In 50 Meter Höhe Zeitkapsel aus dem Jahr 1661 in Cannstatter Stadtkirche entdeckt
Zum Abschluss der Sanierung des Gotteshauses werden in der goldenen Turmkugel jahrhundertealte Dokumente gefunden.
Zum Abschluss der Sanierung des Gotteshauses werden in der goldenen Turmkugel jahrhundertealte Dokumente gefunden.
Egal ob Freifallturm oder Achterbahn – Eckart Schultz-Berg steht eigentlich auf Fahrgeschäfte, die ihn auf dem Wasen in luftige Höhen katapultieren oder ordentlich durchschütteln. Am Montagvormittag war der Dekan des Kirchenbezirks Bad Cannstatt jedoch froh, dass das Wetter mitgespielt hat und ihm der ganz große Nervenkitzel erspart geblieben ist. In einem Steiger ging es ohne Regen und Wind gegen 8 Uhr an die Spitze der Stadtkirche.
Kurz vor Abschluss der zweijährigen und knapp 2,7 Millionen Euro teuren Sanierung des Gotteshauses wurde in rund 50 Meter Höhe die goldene Turmkugel aufgeschweißt, um die darin enthaltenen Zeitkapseln erstmals nach mehr als 60 Jahren zu entnehmen. Schultz-Berg hatte mit zwei Stück gerechnet, er stieß jedoch auf acht. In den Kupferrollen befand sich unter anderem ein Brief aus dem Jahr 1790. Damals musste nach einem „Wetterstrahl“, also einem Blitzeinschlag, das Dach über dem Hauptteil der Kirche ersetzt werden. Aus dem Jahr 1904 hat indes der Gemeinderat der damals noch eigenständigen Stadt Bad Cannstatt einen Gruß in die Zukunft geschickt. Mit dem Wunsch, dass die Öffnung des Pakets „in friedlichen Tagen erfolgen und unsere Stadt unter den Segnungen des Friedens weiter blühen und wachsen möge“.
Die älteste Zeitkapsel stammt aus dem Jahr 1661. „Es handelt sich zweifellos, um einen besonderen historischen Moment“, so der Dekan. „Denn in Stuttgart gibt es nur vier Großkirchen – Stiftskirche, Hospitalkirche, Leonhardskirche und die Stadtkirche – in diesem Alter.“ Letztere sei wohl die einzige, in der diese Dokumente nicht im Krieg zerstört wurden, so Schultz-Berg, der die Schriftstücke mit dem kirchlichen Archivar Andreas Butz genauer unter die Lupe nimmt. „Bei der letzten Öffnung im Jahr 1963 gab es noch keine Scanner, keine Digitalkameras, also die Art der Dokumentation war lang nicht so perfekt wie heute.“
An diesem Dienstag werden die alten Zeitkapseln wieder gefüllt, in die Turmkugel, die einen Durchmesser von 60 Zentimeter hat, gepackt und diese verschlossen. Zuvor kommt aber noch eine Edelstahlrolle mit aktuellen Münzen, Fotos und Briefen hinzu. Unter anderem schildert Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler die derzeitige Situation in Bad Cannstatt. Er geht auf die Aufsiedlung des Neckarparks ein, erwähnt das Brücken-Desaster und den Umbau des Bahnhofs. „Und den VfB-Pokalsieg. Es ist völlig verrückt, Worte zu verfassen, die zu meiner Lebzeit niemand mehr liest“, so Löffler. Der Dekan behält es indes für sich, welche Botschaft er an die Nachwelt geschrieben hat.