Marius Böhm ist beim Tsunami zur Waise geworden. Ein Gespräch über traumatische Erfahrungen, hilfsbereite Menschen und die Kraft des Glaubens.
Gärtringen - - Als Marius Böhms Geschichte durch die Medien geht, ist er zwölf Jahre alt und hat gerade in Thailand den
Tsunami überlebt. Sein Bruder Kevin ist in jenem Dezember neun. Anfang Januar 2005 kehrten die Brüder zurück in den Gärtringer Teilort Rohrau, ihre Eltern galten damals noch als vermisst. Behütet von der Dorfgemeinschaft wuchsen die Buben zu jungen Männern heran, die den Verlust ihrer Eltern verarbeitet haben. „Uns geht es gut“, sagt der 22-jährige Marius Böhm. Beim Gespräch ist sein Bruder nicht mit dabei: Kevin Böhm bereist zurzeit Ozeanien und Asien. Den Jahrestag verbrachte er an dem Ort, an dem die Eltern starben.
Herr Böhm, Sie haben lange gezögert, bevor Sie diesem Gespräch zugestimmt haben.
Meine Erfahrung mit Medien war bis jetzt nicht besonders positiv. Ich will nicht ins Detail gehen, aber was damals in Thailand abgegangen ist, das war krass. Mein Bruder und ich waren kleine Jungs, wir haben etwas Schlimmes erlebt, aber darauf haben die Journalisten dort keine Rücksicht genommen, sondern sie haben einfach draufgehalten und uns ausgefragt. Ich weiß, dass nicht alle Medien so sind, aber ich war trotzdem lieber zurückhaltend.
Nun haben Sie sich entschieden, doch an die Öffentlichkeit zu gehen. Wieso?
Ich habe lange nachgedacht, ob ich das tun soll. Aber ich glaube, es gibt einige Leute, die sich freuen, wenn Sie etwas von mir und meinem Bruder hören. Uns haben so viele Menschen unterstützt und begleitet, sogar Leute, die wir gar nicht kannten. Ich finde, sie haben verdient zu erfahren, wie es uns geht. Deshalb mache ich das jetzt sehr gerne.
Reisen in ferne Länder waren für Marius Böhm nichts Außergewöhnliches. Schon als Kind erkundete er mit seinen Eltern die Malediven, Amerika und Kuba. Die große Reise des Jahres 2004 ist für die Weihnachtsferien geplant. Am 24. Dezember treffen die Böhms in Thailand ein, zwei Tage später kommt der Tod aus dem Meer. Gegen zehn Uhr am Morgen bricht das Wasser mit bis dahin unvorstellbarer Wucht an Land. Mehr als 4000 Menschen kommen allein in der Region Khao Lak ums Leben, nirgendwo in Thailand ist die Zahl der Tsunami-Opfer höher. Dort machen Frank (40), Sylvia (38), Marius (12) und Kevin (9) Böhm aus Rohrau Urlaub.
Wie ist Ihre Erinnerung an den Tsunami?
Das ist vor allem der Moment, bevor das Wasser kam. Mein Bruder und ich waren schon am Strand, unsere Eltern noch an der Rezeption im Hotel. Alles schien normal, abgesehen davon, dass man kein Wasser gesehen hat. Das war weg. Als es dann auf uns zukam, sah es gar nicht so gefährlich aus. Erst kurz bevor es zu spät war, sind alle in Panik verfallen. Ich konnte mich gerade noch hinter ein Haus retten, dann kam schon die Welle vorbeigeschossen.
Sie haben Ihren Bruder und Ihre Eltern nicht mehr gesehen?
Das stimmt. Ich habe aber auch ausgeblendet, was um mich herum passiert ist. Ich erinnere mich, wie ich von der Strömung unter Wasser gedrückt wurde. Kurz vor dem Abtauchen habe ich Palmen und Hütten gesehen – und im nächsten Moment bin ich unter Wasser darauf zugeschossen.
Sind Sie verletzt worden?
Ich hatte nur ein paar Schnittwunden.