ZDF-Talk „Maybrit Illner“ zu Corona Wie hart kann der Shutdown noch werden?

Maybrit Illner – ihr Talk ist auch im neuen Jahr ohne Corona nicht denkbar. Foto: dpa/Carmen Sauerbrei
Maybrit Illner – ihr Talk ist auch im neuen Jahr ohne Corona nicht denkbar. Foto: dpa/Carmen Sauerbrei

Wegen der wachsenden Angst vor den Mutationen des Corona-Virus dominiert Karl Lauterbachs Ruf nach einem „extrem harten Lockdown“ den Polittalk „Maybrit Illner“. Nur eine Göttinger Medizinerin hat die passende Antwort parat.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Er war nur noch ein gescheiterter Bewerber um den SPD-Vorsitz, als ihn die Pandemie in die Rolle seines Lebens brachte: die des Shutdown-Apolegeten. Denn seit fast einem Jahr verbreitet Karl Lauterbach vornehmlich eine Botschaft: Corona lässt sich nur mit immer schärferen Maßnahmen niederringen. Auch im ZDF-Polittalk „Maybrit Illner“ füllt der Teilzeit-Epidemiologe seine Rolle bravourös aus.

„Brauchen wir einen kompletten Lockdown?“, fragt die Moderatorin gegen Ende. „Das wäre im Moment das Beste“, gibt Karl Lauterbach zurück. Die neuen Mutationen des Corona-Virus mit einer 40 bis 60 Prozent höheren Ansteckungsrate könnten sich fast so auswirken, als wenn eine neue Pandemie starten würde. Dann würden „schon nach wenigen Wochen sehr viel mehr Menschen sterben“ – und es bräuchte einen höheren Anteil von immunisierten Menschen. Denn „dann liefe das so schnell durch Deutschland, dass wir nicht so schnell impfen könnten“.

„Die Kliniken kämpfen um die Babyboomer“

Wenn die Mutanten schneller da seien, als die Infektionswelle gebrochen werden könne, werde es ein exponentielles Wachstum geben – „dann kommen wir aus dem Lockdown gar nicht mehr raus“. Schon jetzt wären die Intensivstationen der Krankenhäuser längst überlaufen, wenn man die Infizierten aus den Pflegeheimen wie im Frühjahr vorigen Jahres auch dorthin bringen würde, meint Lauterbach. Übersetzt heißt das: Man lässt die hinfälligen Menschen im Heim sterben und kämpft in den Kliniken lieber um die „große Gruppe der Babyboomer“.

Ziel müsse es sein, auf eine Sieben-Tage-Inzidenzrate pro 100 000 Einwohner von „25 oder ähnlichem“ herunter zu kommen, wie Lauterbach meint. Dazu wäre „ein extrem harter Lockdown das Richtige.“ Dann müsse jeder zuhause bleiben, und zum Einkaufen ginge es nur noch mit FFP2-Masken. „Wenn wir wirklich hart durchgreifen würden, kämen wir von diesen Zahlen runter“, versichert der Mann, der einst als SPD-Gesundheitsexperte höchst sporadisch Konjunktur hatte und nun in den Talkshows auf Dauersendung ist.

15-Kilometer-Bewegungsradius für alle?

Michael Kretschmer, der sächsische Ministerpräsident, ist dem Schulmeisterlichen auch nicht abgeneigt: Er selbst hatte im Dezember „ganz klare autoritäre Maßnahmen des Staates gefordert“ – als seien die Bürger seines Freistaats schwer erziehbare Kinder. Kretschmer ist wandlungsfähig, denn davor hatte er noch einen Weg der Lockerungen verfolgt und bekennt jetzt: Mit dem Wissen von heute wären im vorigen Spätherbst „andere Entscheidungen notwendig gewesen“.

Aber selbst dem gestrengen CDU-Politiker wird die fast apokalyptische Rhetorik Lauterbachs dann doch zu düster. Man müsse dessen Forderungen weiterdenken, wendet Kretschmer ein. „In der Praxis ist dann auch die Wirtschaft tot.“ Man brauche starke Unternehmen, die später die Kosten der Pandemie tragen. Der Ministerpräsident plädiert eher für eine konsequentere Umsetzung von Kontaktbeschränkungen, wie er sie schon in Sachsen vorgegeben hat: beispielsweise den 15-Kilometer-Bewegungsradius, der von der Polizei gut kontrollierbar sei und in seinem Land „sehr gut eingehalten“ werde. Aber auch Kindergärten und Schulen sollten komplett schließen und ein Betretungsverbot für Pflegeheime verhängt werden, sofern kein negativer Schnelltest vorliegt. Ebenso will er den öffentlichen Personennahverkehr in den Fokus nehmen. Er rate, „nicht in Extrempositionen zu denken“, sagt Kretschmer. Vielmehr müsse man sich in Ruhe hinsetzen und die „Maßnahmen nachschärfen“ – was nächste Woche auch passieren werde.

„Wer versorgt dann die Leute im Pflegeheim?“

Die passendere Antwort auf Lauterbach hat Eva Hummers parat. Die Professorin ist Mitglied der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts und leitet ein Impfzentrum in Göttingen. „In der Radikalität geht das nicht“, hält sie dem Genossen vor. „Wer versorgt dann die Leute im Pflegeheim?“ Und im Supermarkt solle es ja noch etwas zu kaufen geben. Dies seien Ausnahmen, wendet der Gescholtene leise ein. „Es gibt viele Ausnahmen in diesem System“, beharrt Hummers. „Aber zu sagen, wir rühren uns alle überhaupt nicht mehr, ist nicht realistisch und nicht hilfreich.“ Außerdem fänden die meisten Ansteckungen in den Familien statt – dort gäbe es auch Bewegung.

„Für Politik und Experten bleibt nur, eine Abwägung zu finden“, schließt die Medizinerin. Das wird wohl wieder eine sehr schwierige Diskussion werden, denn die immer lauteren Warnungen von Seiten der Wissenschaftler versetzen die Politik in helle Alarmstimmung. Wollte die Kanzlerin zunächst am 25. Januar wieder mit den Ministerpräsidenten über den Lockdown reden, so soll dies nun schon kommende Woche erfolgen.

Jens Spahn darf weit ausholen

Einer, der einen gezielten Vorausblick auf diese Krisendiskussion geben könnte, ist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Doch ausgerechnet ihm mag Illner – ob abgesprochen oder unbewusst – bei ihrem Intermezzo mit dem CDU-Politiker keine klare Aussage entlocken. So darf Spahn weit ausholen: Er verteidigt zum x-ten Mal seine Einkaufsstrategie und die deutsche Kooperation mit der EU bei den Impfstoffen, und er wiederholt sein Mantra: „Wir haben kein Mengenproblem“ sowie „Es war von Anfang an klar, dass es knapp sein würde.“ Wurden Fehler gemacht? Spahn sieht das nicht so. Es hätte zum Start der Impfkampagne einfach nicht mehr Vakzin produziert werden können, bekräftigt er.

Dass sich die EU anders als die USA und Großbritannien gegen Notzulassungen entschieden habe, werde sich noch bewähren. „In drei, vier Monaten werden wir über die Impfbereitschaft diskutieren.“ Dann zähle vor allem Vertrauen.

Spahn hält sich bedeckt – und Maybrit Illner lässt ihn davonkommen. Bei ihrem Krisenmanagement müsse die Politik die Menschen mitnehmen, mahnt die Journalistin Claudia Kade. Diesbezüglich ist auch beim Bundesgesundheitsminister noch reichlich Nachbesserungsbedarf.




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