„Zeit der Mutigen“ Dimitré Dinevs Jahrhundertroman
Dimitré Dinev entreißt das Schicksal dreier Familien dem Fluss der Zeit und findet im Abgrund der Geschichte das Gold des Erzählens.
Dimitré Dinev entreißt das Schicksal dreier Familien dem Fluss der Zeit und findet im Abgrund der Geschichte das Gold des Erzählens.
Trauer – anders lässt sich das Gefühl nicht beschreiben, mit der man dieses Buch aus der Hand legt. Nicht weil im Laufe der knapp 1200 Seiten so viele Gestalten, deren Lebensweg man begleitet hat, auf der Strecke geblieben sind; nicht, weil man in die politischen Höllenkreise des letzten Jahrhunderts geblickt hat, um darin vor Augen geführt zu bekommen, zu welchen teuflischen Verwandlungen Menschen in der Lage sind, wenn sie ihr Gewissen an Ideologien verkaufen. Nein, Trauer stellt sich ein, weil man mit dem Ende von Dimitré Dinevs gewaltigem Epos „Zeit der Mutigen“ aus einem Erzählkreis verstoßen wird, der aus den infernalischen Schrecken, die er ins Gedächtnis brennt, ein himmlisches Leseglück entbindet. Denn wo alle Gewissheiten erschüttert werden, hilft nur noch Erzählen.
Die eine vertraut ihre Sorgen und existenzielle Ratlosigkeit der Donau an, die sie als Kind einmal vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Ein anderer beichtet den menschenverachtenden Zynismus seiner säkularen Heilslehre dem Gemäuer einer verfallenen Kapelle. Eine dritte berichtet ihrem im Wachkoma liegenden Mann von den geschichtsträchtigen Umbrüchen einer Zeit, in der der eiserne Vorhang gefallen ist, der die Handlungssphären ein halbes Menschenleben lang voneinander getrennt hat.
Hier ein Dorf in der Wachau, das wacker verdrängt hat, mit welcher Unterwürfigkeit einmal hingenommen wurde, dass der aufrechte Vater jener Flussvertrauten in den letzten Kriegstagen von Nazischergen erschlagen wurde. Dort die kommunistische Diktatur in Bulgarien, wo am Donau-Ufer Todeslager für alle entstehen, die aus der Gemeinschaft des neuen Menschen ausgestoßen wurden, ein Großteil der intellektuellen Elite des Landes oder die Roma, die allseits verachtet jederzeit gewahren müssen Opfer einer von Moskau gesteuerten Willkürjustiz zu werden.
Über allem aber schwebt wie der Geist des Wassers die Erzählstimme, deren nie versiegende Ausdruckskraft die Schicksale ihrer Figuren dem Fluss der Zeit entreißt. Das geschieht mal mit dokumentarischer Strenge, mal mit naturmagischem Pathos, Passagen drastischer Unmittelbarkeit wechseln mit solchen einer entfesselnden Poesie, in denen das sich Vereinen und Wiederverlieren Liebender Gestalt gewinnt.
Wo es sein muss, widersetzt sich die Erzählung dem linearen Ablauf, bildet Wirbel, rudert zurück, wenn es die ein Jahrhundert zu einem Roman verknüpfenden Erzählstränge erfordern. Sie folgen dem Geschick dreier Familien, die durch unerhörte Zufälle miteinander verbunden sind – mehr als ihnen selbst bewusst ist, bisweilen auch weniger.
Menschen auf der Suche nach ihrer Bestimmung. Es beginnt mit einer verzweifelten jungen Frau, die kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs beschließt, sich ins Wasser zu werfen, und endet mit dem Wunsch ihrer Enkelin, sich in einem Boot bis zum Meer treiben zu lassen und wieder zurück zur Quelle. Dazwischen durchquert man die dunkelsten Zonen der europäischen Geschichte, Hitlerismus, Stalinismus und ihre subkutan wie unverhüllt brutalen Hinterlassenschaften. Aber auch Orte außerhalb der kollektiven Sinnverwüstung, die wie die Gemeinschaft der Roma ihren eigenen jahrhundertealten Gesetzen und Rhythmen folgen.
Tod und Leben, Paradies und Hölle liegen hier so eng beieinander, wie die beiden Gesichtshälften des Wehrmachtdeserteurs Leopold Gruber, der, nachdem er eine Erschießung durch Soldaten der Roten Armee überlebt hat, unter anderem Namen in ein anderes Leben erwacht: die eine Seite seines Profils schön wie das eines Heiligen, die andere hässlicher als der schlimmste Teufel. Eine Patrone im Kopf hat ihm mit dem physiognomischen Ebenmaß das Gedächtnis an alles Frühere ausgelöscht. Eine bulgarische Hirtin und ihr Hund holt ihn aus dem Totenreich zurück. Zwischen ihnen entspinnt sich eine Beziehung, wirklicher als die verlorene Vergangenheit, in die ihn der Terror der Verhältnisse zurückzwingt.
Aber es wäre verwegen, auch nur im Ansatz zusammenfassen zu wollen, was die Kunst des 1990 aus Bulgarien geflohenen Autors verdichtet. Wie ein Akrobat bringt er immer wieder neue Elemente ins Spiel, die es ihm auf atemraubende Weise in der Luft zu halten gelingt, ohne ins Triviale oder Doktrinäre abzustürzen. Und so vielfältig wie das untergründig miteinander kommunizierende Figurentableau ist die Palette, die es ausmalt: mit Farben, die zwischen mythischer Strahlkraft, Liebesdrama, Zeitroman und den düstersten Nuancen investigativer Lagerliteratur changieren. Bisweilen behauptet sich die poetische Gerechtigkeit mit einem Hauch des „Grafen von Montecristo“ gegen den Realismus der Darstellung. Und doch empfängt alles sein Leben von den Zwischentönen der Wahrhaftigkeit.
Der handlungstreibenden Amnesie setzt der Roman das Ethos der Erinnerung entgegen. Die Frau eines in dem bulgarischen Todeslager gequälten Rom denkt einmal über die Geschichten nach, die ihr Mann von den mutigen Anarchisten erzählt hat, die sein Schicksal geteilt haben: „Sie verstand, dass solche Menschen nie vergessen werden durften, sonst würde die Welt mehr und mehr einem Lager ähneln und die Schöpfung dem Werk des Teufels.“
In der sich zur Lebenszeit wandelnden Lesezeit hält der Roman ihr Andenken lebendig. In der Tiefe des Erzählraums kommt die subjektive Erinnerung, die es bedarf, um sich darin zu orientieren, mit der objektiven der verdrängten Leidgeschichte zur Deckung. Mehr kann Literatur als eine aufs Menschliche verpflichtete Schöpfung nicht leisten.
Viel ist die Rede von der Great American Novel – hier ist das europäische Gegenstück. Dass das Ereignis dieses Romans nicht in aller Munde ist, mag in schnelllebigen Zeiten mit der abschreckenden Wirkung seines Umfangs zusammenhängen. Aber je weiter man liest, desto aufsässiger wird die Furcht vor dem Ende. Der Rest ist Sehnsucht.
Autor
Dimitré Dinev wurde 1968 in Bulgarien geboren. Im Jahr 1990 kam er als Flüchtling nach Österreich, wo er studierte und seitdem in deutscher Sprache Drehbücher, Erzählungen und Essays veröffentlichte. Seine Theaterstücke wurden u. a. am Burgtheater inszeniert. Den literarischen Durchbruch schaffte er 2003 mit seinem Familienroman Engelszungen, der europaweit mit großem Interesse aufgenommen wurde. Die letzten dreizehn Jahre schrieb er an seinem neuen Roman „Zeit der Mutigen“. Dimitré Dinev lebt in Wien.