Seitdem ist er zum Star des Blindenfußballs geworden.

Mulgheta Russom erzählt in der Zahnradbahn von einem  bewegten  Leben. Foto: Baumann
Mulgheta Russom erzählt in der Zahnradbahn von einem bewegten Leben. Foto: Baumann

Stuttgart - Das Zahnradbahngespräch kann auch mal in Botnang beginnen. Vor dem Fitnessstudio des MTV Stuttgart wartet schon Mulgheta Russom. „Gut hierher gefunden?“, will er wissen. Kein Problem. „Dann kann es ja losgehen“, sagt der bekannteste deutsche Blindenfußballer und hakt sich auf dem Weg zum Auto ein. „Die Haltung ist ganz okay, aber der Gang ist ziemlich wippend“, so analysiert Russom, der als Fitnesstrainer beim MTV arbeitet, seinen Nebenmann. „Das Hin- und Herwackeln kann man aber in den Griff kriegen“, sagt der 37-Jährige.

Mulgheta Russom scheint alles mitzubekommen, obwohl um ihn herum doch die totale Finsternis herrscht. „Ich spüre es zum Beispiel, wenn mich Leute anstarren.“ Oder wenn ihm jemand Blödsinn erzählt, wie jetzt. Nach seiner Bitte, die Klimaanlage im Auto doch bitte auszustellen, und der Erwiderung, das die doch gar nicht eingeschaltet sei, sagt er: „Doch die ist an.“ Er hat recht, wie sich herausstellt.

Und schnell stellt sich auch etwas anderes heraus: Der gebürtige Eritreer, dessen Eltern vor dem Bürgerkrieg in der Heimat mit ihren neun Kindern nach Deutschland flüchteten als er, der Zweitjüngste, vier Jahre alt war, ist direkt, selbstbewusst und sehr offen.

Mit 20 muss er sich völlig neu orientieren

Mulgheta Russom erzählt jetzt davon, wie sein Leben am 3. Oktober 1998 eine brutale Wendung nimmt. Auf dem Heimweg nach Ofterdingen kommt der damals 20-Jährige mit seinem Auto aus unerfindlichen Gründen von der Straße ab und prallt gegen einen Baum. Passanten ziehen ihn schwer verletzt aus dem brennenden Wagen. Er kommt nach Tübingen ins Krankenhaus, wo ihn die Ärzte während der 14-stündigen Operation und zwischen den drei Wiederbelebungsmaßnahmen eigentlich schon aufgeben haben. In seinem Gesicht ist so ziemlich alles gebrochen, es wird mit Drähten, Schrauben und Platten zusammengehalten. Er wird in ein künstliches Koma versetzt, aus dem er nach drei Monaten erwacht. Es folgt eine Infektion mit hohem Fieber. Danach ist Mulgheta Russom blind.

„Meine Sehnerven sind verblasst“, sagt er. Die Erinnerungen sind es aber nicht an die Zeit, als sich sein Leben von Grund auf verändert hat. Für den ehemaligen Landesliga-Fußballer der TSG Tübingen, der in der Unistadt im Modehaus Zinser gearbeitet hat, muss sich in jeder Beziehung neu orientieren. „Da sind Tränen geflossen, und ich habe mir auch die eine große egoistische W-Frage gestellt: Wieso ich?“

Mulgheta Russom schafft es aber schneller als andere aus dem tiefen mentalen Tal. Und zwar ohne Hilfe von außen. Er vergrault gleich zwei Psychologinnen. „Die eine wollte mit mir zusammen Obstsalat schnipseln, die andere beten, ich hatte aber auf beides keine Lust.“ Stattdessen entwickelt er einen unglaublichen Bewegungsdrang, verlangt nach Hanteln, will sofort an Krücken das Gehen üben.

In Stuttgart beginnt er dann ein neues Leben, lässt sich zunächst in der Nikolauspflege zum Korbflechter ausbilden. Rückschläge bleiben nicht aus beim Ungeduldigen. Mit der Blindenschrift tut er sich zunächst schwer. „In meinen Träumen tauchten keine Frauen mehr auf, sondern plötzlich nur noch Punkte.“ Mulgheta Russom lacht und sagt, dass ihm der Humor auch immer geholfen habe. Und der Sport, der zu einem Fixpunkt in seinem Leben wird. „Ich habe alles ausprobiert und gar nicht nachgedacht, ob das ein Blinder kann.“ Er wirft Speer, läuft mit einem Guide Halbmarathons, fährt Wasserski, macht Tandemsprünge mit dem Fallschirm. „Ich wollte mich nicht verstecken, das hätte so gar nicht zu mir gepasst.“

Mit Freunden erkundet er die Stuttgarter Partyszene. Er weigert sich einfach, durch die Blindheit ein anderer zu werden und behält seine positive Grundeinstellung und das Selbstvertrauen. Und irgendwann kommt Mulgheta Russom zum Blindenfußball. Obwohl er zunächst denkt, als ihn ein Trainer für den Sport gewinnen will: „Da verarscht mich einer. Fußball für Blinde, wie soll das denn funktionieren?“

Der DFB könnte mehr für den Blindenfußball tun, findet Russom

Mittlerweile findet das Gespräch in der Zahnradbahn statt, wo Mulgheta Russom leidenschaftlich von seiner Sportart erzählt. „Blindenfußball ist nichts für Weicheier, da knallt es auch mal“, sagt der Abwehrchef des MTV Stuttgart und der deutschen Nationalmannschaft, bevor er einem die Grundzüge des Spiels erklärt. Auf einem Kleinfeld mit Banden treten zwei Teams mit jeweils vier blinden Spielern und einem sehenden Torwart gegeneinander an. Augenbinden gleichen bei den Feldspielern möglicherweise unterschiedliche Sehschädigungen aus. Zur Orientierung hilft eine Rassel im Ball sowie die Zurufe der Guides an der Bande und hinter den Toren.

Das wichtigste Wort im Blindenfußball lautet „Voy“, was auf Spanisch „ich komme“ heißt und dem ballführenden Gegenspieler zugerufen werden muss.

Und dann kommt Mulgheta Russom auf die Höhepunkte in seiner Karriere zu sprechen, ganz so wie es der Zahnradbahnfahrplan auf dem Weg nach oben vorsieht. Dass er mit der Nationalmannschaft gleich bei der ersten Teilnahme eines deutschen Teams an einer Europameisterschaft 2009 den fünften Platz in Athen erreicht, stuft Russom in die „Kategorie Highlight“ ein. Eine noch größere Bedeutung hat für ihn persönlich allerdings die EM 2013 in Italien. Im Viertelfinale gegen England bekommt Deutschland einen Strafstoß zugesprochen. Ein Fall für den Standardspezialisten Russom. Mit dem verwandelten Achtmeter schießt er sein Team ins Halbfinale und gleichzeitig zur WM nach Tokio sowie auf EM-Platz vier. „Ein Wahnsinnsgefühl“, sagt der deutsche Rekordtorschütze.

Ein besonderer Moment im Sportstudio

Die Lockerheit haben der starken Persönlichkeit in der Folge noch weitere Höhepunkte beschert. So ist Mulgheta Russom auch immer wieder mal im Fernsehen zu sehen – zuletzt im April im Aktuellen Sportstudio. Dort sorgt er an der Torwand für Furore, als er mit einem Treffer den deutschen Eishockeystar Leon Draisaitl besiegt. Besonders gern tritt er auch vor Schulklassen auf, erzählt seine Geschichte, will motivieren, Mut machen. „Und ein bisschen Vorbild will ich auch sein“, sagt Mulgheta Russom am Wendepunkt in Degerloch. Wir kommen zu den Tiefpunkten. „Wenn es unbedingt sein muss“, meint er und lächelt. „Klar der Unfall“, sagt Mulgheta Russom und lächelt nicht mehr.

Aber jetzt will er über Blindenfußball in Deutschland reden, der über die Behindertensportverbände organisiert wird, und über das, was in der Sportart seiner Meinung nach falsch läuft. Er wünscht sich viel mehr Unterstützung vom Deutschen Fußball-Bund. „Wir bekommen vom reichen DFB lediglich alte Trikotsätze. Das finde ich schon ein bisschen armselig.“ Und dann führt Mulgheta Russom andere Beispiele an: „In Brasilien verdienen Blindenfußballer bis zu 6000 Euro im Monat, von solchen Verhältnissen können wir ja nur träumen.“

Ein anderer Traum von Mulgheta Russom ist, dass er irgendwann wieder sehen kann. Auch wenn ihm die Ärzte wenig Hoffnung machen können, lässt er sich davon nicht entmutigen. Auf eine Erfahrung in der Leidenszeit will er aber trotzdem nicht verzichten. „Man lernt das Leben erst richtig zu schätzen, wenn etwas Einschneidendes passiert ist“, sagt Mulgheta Russom, als er am Ende des Zahnradbahngesprächs in Botnang aus dem Auto steigt. „Den Weg hoch in meine Wohnung schaffe ich allein“, sagt einer, der trotz seiner Blindheit so gar nicht hilflos wirkt.