Dominik Wendland hat mit „Immer alles anders“ in diesem Jahr den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung gewonnen. Foto: Magdalena Joost
Dominik Wendlands „Immer alles anders“ wurde mit dem Comicbuchpreis ausgezeichnet. Im Stuttgarter Literaturhaus kann man die Graphic Novel sehen, hören, fühlen und riechen.
Swantje Kubillus
01.12.2025 - 16:15 Uhr
„Erst beim Zeichnen komme ich einem Charakter näher“, sagt Dominik Wendland am Samstagnachmittag auf der Comic Con in Stuttgart – „aus Skizzen entstehen Ideen und dann erst eine Geschichte“. Sein Werk „Immer alles anders“ sei auch so gewachsen: eine namenlose Figur, die in bunten Bildern durch Bars, Büros und Schönheitssalons driftet. Ohne festes Geschlecht, ohne Alter, permanent veränderlich – und unter Druck, sich anzupassen, immer bereit, nie ganz bei sich selbst. Die Figur fließt – bis es trüber wird und Fragen kommen.
„Immer alles anders“ wurde in diesem Jahr mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet. Der Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist, geht jedes Jahr an eine unvollendete Arbeit und dient der Unterstützung Comicschaffender. 2026 soll das fertige Buch erscheinen. Das Stuttgarter Literaturhaus zeigt bis zum 15. März 2026 in einer multisensorischen Ausstellung Auszüge der Graphic Novel mit dem Untertitel: „Be yourself. Trust your heart. Follow your dreams.“ Es ist eine Ausstellung, bei der nicht nur das ganze Gebäude miteinbezogen wird (Vorhänge, Türen, Fußboden, Beleuchtung), sondern bei der es nicht nur ums Schauen geht, sondern auch ums ertasten, riechen und hören.
Zwischen popkulturelle Referenzen und Identitätsfindung
Das Buch begann als Arbeit zur Identitätsfindung, erzählt Wendland und wuchs erst im Prozess zum gesellschaftlichen Resonanzraum. Neben dem ständigen Anpassungsdruck, den die Figur erlebt, ist es Teil der Geschichte, dass „Immer alles anders“ voller popkultureller Referenzen ist. Da kommen Türsteher, Clubs, Pop-Up-Screens oder Musik vor, Anime-Klassiker wie „Sailor Moon“, „Neo Genesis Evangelion“ oder Manga-Serien wie „Ranma ½“: Echoes einer Generation, aber auch persönliche Prägung. Wendland versteht Comicseiten wie lebendige Organismen: „Ich weiß selten, wie eine Seite am Ende aussehen wird. Eine Geschichte verändert sich wie eine Anekdote, jedes Mal ein wenig anders.“
Comics als Trotzreaktion
Dass Wendland, 34, gebürtig aus Baden-Baden und heute in München lebend, überhaupt beim Comic landete, sei eine Trotzreaktion gewesen. „Wenn das System so kalt ist, dann mache ich halt Kunst“, hieß es irgendwann nach der Schule. Statt Chemie folgte das Illustrationsstudium. „Allerdings empfehle ich das Comicmachen nur auf eigene Gefahr“, sagt Wendland lachend. Niemand könne davon wirklich leben. Aber gerade dieses Risiko sei auch ein Antrieb.
Dominik Wendland Foto: Magdalena Joost
Inspiriert vom amerikanischen Comickünstler James Kochalka und seinem Comictagebuch-Blog begann Wendland in der Jugend selbst zu zeichnen. Sechs Jahre lang täglich, das war die Herausforderung, um besser zu werden – lustig, langweilig, traurig, chaotisch. „Wie Tage eben sind.“ Ein Grundstein für das spätere „Antidepri-Tagebuch“ (2022), eine spielerische Auseinandersetzung mit Antidepressiva. Und obwohl Wendland selbst Erfahrungen mit Depressionen gemacht hat, ist dieser Comic bewusst unpersönlich gehalten, um Raum für viele Perspektiven zu lassen.
Für Wendland sind Comics ein zutiefst menschliches Erzählinstrument: „Geschichten zu erzählen ist ein Urinstinkt. Und Comics kommen besonders nah an das heran, wie Menschen funktionieren.“ Das Naive, das Ungefilterte lockt: „Kinder zeichnen wie im Rausch. In nur einem Bild wird eine ganze Geschichte erzählt. Da kommt eine Person zur nächsten, dann gibt es einen Fußball – dann brennt es plötzlich - wenn Comics so funktionieren, ist das großartig.“
Unweigerlich fließt die eigene Biografie behutsam hintergründig in Wendlands Comics ein. „Immer alles anders“ ist eine lockere, zugleich ernste Reflexion über die Persönlichkeitsentwicklung als Transperson – und über eine Gesellschaft, die Flexibilität fordert, aber nur in den eigenen engen Grenzen. „Ständig soll man sich verändern – aber so, dass es passt. Gleichzeitig verändert sich alles um einen herum rasend. Das auszutarieren ist schwer.“ Als Beispiel fällt das Thema KI: „Verändere dich so, wie die KI es vorgibt und dem Markt gefällt – und büße dabei vielleicht ein, selbst wachsen zu können.“ Politisch seien die Arbeiten nicht, meint Wendland, sie würden nur Fragen stellen.
Starke junge deutsche Comicszene
Wenn ein Comic dann mal fertig ist, tritt Wendland zurück. „Dann gehört die Figur nicht mehr mir. Und wenn Menschen mir später mein Werk erklären, liebe ich das.“
Und gibt es Comickünstlerinnen oder -künstler, die zurzeit besonders spannend sind? „Ich bin totaler Fan der Comiczeichnerin Whitney Bursch. Ihre Arbeit ist sehr referenzdicht und modern“, sagt Wendland – sie steht für eine junge, diverse deutsche Szene, in der Wandel nicht nur Thema, sondern Praxis ist. Und vielleicht ist es auch genau das, was Wendlands Werk auszeichnet: die Weigerung, stehen zu bleiben. Immer anders – immer im Werden.
Info
Person Dominik Wendland, 34, gebürtig aus Baden-Baden, illustriert und zeichnet Comics. Nach dem Studium der Illustration in Leipzig lebt und arbeitet Wendland heute in München und lehrt dort unter anderem an der Technischen Universität. Bekannt ist Wendland für die Comicbände „Tüti“, „EGOn“ und das „Antidepri-Tagebuch“.
Ausstellung „Immer alles anders“ ist bis zum 15. März 2026 im Literaturhaus Stuttgart zu sehen. Die Comicausstellung enthält multisensorische Objekte für alle und speziell blinde und sehbeeinträchtigte Menschen. Die Stuttgarter Kunstvermittlerin Lilian Contzen bietet an ausgewählten Tagen öffentliche Führungen an. Sonderführungen sind auch möglich und können im Literaturhausbüro gebucht werden. Termine und Informationen gibt es hier.