ZDF-Serie „Concordia“ Christiane Paul: „Wir werden doch die ganze Zeit schon überwacht!“

Christiane Paul als Juliane Ericksen, die vor 20 Jahren die Modellstadt Concordia gegründet hat Foto: ZDF/Tobias Schult

Eine KI überwacht Tag und Nacht die Bewohner einer Stadt: Horrorszenario oder Utopie? Das fragen wir Christiane Paul, die in der Serie „Concordia“ eine Frau spielt, die so eine Stadt erfunden hat.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Kann Künstliche Intelligenz alles besser – auch Überwachung? Davon erzählt die ZDF-Serie „Concordia“, die ein Mischung aus Science-Fiction, Krimi und Gesellschaftsdrama ist. Hauptdarstellerin Christiane Paul hält Menschen für gefährlicher als Computer, fürchtet sich davor, dass unsere Demokratie in Gefahr ist – und ein bisschen auch vor Polizisten. Dies und mehr verrät sie im Interview.

 

Frau Paul, als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, ging es auch um eine Science-Fiction-Serie, damals um „Acht Tage“. Welche dieser beiden Utopien halten Sie für realistischer?

Die Grundidee von „Concordia“ fragt, wie man eine neue Gesellschaftsform erschaffen und umsetzen kann. Das scheint mir aus jetziger Sicht nicht sehr realistisch. In „Acht Tage“ ging es darum, was passiert, wenn ein Komet auf der Erde einschlägt und um den darauffolgenden apokalyptischen Zustand. Wenn ich mich richtig erinnere, hat man doch vor einiger Zeit tatsächlich so etwas befürchtet und überlegt, wie man das verhindern kann.

Die KI-Technologie, die in „Concordia“ angewendet wird, um eine Stadt zu kontrollieren, gibt es schon. Warum glauben Sie da an keine baldige Umsetzung?

Die Idee von der Smart City, mit der auf neue Herausforderungen reagiert werden soll, um die Stadt klimaneutral zu gestalten, um den Verkehr zu regeln, um die urbane Lebensqualität zu verbessern, ist nicht neu. Aber „Concordia“ greift grundlegend in die Gesellschaft ein, will sie umstrukturieren. Davon, so etwas zuzulassen, sind wir weit entfernt. Unsere Gesellschaft erlebt derzeit eine Zerreißprobe: Soziale Sicherheiten werden infrage gestellt, gesellschaftliche Verabredungen aufgehoben. Gerade in Deutschland sind viele Dinge nicht mehr so selbstverständlich, wie sie einmal waren. Und ich habe das Gefühl, dass die Politik nicht konstruktiv darüber streitet, was wir zukunftsorientiert am besten machen sollten.

Die Idee eine Stadt von KI überwachen zu lassen, finden Sie gar nicht so schlecht?

Wir werden doch schon die ganze Zeit überwacht! Wir geben unsere Apotheken-Daten, Kreditkarten- und Telefondaten preis. Wenn die Überwachung eine KI übernimmt, die sich nicht einmischt, solange nichts passiert, finde ich das als Idee gar nicht so schlimm. Vor allem aber finde ich es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir in Zukunft leben wollen in einer Welt, die ressourcenarmer wird. Wir erleben gerade wieder Krieg in Europa, haben Klimawandel. Wir müssen die soziale Gerechtigkeit erhalten, auch um die Demokratie zu schützen. Und auch dafür steht das utopische Stadtmodell in „Concordia“.

„Das Problem ist nicht die Technologie, sondern die Absicht der Menschen, die Sie benutzen“, heißt es einmal in der Serie.

Ich bin keine Expertin, was Künstliche Intelligenz betrifft. Ich überblicke nicht wirklich, ob diese Technologie an und für sich eine Bedrohung darstellt. Aber es ist auf jeden Fall so, dass wir den Einsatz kontrollieren, limitieren müssen – und entsprechende Gesetze brauchen.

Sie sind wie Juliane Ericksen, die Sie in „Concordia“ spielen, im Osten aufgewachsen. Man könnte vermuten, dass Sie deshalb mehr Angst vor einem Überwachungsstaat haben.

Komischerweise habe ich das nicht. In den ersten Jahren nach der Wende hatte ich an Grenzen ein ungutes Gefühl und immer Angst vor der Grenzpolizei, überhaupt vor der Polizei oder auch vor dem Militär. Das macht mich weiterhin unruhig. Das Schlimme an der Überwachung in der DDR aber war ja, dass dich Menschen aus deiner Umgebung, Nachbarn, Freunde oder gar Familie ausspioniert haben. Das fühlt sich für mich ganz anders an als eine Überwachung durch Künstliche Intelligenz.

Fast alle wichtigen Figuren in „Concordia“ sind Frauen: Sie spielen eine Hightech-Pionierin, Karoline Eichhorn eine Ministerpräsidentin, Ahd Kamel eine Investorin. So etwas ist weder in Serien noch in der Wirklichkeit selbstverständlich.

Wenn sonst immer über „starke Frauen“ gesprochen wird, weiß ich eigentlich nie so richtig, was damit gemeint sein soll. Was bedeutet das denn? In „Concordia“ darf ich eine Frau spielen, die einen ambivalenter Charakter hat, eine kühl kalkulierende Führungsfigur ist, die aber durchaus auch warme Züge hat. Eine Frau, bei der man nie weiß, was in ihr vorgeht. So eine Rolle ist ein Geschenk. Aber Sie haben recht: Die Welt in „Concordia“ ist frauendominiert. Aber auf eine sehr kluge Art und Weise sind das sehr unterschiedliche interessante Figuren.

Showrunner der Serie ist der US-Amerikaner Frank Doelger, der für „Game of Thrones“ mehrere Emmys gewonnen hat. Er hat zuletzt auch die Serie „Der Schwarm“ produziert …

… Ich hatte zwei Jahre zuvor für „Der Schwarm“ für eine Rolle gecastet , weil ich total gern mal mit Frank zusammenarbeiten wollte. Ich war denen aber tatsächlich zu jung (lacht). Es ging um den Part, den dann Barbara Sukowa übernommen hat. Und sie ist auch sensationell in der Rolle. Das war die richtige Entscheidung.

Für die Rolle in „Concordia“ waren Sie jetzt aber genau richtig.

Ich hatte Frank damals zwar gar nicht persönlich getroffen, aber er hat offensichtlich mein Casting-Band gesehen. Und dann hat er mich tatsächlich angerufen und mir die Rolle angeboten. Da habe ich mich schon sehr gefreut und ganz schön gebauchpinselt gefühlt.

Christiane Paul und die Serie „Concordia

Schauspielerin
Christiane Paul (50) gab ihr Filmdebüt 1992 in „Deutschfieber“. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählen Wolfgang Beckers „Das Leben ist eine Baustelle“ (1997), Fatih Akins „Im Juli“ (2000) und Elmar Fischers „Unterm Radar“ (2015). Für letztere Rolle wurde sie mit einem International Emmy Award als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Paul hat parallel zu ihrer Schauspielkarriere Medizin studiert und promovierte 2002.

Serie
Das sechsteilige Drama „Concordia“ ist bereits in der ZDF-Mediathek abrufbar. Am Sonntag, 20. Oktober 2024, und am Montag, 21. Oktober 2024, laufen ab 22.15 Uhr jeweils drei Folgen im ZDF.

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