Zeitreise Die Schwäbische Alb – früher und heute
In seinem neuesten Buch vergleicht Thomas Faltin anhand von alten und aktuellen Bildern die Veränderungen an hundert Orten der Schwäbischen Alb. Und die überraschen.
In seinem neuesten Buch vergleicht Thomas Faltin anhand von alten und aktuellen Bildern die Veränderungen an hundert Orten der Schwäbischen Alb. Und die überraschen.
Auf einer tagelangen Wanderung am Albtrauf hat Thomas Faltin morgens einmal sein Handy in einer Bäckerei aufladen wollen, woraufhin ihn die Verkäuferin fragte: „Hend Sie koi Zuhause?“ Der Autor und Fotograf Faltin, im Hauptberuf Redakteur bei Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, hat durchaus ein Zuhause: Sein Daheim und quasi sein Lebenselixier ist die Schwäbische Alb, auf der er seine Kindheit mit Panoramablick auf die Burg Hohenzollern verbracht hat und über die er fünf Bücher, unter anderem „Wo die Alb am schönsten ist“, geschrieben hat.
Die Vorbemerkung ist notwendig, um zu erklären, woher ein Autor sich die Freiheit nimmt, subjektiv eine Liste mit 100 seiner Lieblingsorte auf der Alb zusammenzustellen, um sich dann auf die Suche nach historischen Bildern und Fotos in sieben Bibliotheken, Museen und Archiven zu machen und sie mit von ihm aktuell aus der gleichen Position geschossenen Fotos zu vergleichen. Was hat sich verändert zu „früher“, wobei damit die Zeitspanne von 1830 bis in die 1960er Jahre gemeint ist, denn aus der Epoche stammen die Bilder im so entstandenen Band „Schwäbische Alb damals und heute: Wanderungen durch die Zeit“.
Eine simple Erkenntnis des Werkes ist, dass sich in einer von Karst und Fels geprägten Landschaft oft nichts verändert. Da wird beispielsweise der imposante Schaufelsen im Donautal gezeigt, anhand einer Schwarz-Weiß-Aufnahme von 1903 verglichen mit einem Bild von heute. Selbst die Büsche, die sich in die Felsnischen krallten, seien noch an denselben Stellen, schreibt Faltin, aber wie könne das auch anders sein, der Schaufelsen entstand vor 150 Millionen Jahren, da sei der Untersuchungszeitraum nur ein Wimpernschlag der Geschichte.
Aber selbst, wo die Landschaft in Stein gemeißelt ist, üben die alten Bilder eine eigenartige Faszination aus: Etwa die Aufnahme von einer schwarzen Limousine, die in den 1930er Jahren durch einen Felstunnel bei Gutenstein fährt. Oder die von den bezopften Wanderinnen in langen Röcken vor der Höhle „Große Scheuer“ auf dem Rosenstein (vor 1914). Oder der Blick ins idyllisch-felsige Wental bei Bartholomä, bei dem sich der Betrachter fragt: Warum sind die Bäume eigentlich nicht höher gewachsen?
Denn eigentlich ist der Wald auf der Alb auf dem Vormarsch, das ist eine weitere Erkenntnis der Bildervergleiche, und das, so der Autor, habe ihn überrascht. Vielfach musste er bei seinen Aufnahmen eine Drohne einsetzen, da früher freie Aussichtspunkte zugewachsen waren. Auf einigen historischen Fotos wirkte die Landschaft vor zwei, drei Generationen wie „ausgeplündert“, jetzt ist der Wald beispielsweise ins liebliche Ermstal zwischen Seeburg und Bad Urach hineingewachsen. Auch ein Blick auf die Burg Teck, die Hohenzollernburg oder die Stadt Heubach unterm Rosenstein zeigt, wie stark die Bewaldung zugenommen hat. Mit der Statistik deckt sich das, denn gab es 1830 in Württemberg noch einen Waldanteil von 30 Prozent, so liegt er im heutigen Baden-Württemberg bei 38 Prozent.
Mit der Statistik im Einklang liegt auch der dokumentierte Vormarsch von Siedlungen und Gewerbeflächen zulasten von Wiesen und Äckern. Im Panorama des 1937 noch abgeschieden liegenden 200-Einwohner-Dörfchen Röthardt erstreckt sich am Horizont plötzlich eine wuchernde Stadt Aalen samt Klinikum. Und auch Geislingen ging „aus dem Leim“, war 1850 noch ein hübsches Dorf mit einsam gelegenem Bahnhof und füllt heute samt WMF ein ganzes Tal.
Für den Autor ist es aber die zweite große Überraschung und ein Hoffnungszeichen, dass die Naturwunder und Sehenswürdigkeiten der Alb im Allgemeinen nicht überbaut oder zerstört worden sind, man habe Burgen, Quellen, Gipfel und Fachwerk-Idyllen bewahrt. Das belegen auch die Blicke in malerische Winkel von Städten wie Wiesensteig, Ehingen, Reutlingen oder Ulm. Allerdings: wo früher ein Heuwagen stand oder ein Huhn über die Straße lief, ist heute Fußgängerzone oder Autoverkehr.
In den Städten erkannte Faltin an Bad Urach und Haigerloch einen interessanten Trend – und zwar, dass an Häusern Fachwerk komplett freigelegt worden ist, wo es vor 100 Jahren noch teilweise verputzt war. Muss wohl als schicker empfunden worden sein. Spannend auch der Blick auf die mitunter übertriebene Inszenierung von Landschaft auf Gemälden durch die damaligen Künstler. Da hat ein holländischer Maler das Scharfenschloss bei Donzdorf felsiger und monolithischer gemalt, als es in Wirklichkeit ist.
In einem Fall gelingt es dem Fotografen Faltin immerhin, in Sachen Dramatisierung ein 100 Jahre altes Ölgemälde zu toppen, das die Uracher Wasserfälle schön, aber relativ brav darstellt. Faltins Foto aber entstand an einem regenreichen Wintertag – da spritzt das Wasser dem Betrachter förmlich ins Gesicht. Das Wort Klimawandel kommt im Buch übrigens nur einmal vor, bei der Beschreibung der Großen Lauter im Ort Bichishausen, wo früher ein Bootsverleih war, der wegen zu niedriger Pegelstände in trockenen Sommern aufgegeben hat.
In den historisch oder naturkundlich angelegten Begleittexten – es gibt jeweils auch einen Wander- und einen Einkehrtipp, um selbst durch die Zeit reisen zu können – gibt der Autor manchmal seine Gefühle preis. Als einen „entrückten, einsamen und erlesenen“ Ort beschreibt er den von keiner Straße gestörten Flusslauf der Lauter zwischen Anhausen und Unterwilzingen. Vom Brenztopf bei Königsbronn geht für ihn ein „betörender Zauber“ aus. Und das „Paradies der Erde“ liegt für ihn an der Wimsener Höhle bei Hayingen. Die Liebe zur Alb blitzt da überall auf.
Thomas Faltin: „Schwäbische Alb damals und heute: Wanderungen durch die Zeit. 100 Bildpaare – 100 Ausflüge“. Erschienen im Gmeiner-Verlag. 224 Seiten, 28 Euro.