Zehn Fakten zum Super-GAU Kettenreaktion führt zur Katastrophe

Nachdem der Brand gelöscht war, wurde das Ausmaß der Katastrohe deutlich. Foto: AP
Nachdem der Brand gelöscht war, wurde das Ausmaß der Katastrohe deutlich. Foto: AP

Sicherheitsmängel, unglückliche Umstände und Verstöße gegen Vorschriften: Diese brisante Mischung führte zum Tschernobyl-Desaster.

Wissenschaft: Klaus Zintz (Zz)
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Stuttgart - Nachdem am 26. April 1986 Block vier des Kernkraftwerks bei Tschernobyl explodiert war, dauerte es Tage, bis die Behörden der damaligen Sowjetunion den Super-GAU eingeräumt hatten. Immerhin begann man schon bald nach dem Unglück mit der Evakuierung der Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung. In den Wochen danach wurde der Reaktorbrand gelöscht und die Ruine stabilisiert. Aber erst viele Jahre später wurden die Ursachen bekannt, die zu der Katastrophe geführt hatten. Zusammengefasst wurden die Erkenntnisse der Experten im Jahr 2006 in einem Bericht der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) und der Universität Karlsruhe. Bis heute ist allerdings das wahre Ausmaß des Unglücks und seine Bedeutung für die Bevölkerung umstritten. Eine Chronologie der Ereignisse.

1. Die Vorgeschichte

Am 31. Dezember 1983 geht Block vier des Kraftwerkskomplexes in der Nähe der Kleinstadt Tschernobyl im Norden der Ukraine in Betrieb: ein mit Hilfe von Grafitstäben gesteuerter Siedewasser-Druckröhrenreaktor vom Typ RBMK. Wie so oft herrscht Zeitnot, so dass vorläufig auf einen wichtigen Test verzichtet werden muss: Der Nachweis, dass der Reaktor auch noch bei Stromausfall von außen sicher zu beherrschen ist, konnte noch nicht erbracht werden.

2. Der Test

Ende April 1986 steht die jährliche Revision an – eine gute Gelegenheit, endlich den ausstehenden Test durchzuführen. So soll bewiesen werden, dass der Meiler auch während des Herunterfahrens ausreichend Strom liefert, um insbesondere vier Pumpen bis zum Anlaufen der Notstromanlage zu betreiben. Am Anfang des Experiments steht eine Schnellabschaltung, der dann – wie im Sicherheitskonzept vorgesehen – die automatische Notabschaltung folgen soll. Geplant, getan: am 25. April um ein Uhr frühmorgens wird mit dem Herunterfahren des Reaktors begonnen. Knapp drei Stunden später ist seine Leistung dann auch auf die Hälfte abgefallen.

3. Die Probleme

Doch Schwierigkeiten und unerwartete Ereignisse lassen nicht lange auf sich warten. Ein wichtiger Betriebswert fällt unter das zulässige Maß – eigentlich hätte die Anlage daraufhin sofort abgeschaltet werden müssen. Doch es fehlt Strom im Netz, der Reaktor muss über viele Stunden hinweg dringend weiterlaufen, und das mit halber Kraft. Glücklicherweise stabilisiert sich die Lage. Der Test muss warten.

4. Der Mannschaftswechsel

Eine aufregende Schicht geht zu Ende: Die alte Betriebsmannschaft, die den Test vorbereitet hatte, hat Feierabend. Die neuen Leute haben sich aber offenbar nicht so gut auf das Experiment eingestellt, müssen dieses nun aber zu Ende bringen. Erst als der Strombedarf sinkt, kann die neue Mannschaft am späten Abend das Experiment fortführen.

5. Der dramatische Leistungsabfall

Prompt kommt es zu neuen Schwierigkeiten, diesmal bei der Umschaltung der Reaktorleistungsregelung. So fällt am frühen Morgen des 26. April die Leistung dramatisch ab: auf gerade mal ein Prozent der Nennleistung. Das völlig unplanmäßige Ereignis hätte den Abbruch des Experiments zwingend erfordert – eigentlich, denn in der Praxis darf das nicht sein, schließlich müssen Anordnungen auch durchgeführt werden. So werden – entgegen aller Betriebsvorschriften – die Steuerstäbe wieder in Bewegung gesetzt, damit die Leistung steigt. Ziel ist, die stromproduzierenden Turbinen wieder mit genügend Dampf zu versorgen. Um den Test durchführen zu können, wird zudem eine wichtige Sicherheitseinrichtung deaktiviert: Sie hätte bei der Einleitung des Versuchs zu einer automatischen Notabschaltung geführt. Dann aber hätte man das Experiment – falls erforderlich – nicht wiederholen können.

6. Der äußerst labile Zustand

Nun kommt ein wichtiges Konstruktionsprinzip dieses Reaktortyps ins Spiel. Zusammen führen diese Manipulationen dazu, dass der Reaktor in einen äußerst labilen Zustand gerät. Bauartbedingt kommt erschwerend hinzu, dass es bei bestimmten kritischen Betriebszuständen beim Abschalten zunächst zu einer Steigerung statt zu einer Verringerung der Leistung kommen kann.

7. Die Leistungsexplosion

Genau diese Folge tritt nun ein: Kurz nach Einleiten des Experiments kommt es im Zuge der dadurch ausgelösten Notabschaltung um 1.23 Uhr zu einem massiven Anstieg der Leistung. Gleichzeitig aber führt die abnehmende Leistung der Pumpen dazu, dass die Kühlung geringer wird. In dieser äußerst brenzligen Situation drückt offenbar noch jemand auf den Notausknopf. Aber es ist zu spät.

8. Der Super-GAU

So nimmt das Unglück seinen Lauf. In Sekundenschnelle heizen sich die Brennstäbe massiv auf. Dabei wird so viel Hitze an das Wasser abgegeben, dass es in großer Menge praktisch sofort verdampft. Der rapide Druckanstieg ist zu viel für den Reaktors: Gleich zwei Explosionen erschüttern den Meiler. Der 3000 Tonnen schwere Reaktordeckel wird hochgehoben und verdreht, das Dach des Gebäudes weggesprengt. Für viele Mitarbeiter kommt das Unglück völlig überraschend.

9. Die radioaktive Wolke

Aus dem zerstörten Gebäude gelangen riesige Mengen Radioaktivität ins Freie. Zudem entzündet sich wegen der großen Hitze auch noch das Grafit der Steuerstäbe: Es brennt noch intensiver und es wird noch heißer. So reißt der über dem Brandherd aufsteigende Luftstrom radioaktive Partikel bis in große Höhen. Dort werden sie vom Wind erfasst und über weite Strecken transportiert – bis nach Westeuropa. Süddeutschland ist besonders stark betroffen, wie Messungen schon bald zeigen: Dort regnen in den Folgetagen stellenweise beachtliche Mengen radioaktiver Partikel zu Boden. Über Monate hinweg sind die Menschen auch hierzulande tief verunsichert.

10. Die Aufräumarbeiten

Vor Ort kämpfen unzählige Feuerwehrleute, Soldaten und weitere Helfer gegen den Brand. Nicht wenige bezahlten wegen der mörderischen Strahlung ihren wahrhaft heldenhaften Einsatz später mit dem Leben. Am Nachmittag des nächsten Tages wird die nahegelegene Stadt Pripjat evakuiert, auch Menschen in den umliegenden Dörfern werden weggebracht. Mit etwa 5000 Tonnen Sand, Lehm, Blei, Bor und anderen Materialen wird der Brand im Zuge von rund 1800 Hubschrauberflügen gelöscht. Am 9. Mai ist das Feuer aus. Anschließend wird der Unglücksreaktor in nur fünf Monaten Bauzeit mit einer Betonhülle notdürftig gesichert – dem Sarkophag. Dieser ist inzwischen so marode, dass er bis Ende 2017 in eine neue, riesige Stahlhülle eingehüllt werden soll.

Wie viele Opfer der Super-GAU von Tschernobyl gefordert hat, ist nicht bekannt. Laut dem offiziellen Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, der Weltgesundheitsorganisation WHO und des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen UNEP, der 2006 erschienen ist, konnten bis Mitte 2005 „weniger als 50 Tote direkt auf die Strahlung durch den Unfall zurückgeführt werden“. Zudem seien einige tausend Menschen an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Andere Quellen und Experten gehen von sehr viel höheren Opferzahlen aus – da ist von mehreren zehntausend bis sogar mehr als hunderttausend Menschen die Rede, die an den Folgen der Reaktorkatastrophe gestorben sein sollen. Sicher ist, dass das Leiden auch heute noch lange nicht beendet ist: Nach wie vor erkranken laut Caritas besonders Kinder in der Gegend an Schilddrüsenkrebs.

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