ZDF Magazin Royale Böhmermann und die Moralkrise

Jan Böhmermann fragt sich, wer die Wikipedia manipuliert. Foto: ZDF//Mediathek
Jan Böhmermann fragt sich, wer die Wikipedia manipuliert. Foto: ZDF//Mediathek

Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ ist aus der Sommerpause zurück. Erfolgreiche Egoisten und die Wikipedia waren Thema.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - TV-Satiriker Jan Böhmermann kommt mit einem großen Versprechen aus der langen Sommerpause. Das „ZDF Magazin Royale“, beteuert er treuherzig in der Auftaktfolge, sei „die einzige politisch zu 100 Prozent ausgewogene Sendung im deutschen Fernsehen. Wir sind garantiert politisch neutral, garantiert überparteilich und, auch das ist ein Versprechen: Das ,ZDF Magazin Royale’ tritt nicht nach unten. Wir machen nur Scherze über die da oben, deswegen heute keine Witze über Armin Laschet.“

Der doppelte Boden ist der normale Untergrund eines Böhmermann-Textes. Böhmermann sagt Spöttisches, veräppelt zugleich aber die Rolle, die er einnimmt, hier die des öffentlich-rechtlichen Moderators mit salbungsvollen Selbstverpflichtungen.

Weg mit den Affären

Auch dieses Mal hatte Böhmermann ein gleichermaßen journalistisch wie satirisch angegangenes Hauptthema im Gepäck, die professionell betriebene Manipulation der Wikipedia durch Interessensgruppen und Einzelpersonen. Das Problem ist jedem Interessierten schon lange bekannt, erzählenswert ist die Problematik einer im Handumdrehen veränderbaren Wissensdatenbank aber immer wieder. Gerade jetzt im Wahlkampf, wenn aus den Wikipedia-Artikeln mancher Politiker Hinweise auf Affären und Verstrickungen beharrlich gelöscht werden.

Die Sendung hat aber schön gezeigt, dass Böhmermanns Pfiffigkeit nicht am Nachrichtenwert seines Hauptthemas festzumachen ist. Der Satiriker bot beispielsweise einen fulminanten Song, „Gegen den Staat“. Der könnte dem Titel nach ein altlinker Schrammelhit sein, kommt aber butterweich modern daher, mit Backup-Sängerinnen, die verehrungsvoll den Frontmann unterstützen: ein Protestsong fürs Zeitalter des Narzissmus.

Regeln bitte nur für andere

Das Wutbürgertum wird hier in Achtsamkeitsgesäusel verpackt, der Grundhass auf den Gängelstaat wird dem Erfolgsmenschen zugeordnet, der sich zynisch wünscht, er besäße die „Freiheit“ eines Obdachlosen. Damit ist die Bedeutungsverschiebung aber noch nicht an ihrem Ende angelangt.

Den von Egoisten angeklagten bösen Staat würde man durch seine Spitzenpolitiker gut vertreten sehen. Aber Statisten mit Baerbock-, Scholz- und Laschet-Masken sind hier mit schwarz-rot-goldenen Bändern gefesselt, die Böhmi mit der Schere durchtrennt. Die Unzufriedenheit mit staatlichen Maßnahmen wird also denen zugesprochen, die sie entwerfen. Regeln sollen nur für andere gelten, man selbst bleibt ganz oben Individualist. Die Moralkrise des Landes, in einer TV-Shownummer von 3 Minuten abgehandelt: Chapeau!

ZDF Magazin Royale. Abrufbar in der ZDF-Mediathek bis 12. Dezember 2021.




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