ZDF-Doku „Corinne und ihr Geheimnis“ Niemand darf es wissen

Von Tilmann Gangloff 

Zehn Jahre lang hat die Filmemacherin Maike Conway das HIV-infizierte Mädchen Corinne begleitet. Daraus sind drei sehenswerte Dokumentationen entstanden.

Corinne und die Autorin Maike Conway bei den Dreharbeiten Foto: ZDF
Corinne und die Autorin Maike Conway bei den Dreharbeiten Foto: ZDF

Stuttgart - Vor zwölf Jahren hat Maike Conway einen Artikel gelesen, der eine Art Abschiedsbrief war. Ein HIV-infiziertes Kind beschrieb darin, wie schwierig es ist, mit einer Krankheit zu leben, über die man nicht reden darf. Der Text hat die Filmemacherin, wie sie erzählt, „so berührt, dass ich unbedingt einen Film darüber drehen wollte“. Ein Verein, der HIV-infizierte Kinder an Pflegefamilien vermittelt, hat daraufhin den Kontakt zu Corinne hergestellt. „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, zumal sich Corinne als Glücksfall entpuppte: Sie hat sich vor der Kamera ganz natürlich verhalten, war lustig und aufgedreht. Die Pflegemutter hat ihr erklärt, warum ich diesen Film drehe. Es ging von Anfang an darum zu vermitteln, dass Corinne eine ganz normale Kindheit hat. Da außerhalb der Familie aber niemand etwas über die Krankheit erfahren durfte, haben wir viele Jahre lang im Geheimen gedreht.“

Conway hat aus ihrem Material die Reportage „Corinne und ihr Geheimnis“ für die ZDF-Reihe „37 Grad“ (1. Dezember, 22.15 Uhr) sowie einen Dokumentarfilm in der Reihe „Kleines Fernsehspiel“ gemacht („Corinnes Geheimnis“, 7. Dezember, 0.25 Uhr). Im Kinderkanal läuft zudem ein Beitrag für die Porträtreihe „stark!“ (6. Dezember, 8.35 Uhr).

Die Ängste der Eltern

Nicht mal Corinne selbst wusste als Kind, warum sie dauernd Tabletten nehmen musste. Als die Pflegeeltern ihr später die Wahrheit mitteilten, haben sie ihr eingeschärft, dieses Geheimnis für sich zu behalten; sie fürchteten, dass die Eltern der Mitschüler hysterisch reagieren würden. Deshalb war von vornherein Teil der Abmachung zwischen der Autorin und der Pflegefamilie, „dass ich das gedrehte Material zu Hause wegschließe und Corinne entscheiden kann, ob ich tatsächlich einen Film draus mache, wenn sie 18 ist. Daher musste ich natürlich auf eigenes Risiko arbeiten; kein Sender hätte mich für eine Langzeitdokumentation bezahlt, aus der am Ende womöglich nichts wird.“ Trotz der widrigen Umstände hat Conway ihre Filme nicht unnötig dramatisiert. Offenbar hat sich Corinnes Aufwachsen nur unwesentlich vom Dasein anderer Kinder unterschieden; abgesehen natürlich von ihrem Geheimnis sowie den damit verbundenen Medikamenten und Arztbesuchen.

Als die junge Frau die Filmidee auch mit 18 noch gut fand, hat die Dokumentarfilmerin mit dem ZDF über das Projekt gesprochen. Sie hat in der Vergangenheit für jeden der drei Sendeplätze gearbeitet, und da das Thema für alle in Frage kam, haben die Redaktionen kurzerhand entschieden, dass Conway aus dem Material drei unterschiedliche Fassungen macht. Die Bilder sind zwar weitgehend identisch, aber man erfährt in den kürzeren Filmen noch weitere Details. Wesentlichster Unterschied neben der Länge ist der Kommentar. Das „Kleine Fernsehspiel“ kommt ganz ohne zusätzliche Erläuterungen aus, doch bei „stark!“ erzählen die Kinder ihre Geschichte selbst. Während das „Kleine Fernsehspiel“ die ganze Geschichte erzählt, setzen „stark!“ und „37 Grad“ unterschiedliche Schwerpunkte. Der Kika-Film zeigt in erster Linie Corinnes vergleichsweise unbeschwerte Kindheit. Hier kam es der Filmemacherin entgegen, dass sich das Mädchen mit ihrer Tochter Alissa angefreundet hat; sie war eine der wenigen Gleichaltrigen, die sie ins Vertrauen ziehen konnte. Das entsprechende Gespräch ist das Herzstück des Films.

Der „37 Grad“-Beitrag konzentriert sich dagegen auf das Thema HIV. Natürlich sei es eine Herausforderung gewesen, zehn Jahre auf knapp dreißig Minuten zu reduzieren, sagt Conway, „aber Corinne war und ist wichtig, dass wir mit dem Film etwas bewirken und den Zuschauern klarmachen, dass HIV-infizierte Kinder oder Erwachsene ein Leben wie jeder andere Mensch führen“.