Zehn Jahre nach dem Flugzeugunglück am Boßler Das Rätsel um den „Schicksalsberg“ bleibt

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Vor zehn Jahren ist am Boßler auf der Schwäbischen Alb ein Rettungshubschrauber verunglückt, vier Menschen starben. Später wird nachgewiesen, dass der Pilot unter Medikamenten stand. Ob dies die Ursache für den Absturz war, ist auch heute noch nicht klar.

Der Hubschrauber ist total ausgebrannt, die Helfer können  die Insassen nur noch tot bergen. Foto:   6 Bilder
Der Hubschrauber ist total ausgebrannt, die Helfer können die Insassen nur noch tot bergen. Foto:  

Göppingen - Es ist eine tragische Geschichte, die sich genau vor zehn Jahren am Steilhang beim Gruibinger Wiesle abgespielt hat. Am 28. September 2005 um 11.03 Uhr hebt ein Rettungshubschrauber der Deutschen Rettungsflugwacht (DRF) vom Krankenhaus Gerlingen ab. Es ist schönes Wetter, die Sicht ist klar. An Bord ist neben dem 47-jährigen Piloten, eine 28-jährige Patientin, ein Notarzt (51) und ein Rettungssanitäter (44). Das Ziel ist das Klinikum Großhadern in München. Doch der Hubschrauber kommt nie dort an.

Eigentlich sollte an diesem Tag ein Leben gerettet werden, stattdessen sterben vier Menschen. Um 11.15 Uhr kollidiert der Hubschrauber bei Weilheim an der Teck in 794 Metern Höhe mit dem Boßler auf der Schwäbischen Alb. Laut Zeugenaussagen hatte der Hubschrauber zuvor mehrere Bäume berührt. Er brennt komplett aus, die Insassen werden später tot geborgen. Und bis heute ist nicht recht klar, warum.

Der Boßler mit dem prägnanten Gipfel am Albtrauf wird schon länger als „Schicksalsberg“ bezeichnet, manchmal sogar als Berg, auf dem ein Fluch laste oder als „Todeswand“. Neun Flugzeuge und Hubschrauber sind seit 1940 dort verunglückt.

Keinerlei Zusammenhang zwischen den Abstürzen

Auch das Unglück vor zehn Jahren, am 28. September 2005, lässt Fragen offen. Thilo Keierleber (44) von der Naturfreunde-Ortsgruppe Göppingen hat sich intensiv mit den Abstürzen beschäftigt. Er erinnert sich noch genau an den 28. September 2005. „Ich saß gerade in einer Sitzung in der Gruibinger Sickenbühlhalle, in der es um den Ausbau der A 8 ging“, berichtet er. „Nach und nach sind alle wichtigen Leute verschwunden, bis sich irgendwann herum sprach, dass am Boßler ein Hubschrauber verunglückt ist.“

Die Nachricht traf Keierleber. Schon wieder ein Unglück am Boßler. Er begann zu recherchieren, sichtete Material und sprach mit Zeitzeugen. „Es gibt keinerlei Zusammenhang zwischen den Abstürzen“, fasst er zusammen. Sowohl bei Nebel, als auch bei schönstem Wetter seien Hubschrauber und Flugzeuge dort abgestürzt. Länger gab es die Theorie, dass die Piloten der Autobahn A 8 als Leitlinie gefolgt sind und deshalb gegen den plötzlich auftretenden Berg prallten. „Doch die Flugzeuge und Hubschrauber kamen alle aus verschiedenen Himmelsrichtungen“, weiß Keierleber.

Ermittlungen gegen den Piloten und dessen Arzt

Später wird bei toxikologischen Untersuchungen festgestellt, dass der Unglückspilot von 2005 unter Medikamenten stand. Es wird gemutmaßt, dass er aufgrund dessen plötzlich einen Müdigkeitsanfall erlitt und die Kontrolle über den Hubschrauber verlor. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Stuttgart erklärt im Oktober 2005 zunächst, dass von keiner Störung der Handlungsfähigkeit durch Medikamente oder Suchtstoffe ausgegangen wird. Im Dezember 2005 nimmt sie dann jedoch Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung gegen den Arzt auf, der die Flugtauglichkeit des Piloten bescheinigt hatte.

Auf Anfrage der StZ erläutert die Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft Claudia Krauth: „Man hat mehrere Untersuchungen gemacht und der Pilot hat über einen Zeitraum von einem Jahr ein Medikament eingenommen, das zur Müdigkeit führen kann.“ Im März 2007 habe man das Ermittlungsverfahren aber eingestellt, denn „es konnte nicht eindeutig festgestellt werden, ob die eingenommenen Medikamente ursächlich für den Absturz waren.“

Auch die Familie des Piloten hatte nichts bemerkt

Die Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) machte unterdessen eindeutige Angaben dazu, dass sie den Medikamenteneinfluss des Piloten und Stresssymptome für ursächlich hielten. „Für ein strafrechtliches Verfahren waren diese Vermutungen aber nicht ausschlaggebend“, stellt Krauth klar. „Und da der Pilot bei dem Unglück selbst gestorben ist, wurde auch nicht weiter ermittelt.“

Auch Thilo Keierleber mag nicht recht an die Medikamententheorie glauben. Bei seinen Recherchen hat er die Familie des Unglückspiloten kennengelernt: „Auch sie hatte keinerlei Anzeichen bemerkt, dass er nicht flugtüchtig gewesen wäre.“ Das Mysterium um den „Schicksalsberg“ bleibt.




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