Zehn Jahre Diamorphin-Abgabe in Stuttgart Mit synthetischem Heroin zurück ins gesellschaftliche Leben

In der Diamorphinpraxis erhalten die Patienten das synthetisch Heroin in individueller Dosierung und mit Spritzenbesteck. Foto:  

Seit zehn Jahren gibt es in Stuttgart die Diamorphinabgabe. Seither erhält eine wachsende Zahl von Süchtigen das synthetische Heroin. So können viele wieder ein fast normales Leben führen. Einfacher aber wäre, wenn es den Ersatzstoff als Tablette gäbe. Ein Diamorphin-Nutzer der ersten Stunde erzählt.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Jetzt ist Bernd ruhig und entspannt. Vor fünf Minuten hat er sich im Nebenraum an einem der kleinen runden Tische eine Spritze gesetzt und das synthetische Heroin Diamorphin injiziert. In einer Nierenschale hat ihm eine Medizinische Fachangestellte die Utensilien gereicht, durch die Öffnung der dicken Panzerglasscheibe an der Theke, mit Stauschlauch und Pflaster. Nun sitzt der 44-Jährige, der eigentlich anders heißt, in schwarzem Shirt, Jeans und blauen Sneakern im Arztzimmer und blickt auf sein Leben. „Heute falle ich in der S-Bahn nicht mehr auf“, sagt er zufrieden. Das war lange Zeit ganz anders.

 

Bernd hatte keinen guten Start ins Leben. Die Mutter krank, der Vater immer bei der Arbeit, kommt er irgendwann ins Heim. Dort hält er es nicht aus, haut ab und landet in einem besetzten Haus an der Neckarstraße im Stuttgarter Osten. Das war Anfang der 1990er Jahre, Bernd ist gerade mal elf. Drogen gibt es dort in Fülle, er fängt an zu kiffen, nimmt Amphetamine, Ecstasy, LSD, was eben so da ist. Mit 12 Jahren spritzt er sich dort zum ersten Mal Heroin. „Ich hatte sofort ein Gefühl von Geborgenheit“, erinnert er sich. „Ich hatte gefunden, was ich immer gesucht habe, ob mit Hunger oder bei Kälte, ich hab’ mich immer gut gefühlt.“ Von da an geht es mit ihm rapide bergab.

Das Diamorphin wird aufgezogen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es beginnt der tägliche Kreislauf von Suchtdruck und Beschaffungskriminalität. Mal klauen er und seine Kumpels Lebensmittelpaletten, die damals von Lastwagen noch nachts bei den Supermärkten abgestellt wurden. Oder sie brechen Autos auf, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Die anderen elf, die damals zu seiner Drogen-Clique gehörten, sind alle tot. Bernd hatte mehr Glück. Schon mit 13 bekommt er den Ersatzstoff Methadon. Dafür hatte er selbst einige Hebel in Bewegung gesetzt bei Ämtern, Sozialarbeitern, in der Familie, nachdem er von der Möglichkeit gelesen hatte.

Nur: Den Alltag des Drogensüchtigen verändert das wenig. Weil das Methadon, um dessen Dosierung er beim Arzt immer kämpfen muss, ihm nicht reicht, und weil ihm der Kick der Heroin-Injektion fehlt, besorgt er sich dieses weiter. Und wirft dazu noch ein, was man als sogenannten Beigebrauch von Abhängigen kennt: „Benzodiazepine, gelegentlich Kokain und andere Sachen, Kiffen war sowieso Standard“, erzählt er. Konflikte mit der Polizei und mit Gerichten bleiben Alltag. „Ich hatte weiter einen Riesendruck und war immer noch kriminell und in der Szene unterwegs“, sagt Bernd. Weil er das Methadon, das mit Sirup versetzt ist, dass man es nur trinken kann, trotzdem spritzt, dass es wenigstens ein bisschen wie Heroin wirkt, ist seine Gesundheit stark belastet.

Dazu bekommen die Patienten je nach Bedarf noch Tabletten gegen andere Leiden wie Hepatitis, aber auch etwa gegen ADHS. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das alles änderte sich 2014, mit der Eröffnung der Diamorphinabgabe. Er sei „Patient Nummer zwei in Woche zwei“ und vermutlich von allen, die in der Kriegsbergstraße 40 synthetische Heroin bekommen, jener, „der am längsten dabei ist“, sagt Bernd. Seither habe sich sein Leben „um 180 Grad verändert“. Der 44-Jährige lebt in einem Ort bei Plochingen, er hat überhaupt keine Kontakte mehr in die Drogenszene. „Wenn mich heute einer fragt, wo er Stoff kaufen kann, hab’ ich nicht einmal mehr die Nummern“, betont Bernd. Selbst mit dem Kiffen hat er nach all den Jahrzehnten aufgehört.

Alles hätte aber auch anders ausgehen können. Wer Methadon spritzt, wie Bernd früher, „stirbt irgendwann“, sagt Andreas Zsolnai, an Herzversagen, „die Herzklappen gehen kaputt“. Der Suchtmediziner leitet die Schwerpunktpraxis an der Kriegsbergstraße.

Spritzen sind in großer Zahl vorhanden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Mit 40 Plätzen hatte man dort begonnen. „Die waren schon nach neun Monaten voll“, erzählt Andreas Zsolnai. Anders als Methadon, das eine ganz andere psychische Wirkung habe und die Betroffenen eher träge und antriebslos mache und nicht selten eine Alkoholabhängigkeit begünstige, mache die Diamorphin-Substitution die Menschen wieder „arbeitsfähig und absolut gesellschaftsfähig“, betont der Arzt. Von den heutigen Diamorphinpatienten seien etwa 45 Prozent in einer Beschäftigung, auf dem ersten oder dem zweiten Arbeitsmarkt.

Die Erfahrungen mit den Diamorphin-Patienten der vergangenen zehn Jahre zeige: „Die wollen was anfangen, die sind bereit für eine Psychotherapie und haben wieder Lust am Leben“, sagt Andreas Zsolnai. Das ist für den Suchtmediziner deshalb so wichtig, weil bei „etwa 85 Prozent“ der Heroin-Abhängigen eine psychische oder psychiatrische Grunderkrankung vorliege. Zu einem durchaus „großen Anteil“ seien diese als Kinder oder Jugendliche „körperlich oder sexuelle missbraucht worden“, so der Arzt. Erst wenn sie innere Ruhe fänden, könnten sich die Betroffenen um diese Probleme kümmern.

Spritzenbesteck in der Nierenschale Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Bernd lebt inzwischen von einer Rente auf Höhe des Sozialhilfesatzes und kann am Ende des Monats, wenn ihn jemand um etwas Geld bittet, trotzdem noch was abgeben. Das gibt ihm ein gutes Gefühl. In seiner Zeit im Drogenmilieu hatte er nie Geld. Heute unterstützt der 44-Jährige einen über 80-Jährigen, der ihm in den schweren Jahren seiner Drogensucht auch immer wieder geholfen hat, im Haushalt und im Garten.

Doch noch immer kommt Bernd zweimal am Tag zur Diamorphinabgabe nach Stuttgart, morgens und abends. Lieber wäre ihm, wenn er nur noch einmal kommen müsste. Das ginge, wenn in Deutschland Diamorphin in Tablettenform verabreicht werden könnte. „Da warte ich sehnsüchtig drauf“, sagt der 44-Jährige. Dann käme er noch einmal am Morgen nach Stuttgart, bekäme seine Diamorphin-Spritze an der Kriegsbergstraße, abends könnte er zuhause die Tablette nehmen. Die Frage wäre nur, „ob ich psychisch damit klarkomme, dass ich nur noch einmal am Tag den Kick habe“, sagt sich Bernd.

Andreas Zsolnai setzt sich ein für die Zulassung von Diamorphin in Tablettenform. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Andreas Zsolnai, der seit zehn Jahren im Bund Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diamorphin ist, hat das gleiche Ziel: den Einsatz der Diamorphin-Tablette. Dabei handle es sich um eine „schnellflutende Tablette“, erklärt der Arzt. Die bewirke „auch einen Kick, aber etwas weniger“ als beim Spritzen. Etwa 40 Prozent der Patienten, schätzt Zsolnai, könnte man so „von der Nadel wegkriegen“. In der Schweiz werde die Tablette längst eingesetzt. In Deutschland aber halte man noch eine eigene Studie für erforderlich. Die aber werde es wegen der hohen Kosten für eine so kleine Patientengruppe nicht geben. Deshalb brauche es einfach den „politischen Willen“, die Diamorphin-Tablette einzusetzen. Wie in anderen Ländern auch.

Substitution in Stuttgart

Praxis
Die Stuttgarter Diamorphinabgabe an der Kriegsbergstraße gibt es seit zehn Jahren. Dort versorgen 35 Beschäftigte, Ärzte, Psychologen und Pflegefachkräfte, rund 850 suchtkranke Patienten. Von diesen werden 440 substituiert, rund 140 mit Diamorphin, das sie sich bis zu dreimal täglich in den Räumen der Praxis unter ärztlicher Aufsicht selbst spritzen.

Finanzierung
Anfangs hat die Stadt Stuttgart die Praxis gefördert, seit 2016 ist sie selbsttragend und finanziert sich durch Kassenleistungen, erklärt Andreas Zsolnai. Anlässlich der Jubiläumsfeier am vorigen Freitag sprach Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) von einem „Vorzeigemodell“. ury

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