Zeitschriften für „Best Ager“ Faltig, weißhaarig, wunderschön

Ein neues Zeitalter bricht an: „Viva!“-Titelbild Foto: Verlag
Ein neues Zeitalter bricht an: „Viva!“-Titelbild Foto: Verlag

„Viva!“ und „Myway“ heißen zwei neue Hefte, die sich an eine wachsende Klientel richten: „Best Ager“, also Menschen, die vierzig und älter sind.

Kultur und Gesellschaft: Ulrike Frenkel
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Stuttgart - Sie tragen etwas ausgedünntes, angegrautes, gefärbtes Haar auf dem Kopf – oder gar keines. Ihre Haut ist leicht faltig, ihre Augen haben einiges gesehen von der Welt. Die Protagonisten des seit Kurzem an den Kiosken unter dem Schlachtruf „Viva!“ ausliegenden Gruner + Jahr-Hefts sind nicht mehr jung, aber sie sind auch noch nicht richtig alt. „Best-Ager“ oder gar „Power-Ager“ werden sie genannt. Barbara Salesch etwa, die es von der TV-Richterin zur Künstlerin brachte, Michael Hoppe, der sich vom Unternehmer zum Entwicklungshelfer wandelte. Bobby Lechner, einst Ruheständlerin, jetzt Granny-Au-pair in Bangkok, oder Hsin-Chen Hotz-Wang, gerade noch Vollzeitmutter, nun Industriedesign-Studentin in Boston.

Es sind „Frauen und Männer in einer angenehmen Lebensphase“, wie es im Editorial heißt, was wohl suggerieren soll, dass jenseits der 45 die Kinderfrage biologisch ausgesessen ist oder die Kinder mehr oder weniger erwachsen sind, dass der Job „fast geschafft“ und „eine neue Freiheit erreicht oder zumindest in Sicht“ ist. Dass also kurzum ein neues Zeitalter anbreche, „voller Überraschungen und Möglichkeiten“. Derartige bunte Blätter waren schon immer eher ein Reich der Träume als ein Spiegel der Wirklichkeit. Aber könnte es sein, dass die freudigen Lobgesänge auf die späten Jahre doch etwas übertrieben sind? Und dass ihr derzeit massenhaftes Vorkommen im Fernsehen, Kino, auf dem Buch- und eben auch dem Zeitschriftenmarkt kritische Konsumenten leicht nachdenklich stimmen sollte?

Denn dass die Fünfziger tatsächlich die neuen Vierziger sind und alle bis zum Ende (fast) alles können, ist vor allem eine Behauptung, die den ökonomischen Notwendigkeiten einer alternden Gesellschaft entspringt. Wer nicht mehr zu den Jungen zählt, kommt gar nicht mehr nach damit, über all die Wechseljahre- und Midlife-Crisis-Komödien bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zu lachen oder Filme wie „Best Exotic Marigold Hotel“ zu besuchen, die von fidel gebliebenen Altersgenossen handeln. „Wir haben einige Jahre auf dem Buckel, und wir sind stolz darauf“, lautet offenbar die Devise. Das ist erstaunlich, denn bis vor Kurzem dominierten auf diesem Markt Ratgeber, die vor allem bei Impotenz, Vereinsamung oder beim Umgang mit Todesfällen weiterhelfen sollten.

Die Babyboomer sind eine wirtschaftliche Größe

Was wiederum auch übertrieben war, denn tatsächlich können ja für die meisten Menschen noch gute Jahre kommen, wenn die frühen vorbei sind. Bewohner des 21. Jahrhunderts bleiben um Jahre länger fit als ihre Vorfahren. Und auch wenn in der Wirklichkeit viele von ihnen sich in dieser Zeit um kranke Angehörige kümmern müssen, Enkelkinder und selbst vielleicht schon einige gesundheitliche Probleme haben, weisen Statistiken bei älteren Zeitgenossen eine höhere Zufriedenheit und Gelassenheit nach als bei jüngeren. Es gibt also viele, die, manchmal auch per Internet, wie es in der „Viva!“-Geschichte „Liebe in den Zeiten des www“ beschrieben wird, noch mal einen neuen Partner finden. Viele, die wie in „Grundkurs grüner Daumen“ ihr Glück im Garten suchen, einige, die wie in „Archiv für analoge Schätze“ sämtliche Fotos und Filme ihrer Vergangenheit digitalisieren. Oder andere, die sich wie die Autorin von „Geliebter Köter“ einen Hund oder andere Tiere als Gefährten zulegen. Es gibt eher wenige, die sich wie die por­trätierte Ulrike Folkerts als „Marathonfrau“ sehen, sich sehr teure Segeltörns leisten, oder ihre Küche nach der Familienzeit mit exklusiven Geräten neu bestücken können. Gerade im Alter klafft die gesellschaftliche Schere bedenklich weit auseinander.

Auf die Besserverdienenden oder –berenteten richtet sich nun ein medialer Fokus, ein Trend, der mit den Ablegern „Brigitte Woman“ und „Freundin Donna“ vor einigen Jahren begann, und sich mit „Viva!“ und dem im Juni erstmals erschienenen „Myway“ fortsetzt. In dem Blatt sind faltige, weißhaarige, wunderschöne Models abgebildet, inhaltlich geht es, wie bei Frauenzeitschriften üblich, um Mode, Essen, Lifestyle und die Liebe. Statt Bikinis werden indes Badeanzüge vorgestellt, und es gibt keine Flirttipps, sondern Ratschläge für Paare, deren Beziehung schwächelt, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Die Generation der Vierzigjährigen, so ließen die allesamt auch aus dieser Alterskohorte stammenden Blattmacherinnen verlauten, habe sich verändert, ältere Frauen wüssten, was sie können, schätzten Erreichtes, hätten aber auch den Mut, Neues zu wagen. So viel Lob für Leute, die vor noch nicht allzu langer Zeit in solchen Produktionen schamhaft versteckt wurden?

Die Babyboomer kommen eben in die Jahre und stellen eine enorme wirtschaftliche Größe dar. Wir waren ja schon immer viele, saßen mit vierzig anderen in der Grundschulklasse, bestanden das Abitur in Hundertschaften. Bis 2030, so die Prognosen, wird die Hälfte der Bevölkerung älter als 49 Jahre sein. Höchste Zeit, deren Themen und Sehnsüchte auf Papier, Mattscheibe und Leinwand zu bringen, wenn man seine Produkte flächendeckend verkaufen möchte. 1990 schrieb ein älteres Idol der damaligen Jüngeren, die endlos lebenslustige Tänzerin Lotti Huber: „Diese Zitrone hat noch viel Saft“! Ein „Viva!“-Autor formuliert das in einem Text über Champagner so: „Ich bin jetzt 54. Gibt mir der liebe Gott noch 20 Jährchen, kann ich es noch richtig knallen lassen.“




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