Serie – Leben in Europa Der Schein vom Paradies auf Erden trügt

Von Almut Siefert 

Zehn Jahre nach Ausbruch der Wirtschaftskrise ist in manchen Teilen Italiens deren Ende noch lange nicht in Sicht. Ein Besuch im Süden des Landes.

Für Familie Prunella aus Conversano im Süden Italiens ist die Wirtschaftskrise noch lange nicht vorbei. Foto: Siefert
Für Familie Prunella aus Conversano im Süden Italiens ist die Wirtschaftskrise noch lange nicht vorbei. Foto: Siefert

Conversano - Die Ruhe ist das, was diesen Ort besonders macht. Hinter dem Steinbungalow erstreckt sich ein riesiger Garten, in dem Zitronen, Orangen, Pflaumen und Birnen um die Wette duften. Am Horizont steht die Sonne dicht über dem adriatischen Meer. Beim Vergleich mit dem Paradies auf Erden zuckt Lino Prunella aber nur kurz mit den Schultern und sagt leise: „Naja, wir leben noch.“

Das angebliche Ende der Wirtschaftskrise ist hier, im apulischen Conversano nahe der Stadt Bari, nicht zu spüren. „Nach der Krise? Nein, wir sind noch mittendrin“, sagt Linos Frau Donatella. Vor allem um die jungen Italiener mache sie sich Sorgen. Die eigenen Kinder, Michela und Donatello, sind 18 und 22 Jahre alt. „Was wird aus denen?“, fragt sich die 50-Jährige.

„Die Krise hat mit der Einführung des Euro begonnen“, sagen Lucia und Dino Giannuzzi, die Eltern von Donatella Prunella. Unsere Kaufkraft hat sich quasi halbiert. Bei der Einführung war ein Euro etwa 2000 Lire. Aber es gab keine Kontrollen über die Preisgestaltung. Was früher 1000 Lire gekostet hat, kostet seit der Einführung des Euro einen Euro. Wir kaufen seitdem viel besonnener ein.“

Italien wurde von der Krise besonders hart getroffen

Die Familie Prunella selbst gehört zu den Glücklichen in ihrer Gegend. Obwohl Lino Prunella im November 2014 seine Arbeit als IT-Ingenieur verloren hat. Nur durch Zufall hat der heute 53-Jährige vor einem Jahr wieder einen Job gefunden. „Damit bin ich der einzige von den 36 Männern, die damals in meiner Firma entlassen wurden“, sagt Lino. „Wenn jemand hier im Süden Italiens arbeitslos wird, ist das ein Drama für die ganze Familie.“

Italien wurde vom Ausbruch der Wirtschaftskrise vor rund zehn Jahren besonders hart getroffen. Erst seit kurzem wächst die Wirtschaft der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone wieder. Jedoch nur langsam. Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognose für das Wachstum Italiens für 2017 vor wenigen Wochen von 0,8 auf 1,3 angehoben. Doch die Arbeitslosenquote ist noch immer nahe ihres Höchststands im Jahr 2014 (12,64 Prozent). Sie beträgt 11,3 Prozent, 2007, vor der Krise, lag sie bei 6,1 Prozent. Das größte Problem ist die Jugendarbeitslosigkeit: 37 Prozent der jungen Italiener sind arbeitslos. Im Süden des Landes trifft es sogar mehr als 40 Prozent.

„Das kann doch nicht sein“, sagt Lino und wird lauter. „Die jungen Leute wachen nicht auf. Es gibt keinen Willen, wirklich zu kämpfen, keinen kritischen Geist, keine Wut. Stattdessen nur Gleichgültigkeit.“ Der 22-Jährige Donatello sitzt müde am Tisch in der Abendsonne auf der Terrasse und lässt diese Vorwürfe an sich abprallen. Er spricht leise, wirkt ausgelaugt. Drei Jahre muss er noch studieren. Klar, solange wohne er noch bei den Eltern, anders ginge es nicht. „Ich muss einfach so viel lernen“, erklärt er. Donatello studiert Ingenieurwissenschaften an der Universität in Bari. Für ihn kein Vergnügen. „Ich habe das Fach nicht gewählt, weil es mir gefällt, sondern weil es in diesem Sektor ziemlich sicher ist, dass ich Arbeit finden werde“, sagt er.

„Du fällst aus dem System.“

Das sei eine kluge Überlegung, doch sein Vater Lino regt sich trotzdem auf: „Du wirst Arbeit haben – aber sie wird komplett unterbezahlt sein.“ Die Leute gäben sich aber mit dieser Situation einfach zufrieden. „Ein Teufelskreis“, sagt Lino: Die Leute verdienen kaum etwas, kaufen also auch nichts mehr und somit verdienen die anderen auch wieder nichts oder werden entlassen. „Wenn man sich hier in der Gegend umschaut, sieht man so viele Geschäfte, die den Rollladen bereits unten haben.“

Im Freundes- und Bekanntenkreis der Familie Prunella gibt es viele, die arbeitslos sind, in einem Alter, in dem sie sich nur noch bis zur Rente durchschlagen können. Die normale Arbeitslosenunterstützung erhält man in Italien sechs Monate lang. Je nach Branche und Abwicklungsform der Firma gibt es zudem einen Lohnausgleich über die „Cassa Integrazione“ oder die so genannte „Mobilità“, eine Übergangszahlung bis zum Renteneintritt. „Bei mir waren das etwa 900 Euro im Monat“, sagt Lino. Und die seien noch zu versteuern gewesen. Ein Jahr lang musste die ganze Familie von diesem Betrag leben. „Das ist die Realität“, sagt Lino. Fünf Jahre lang können solche Bezüge beansprucht werden. Und danach? „Tja, danach“, sagt Lino, „sei fuori da tutto – dann fällst du aus dem System.“

Mit Europa verbindet Lino Prunella nur noch schlecht gehende Finanzpolitik

Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit hat Lino einen festen Arbeitsplatz bei einem Unternehmen in Conversano gefunden, das Elektrobauteile herstellt. Den Chef kennt er über ein paar Ecken, „ich bin ihm so dankbar, er hat mir die Hand gereicht“. Auf die 1000 Bewerbungen, die Lino in der Zeit der Arbeitslosigkeit geschrieben hat, sei nicht eine Antwort gekommen. Dass er mit 1400 Euro im Monat heute die Hälfte seines einstigen Gehalts verdient, nimmt er in Kauf. „Wir sind etwa 15 Ingenieure und kümmern uns um Energieeffizienz, Cloud-Computing und solche Dinge“, erzählt er stolz. Die Arbeit mache ihm Spaß.

Sein neuer Arbeitgeber beteiligt sich auch an Forschungsprojekten der EU. Davon einmal abgesehen, hat Lino Prunella wenig Gutes über die EU zu sagen. „Das Europa der Bürger existiert nicht“, sagt er, das Europa von heute sei nur noch ein Europa der Finanzen. Und noch nicht einmal das funktioniere. Die Staatsschulden Italiens haben mal wieder einen neuen Höchstwert erreicht: Sie liegen bei 132,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes. In absoluten Zahlen: Italien hat 2,26 Billionen Euro Schulden. Vor der Krise, im Jahr 2007 waren es noch 1,6 Billionen Euro, rund 100 Prozent des BIP. „Und anstatt den Bürgern zu helfen, die keine Arbeit mehr haben, gibt Europa immer wieder das Okay für milliardenschwere Bankenrettungen.“ 2016 stützte Italien die Traditionsbank Monte dei Paschi di Siena mit einer Kapitalspritze von 5,4 Milliarden Euro. Ende Juni dieses Jahres kündigte die Regierung in Rom an, mit weiteren Milliarden für die Abwicklung der Regionalbanken Banca Popolare di Vicenza und Banca Veneto einzustehen.

Italien raus aus der EU?

Michela sieht das anders. Die 18-Jährige hat gerade Abitur gemacht. Auch sie möchte Ingenieurwissenschaften studieren, „aber weil es mir Spaß mach“, sagt sie. Für Michela steht beim Thema Europa die Idee im Vordergrund. „Die EU gründet sich doch auf universellen Werten, den Menschenrechten, der Demokratie und dem Frieden.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg habe Europa eine so wichtige Rolle gespielt, Gesellschaften geformt, die sich auf diese Werte berufen.

Den „Virus Europas“ wie sie es nennt, sieht Michela nicht in der Finanzpolitik, sondern im Extremismus, wie dem Erstarken „der Lega Nord hier in Italien oder die Macht der Rechten in Ungarn: So werden Mauern gebaut, Schranken errichtet.“ Die Staaten sollten ihre Grundwerte aber nicht aufgeben, sondern dafür kämpfen. Michela sieht sich als Europäerin – ihr Vater Lino kann damit nichts anfangen. Sagt er zumindest, und verweist auf die Entscheidung der Engländer, aus der EU auszusteigen. „Vielleicht ist das der einzig richtige Weg.“

Wenn er also morgen die Möglichkeit hätte über den Ausstieg Italiens aus der EU zu entscheiden, würde er mit Ja stimmen? Lino holt Luft, hält aber inne und überlegt. „Nein. Ich würde in Europa bleiben wollen“, sagt er dann und verweist auf die Forderungen der Fünf-Sterne-Bewegung des Ex-Komikers Beppe Grillo. „So, wie die es sagen, sollte man es machen: In Europa bleiben aber die Regeln neu diskutieren und verhandeln.“ Er wünsche sich, dass die Italiener für ihr Europa kämpfen. „Für das Europa, wie es mal gedacht war. Diese Bürokraten dürfen nicht den Traum zerstören.“