Zeitgeschichte: Die Flucht des Juden Mirko Rot Spion und Lockvogel wider Willen

Von Winfried Meyer 

Während des Zweiten Weltkriegs hilft ausgerechnet die Stuttgarter Außenstelle des militärischen Geheimdienstes dem jugoslawischen Juden Mirko Rot zur Flucht. Der Historiker Winfried Meyer hat die abenteuerliche Geschichte recherchiert.

Personalblatt des britischen Security Service MI5 zu Mirko Rot, Februar 1943 Foto: National Archives GB, Kew/Richmond
Personalblatt des britischen Security Service MI5 zu Mirko Rot, Februar 1943 Foto: National Archives GB, Kew/Richmond

Stuttgart - Noch Tage später trieben Leichen die Donau herunter. Am 21. und 23. Januar 1942 hatten Armee- und Gendarmerieeinheiten des mit Hitler verbündeten Ungarn in der besetzten jugoslawischen Stadt Novi Sad „unzuverlässige fremdländische Elemente“ aus ihren Häusern geholt, am Donauufer aufgereiht und 550 Juden, 292 Serben, 13 Exilrussen und elf Ungarn erschossen.

Dem Massaker knapp entronnen waren der 32-jährige Mirko Rot, Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten, seine Frau Zuzanna und ihr zweijähriger Sohn George. Mirko Rots Eltern und weitere Verwandte des Ehepaares aber waren ermordet worden. Die junge Familie floh nach Budapest, um dort unterzutauchen und ihre Flucht aus dem Machtbereich Hitler-Deutschlands und seiner Verbündeten vorzubereiten.

Dabei lernte Mirko Rot im Mai 1942 den ehemaligen ungarischen Offizier Franz Kleer kennen, der ihn mit dem Juden Andor Grosz, dem ungarischen „König der Schmuggler“, und mit Rudolf Schwarz, einem aus Wien stammenden Kleinkriminellen, bekannt machte. Kleer, Grosz und Schwarz arbeiteten unter den Decknamen Ferenc Köhler, Andreas Grainer und Rudolf Scholz in der ungarischen Hauptstadt als V-Leute der Abwehrstelle Stuttgart, der Außenstelle des Nachrichtendienstes der Wehrmacht im Wehrkreis V. Sie vermittelten Rot im Juli 1942 schließlich ein Treffen mit ihrem Stuttgarter Chef, der sich als Dr. Gustav Busse vorstellte.

Luxusleben mit ungarischer Geliebter

Unter diesem Decknamen agierte der aus dem Ruhrgebiet stammende Techniker Gustav Boecker, der im Frühjahr 1941 im Range eines Sonderführers (Z) aus Münster zur Abwehrstelle Stuttgart versetzt worden war. Bei seinen regelmäßigen Besuchen in Budapest führte Boecker mit seiner ungarischen Geliebten, der jüdischen Tänzerin Magda Feuer, ein ausschweifendes Luxusleben, für dessen Finanzierung er ständig Geld benötigte.

Boecker bot Rot zum Preis von 50 000 ungarischen Pengö zunächst deutsche Reisepässe mit Visa für Ungarn, Bulgarien und Rumänien sowie seine Registrierung bei den ungarischen Behörden als V-Mann der Abwehrstelle Stuttgart an. Für weitere 90 000 Pengö wollte er Durch- und Einreisevisa für Portugal und eine Passage von dort nach Bolivien beschaffen. Rot konnte die horrenden Summen zahlen, weil er Geld aus dem Verkauf der Fabrik seines Vaters in Novi Sad bezogen hatte, und erhielt Anfang August 1942 die deutschen Pässe.

Wenig später aber fahndete die ungarische Polizei nach ihm, die durch die Rückverfolgung einer Geldsendung an einen in einem kroatischen KZ inhaftierten Verwandten auf seine Spur gekommen war. Da die Beschaffung der Visa für die Reise nach Portugal noch dauern würde, beschlossen Kleer und Gross, Mirko Rot zunächst bei einer Dienststelle der Abwehr in Sofia, dem Luftmeldekopf Südost, zu verstecken, wo Rot sich als V-Mann Busses von der Stuttgarter Abwehrstelle ausgeben sollte. Sie machten Rot mit Josef Baumruck bekannt, dem Faktotum des Luftmeldekopfes Südost, in dessen Begleitung Mirko Rot am 22.     September 1942 nach Sofia reiste.

Der Luftmeldekopf Südost war im Auftrag der Wiener Abwehrstelle von einem V-Mann mit dem Decknamen Klatt aufgebaut worden. Der Wiener Immobilienmakler Richard Kauder war Anfang 1940 unter dem Decknamen Klatt in die Dienste der Abwehrstelle Wien getreten, um sich und seine Mutter Laura Kauder vor Verfolgung zu schützen, da beide, obwohl Katholiken, nach den NS-Gesetzen als „Volljuden“ galten. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion hatte Klatt aus Sofia einen ständig wachsenden Strom von Nachrichten aus dem Hinterland der sowjetischen Front an die Wiener Außenstelle des Nachrichtendienstes der Wehrmacht geliefert. Die Informationen stammten angeblich von einem Agentennetz, das die Organisation des exilrussischen Generals Anton Turkul schon in den 20er Jahren in der Sowjetunion haben sollte.

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