Erim hat vor mehreren Jahren versucht, jemanden zu töten. Im Seehaus hat er eine zweite Chance bekommen und gelernt, sich in die Opfer hineinzuversetzen. Foto: privat
Im Herbst hat die Opferhilfe des Seehauses Leonberg zehnjähriges Bestehen gefeiert. Ihr Ziel: Gespräche zwischen Opfern und Tätern vermitteln. Ein Einbruchsopfer und einer, der versucht hat, jemanden umzubringen, erzählen.
Wie schlecht es Heike ging, nachdem bei ihr eingebrochen worden war, hat sie anfangs nicht realisiert. Anders bei Erim: Er saß im Gefängnis, weil er versucht hatte, jemanden umzubringen. Heike nagt bis heute daran, dass jemand ihr Zuhause durchwühlt hat, Erim versucht, sich mit seinem Opfer zu versöhnen. Sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen, dass Vergebung möglich ist, das lernen Opfer und Täter in Gesprächen der Opferhilfe des Seehauses Leonberg. Im Herbst hat die Opferhilfe nun zehnjähriges Bestehen gefeiert. Wie erleben Opfer und Täter diese Gespräche?
Auch kleine Taten können viel auslösen
„Die Opfer sollen dabei im Mittelpunkt stehen“, erklärt Elvira Pfleiderer. Seit acht Jahren arbeitet sie in der Opfer- und Traumaberatung des Seehauses und organisiert mit ihrer Kollegin Irmela Abbrell Gespräche, in denen verschiedene Opfer und Täter aufeinandertreffen und miteinander ins Gespräch kommen. Pfleiderer und ihr Team sprechen mit Opfern wie Tätern vor den Gesprächen und fühlen vor, was auch nicht passieren solle. Die Gespräche beginnen mit einem Impuls wie etwa dem Thema Wut oder Vergebung, das die Teilnehmenden dann in Gruppen bearbeiten. Es geht zum Beispiel darum, woher Wut kommt, was Vergebung für einen selbst bedeutet. Anschließend haben erst die Opfer, dann die Täter die Möglichkeit zu erläutern, was die Tat mit ihnen macht und wie es dazu kam.
Im Januar 2024 wird bei Heike eingebrochen. „Was nach einem vermeintlich kleinen Delikt klingt, hat bei ihr viel ausgelöst“, sagt die Sozialarbeiterin Pfleiderer dazu. Die Opferhilfe und die Täter-Opfer-Gespräche haben ihr viel geholfen, nicht mehr so misstrauisch zu sein. Heike kommt damals gerade mit ihrer Familie zur Haustüre rein, als sie eine offene Terrassentüre bemerken. „Ich weiß noch, dass ich dann die Polizei angerufen habe, mehr weiß ich nicht mehr.“ Im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, bis unters Dach haben die Einbrecher alles durchwühlt und rausgezogen. „Der Gedanke, dass jemand alles in der Hand hatte, ist noch immer unerträglich.“
Ein Polizist erkennt, wie sehr sie der Einbruch mitgenommen hat
Zuerst kann Heike nichts tun, ist in Schockstarre, kann den Weihnachtsbaum nicht abzuschmücken, die Versicherungsunterlagen nicht öffnen. Eine völlig natürliche Reaktion, wie Elvira Pfleiderer damals zu ihr sagt. Irgendwann kommt ein Polizist zu ihr und bespricht mit ihr, wie sie ihr Haus künftig vor Einbrüchen schützen kann. „Er hat bemerkt, dass es mir nicht gut geht. Hätte ich den nicht gehabt, weiß ich nicht, wo ich heute wäre“, sagt Heike. Er stellt den Kontakt zur Opferhilfe her, nur wenige Stunden später hat sie ihren ersten Termin bei Elvira Pfleiderer von der Opferhilfe. „Da habe ich erst verstanden, wie schlecht es mir geht.“
Elvira Pfleiderer leitet die Opfer- und Traumaberatung. Foto: privat
Dort lernt die heute 54-jährige Heike Methoden, um den Einbruch zu verarbeiten, mit den Emotionen umzugehen. „Dass ich mich zum Beispiel an die Wand stellen kann, um wieder Haltung zu bekommen.“ Pfleiderer und ihr Team aus insgesamt zehn Mitarbeitenden in der Opferhilfe begleiten Opfer dabei, wieder zurück ins Leben zu finden. Sie arbeiten dabei eng mit der Polizei und dem Weißen Ring zusammen, die meisten ihrer Klientinnen und Klienten werden von der Polizei vermittelt. Die Beratung ist kostenfrei und anonym. Die Opferhilfe ist nach einer anfänglichen Starthilfe durch „Aktion Mensch“ auf Spenden angewiesen.
„Ich habe siebenmal auf ihn eingestochen“, sagt Erim. „Ich wollte ihn umbringen.“ Erim ist damals 16 Jahre alt, die Tat ereignet sich im Jahr 2021, „zur Coronazeit“. Er ist daraufhin anderthalb Wochen auf der Flucht, bis ihn die Polizei stellt. Warum er ihn töten wollte? „Ein Mann hat meine Ex-Freundin angeschrieben und Lügen über mich verbreitet. Da bin ich ausgerastet.“ Erst will seine Ex-Freundin ihm den Namen nicht verraten, gibt schließlich nach – und Erim findet heraus, dass er mit ihm schon mehrmals aneinandergeraten ist. Er plant daraufhin, wie er ihn am nächsten Tag umbringen wird und wie er anschließend flüchtet.
Er plant, ihn umzubringen und wie er anschließend flüchtet
Erim spricht klar und offen, sagt, er habe seine Geschichte schon öfter erzählt. Man merkt ihm den Abstand an, wenn er etwa sagt: „Hätte ich rational gehandelt und wäre mir über die Konsequenzen für das Opfer und für mich bewusst gewesen, hätte ich das nie getan.“ Er erzählt, wie er schon mit 13 zu Hause auszieht, „weil es nach der Trennung der Eltern zu Hause einfach nicht mehr funktioniert hat“. Er kommt also ins Wohnheim, wo er es während der Coronapandemie kaum aushält. „Ich habe damals viel getrunken und gekifft, hatte oft Wut im Bauch.“
Heike wäscht monatelang die Kleiderberge, die die Einbrecher vielleicht in die Hände bekommen haben könnten. Schließlich renoviert sie ihr Haus, wirft die alten Möbel raus, ihr ehemaliges Schlafzimmer wird ihr neues Arbeitszimmer. „Ich konnte in meinem Schlafzimmer einfach nicht mehr schlafen, das ging nicht mehr.“ Um die Tat ein für alle Mal zu verarbeiten, nimmt sie dann ein paar Monate später an Gesprächen mit weiteren Opfern und Tätern teil. Dort kann Heike fragen, was sie kaum losgelassen hat: die Sorge, dass sie ausspioniert wurde. „Die Jungs haben mir dann aber in den Gesprächen erklärt, dass meist spontan eingebrochen werde.“
Die Opferhilfe gehört zum Seehaus, das seinen Sitz in Leonberg hat. Foto: dpa/A3537 Marijan Murat
Das hat ihr geholfen, sagt Heike. „Ich bin immer noch wachsam, habe mein ganzes Haus super sichern lassen.“ Überhaupt habe sie in den Gesprächen wieder gelernt, fremde Menschen anzunehmen. „Ich habe gelernt, dass ein Weg des Verzeihens und ein Neuanfang möglich sind, wenn das beide Seiten wollen.“ Sie betont aber auch, wie wichtig die Arbeit der Opferhilfe für sie war: „Täter bekommen einen Rechtsanwalt und, wenn sie möchten, auch eine Therapeutin. Ein Opfer hat gar nichts.“
Erim hat sein Leben wieder im Griff – Heike knabbert noch immer an der Tat
Erim war anfangs in den Gesprächen mit den anderen Tätern und Opfern zurückhaltend gewesen. „Ich habe ja auch keine leichte Tat begangen.“ Das habe sich aber gelegt. „Die eine oder andere Geschichte der Opferseite hat mich erschreckt. Die kennt man als Täter nicht“, sagt Erim. Er sei gerührt gewesen, habe sich geschämt – und habe in den Gesprächen gelernt, Empathie zu entwickeln. Als er dann seine Geschichte erzählen darf, habe er die anderen ganz schön erschreckt, glaubt er. „Ich würde mich heute als einen höflichen, zuvorkommenden Menschen beschreiben. Da erwartet man so etwas sicher nicht.“
Heute, im Gegensatz zu damals, sei Erim dabei, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Er trinkt nicht mehr, nimmt keine Drogen mehr, ist weggezogen von seinem alten Umfeld. Er hat seinen Abschluss gemacht, eine eigene Wohnung und macht eine Ausbildung zum Schreiner. „Das ist ganz anders als damals, damals hatte ich nichts zu verlieren.“ Dazu gehört für ihn auch, sich mit seinem Opfer auszusöhnen. Am liebsten würde er gemeinsam mit ihm an einem Opfer-Täter-Gespräch teilnehmen, um sich persönlich zu entschuldigen. Und auch Heike macht weiter, irgendwie. Sie sagt, sie wird aber noch eine Weile erleichtert sein, wenn sie im Dunkeln heimkommt und die Terrassentüre zu ist. „Nur wenn die zu ist, kann ich durchatmen und ankommen.“
Seehaus Leonberg
Verein 2001 gründet Tobias Merckle den Verein Seehaus. Wenige Jahre später startet dort – als Alternative zum herkömmlichen Strafvollzug – ein offener Jugendstrafvollzug für junge Straftäter zwischen 14 und 23 Jahren. Inzwischen steht der Verein vor allem für einen anderen Umgang mit Straftaten. Neben den Oper-Täter-Gesprächen bietet das Seehaus auch Opferempathietrainings in Gefängnissen an und arbeitet in der Prävention und der Nachsorge von Gefangenen. In Leipzig (Sachsen) gibt es seit 2011 einen zweiten Standort des Seehauses.
Opfer- und Traumaberatung Die Beratungsstelle feierte im November zehnjähriges Bestehen. Dabei geht es darum, Opfern eine Stimme zu verleihen und ihnen Gehör zu verschaffen. An sechs Standorten begleiten die Mitarbeitenden Betroffene von Straftaten dabei, zurück ins Leben zu finden.