Philipp Dapper arbeitete 15 Jahre bei Unifranck in Ludwigsburg. In einem Ordner sammelt er Erinnerungsstücke aus dieser Zeit. Foto: Frederik Herrmann
Philipp Dapper hat 15 Jahre lang bei Unifranck in Ludwigsburg gearbeitet und kannte jeden Fleck und jeden Raum. Heute freut er sich, dass das Areal wieder zum Leben erweckt wird.
Philipp Dapper erinnert sich noch ganz genau: Diesen speziellen Geruch der Produktion des Kaffeeersatzes wird er nicht vergessen. Und der lag nicht nur über der Firma Franck – bis in die Oststadt soll der süßlich-bittere Duft gezogen sein, erzählt Dapper.
Fünfzehn Jahre arbeitete er in dem Unternehmen Unifrank, das unter anderem den Kaffeeersatz „Caro“ in Ludwigsburg produzierte. „Die beste Zeit meines Lebens war das“, sagt der heute 85-Jährige. Nachdem Teile des Areals mehrere Jahre leer standen, freut er sich heute, dass es wieder zum Leben erweckt wird – auch wenn er bei den Plänen der Stadt noch etwas vermisst.
Dapper arbeitete 15 Jahre für Unifranck
In einem großen Ordner bewahrt Dapper Erinnerungsstücke aus jener Zeit auf: Fotos, Dokumente und Briefe. Auch an seinen Werdegang erinnert er sich noch gut: 1962 begann er als Schlosser und Mechaniker bei Unifranck und arbeitete sich schnell bis zum kaufmännischen Leiter hoch. In dieser Zeit lernte er jede Ecke und jeden Winkel des Firmengeländes kennen.
Damals erstreckte sich die Firma weit über das Gebiet hinaus, das heute als „Franck-Areal“ bekannt ist. „Dort, wo heute die MHP-Arena steht, gehörte früher alles zur Firma Franck“, sagt Dapper.
Hier sei in seiner Zeit auch ein kurioser Vorfall passiert, erinnert er sich: Für die Produktion benötigte die Firma extrem viel Wasser. Einer der Vorgesetzten hatte die Idee, einen Wünschelrutengänger zu engagieren, der mit einem gebogenen Draht Wasserquellen aufspüren sollte. Dapper schüttelte bei dieser Idee nur den Kopf – doch tatsächlich schlug die Rute aus. Es wurde gebohrt, und die Arbeiter stießen auf Wasser.
Zwischen Pflugfelder Straße und Bahnhof liegen hohen Lagerhallen. Früher produzierte Unifranck hier Kaffeeerstatz aus Zichorie. Foto: Simon Granville
Zwei Tage später kam ein Anruf: Die Firma hatte nicht etwa eine Wasserader, sondern die Hauptwasserleitung der Weststadt angezapft. Kostenloses Wasser gab es nicht, die Leitung durften sie aber behalten – allerdings musste ein Wasserzähler installiert werden.
Ähnlich unkompliziert wie die Stadtverwaltung sei der Umgang der Vorgesetzten mit den Mitarbeitern gewesen, erzählt Dapper. Auch mit den Geschäftsführern. Bei einem Betriebsausflug lernte er einen Herrn kennen, den er zuvor nie gesehen hatte, erinnert sich der 85-Jährige. Der Mann fragte ihn: „In welcher Abteilung arbeitest du?“ Und wollte wissen, wie er heißt. Unter Kollegen war es üblich, sich zu duzen, Vorgesetzte wurden aber gesiezt, sagt Dapper.
Der Mann wollte zunächst nicht sagen, wer er war, gab sich nach Drängen aber als Geschäftsführer zu erkennen. „Am Montag wollte er dann aber wieder mit dem Nachnamen angesprochen werden“, erzählt Dapper.
Das Betriebsklima sei familiär gewesen, erinnert sich Dapper. Nicht ohne Grund wurden die Franck-Mitarbeiter in der Stadt auch „Franckianer“ genannt. Heute ist Dapper sehr dankbar für seine Zeit in der Firma. Er habe viel gelernt und sei stolz, für Franck in Ludwigsburg und in der wohl größten Kaffeefabrik Deutschlands gearbeitet zu haben. Das Unternehmen habe eine entscheidende Bedeutung für die Stadt gehabt und von den Gewerbesteuereinnahmen stark profitiert. Zeitweise sollen bis zu einem Drittel der städtischen Gewerbesteuereinnahmen von Unifranck gekommen sein.
Die Firmengeschichte reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Johann Heinrich Franck, Inhaber einer Konditorei und eines Gewürzladens in Vaihingen/Enz, stellte 1828 erstmals Kaffee aus Zichorien her und gründete in dem Jahr die Fabrik Heinrich Franck. Nach seinem Tod wurde die Fabrik 1868 von seinen Söhnen nach Ludwigsburg verlagert. An dem neuen Standort wurden die Produkte auf bis zu zehn Lastwagen und drei Bahnwaggons pro Tag beladen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg der Kaffeeverbrauch in Deutschland an, der Kaffeeersatz der Marke „Caro“ verlor dagegen an Bedeutung. 1971 übernahm schließlich Lebensmittelkonzern Nestlé den Betrieb. Zwar produzierten die Schweizer noch bis 2018 in Ludwigsburg, musste das Werk dann aber wegen zu geringer Nachfrage schließen. Rund 100 Mitarbeiter verloren ihren Job.
Zurück blieb eine leerstehende Industriebrache. Teile davon, insbesondere die historischen Lagerhallen und der ikonische Eckturm direkt an den Gleisen des Bahnhofs, standen lange leer.
Die Stadt Ludwigsburg kaufte 2020 Teile des Geländes mit dem Ziel, ein neues urbanes Quartier zu entwickeln. Nachdem kein Investor gefunden wurde, entschied die Stadtverwaltung, das Projekt selbst voranzutreiben. Sie investiert seitdem in die Gebäude, um sie für künftige Mieter attraktiv zu machen. Einige konnten bereits gewonnen werden: Im Eckturm zieht die Diskothek „Alte Rösterei“ ein – im September soll sie eröffnen. Dahinter besteht seit Mai die Eventlocation „Raum 80“ und seit 2022 können Gäste in der Outdoor-Bar „Hi-Francky“ in den Sommermonaten Cocktails genießen.
Einige der Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Doch das ist keine Hürde – da die Stadt den Industriecharme des Areals sowieso bewahren will. Alles andere würde Zeitzeugen wie Philipp Dapper auch traurig machen. „Ich finde es gut, dass die Gebäude nicht einfach abgerissen werden.“ Er hat sogar einen Vorschlag, wie mehr Räume genutzt werden könnten: Als Mitglied im Musikverein Eglosheim weiß er, dass viele Vereine Proberäume suchen. „Auf dem Franck-Areal wäre doch Platz dafür“, schlägt er vor.
Die Firma Unifranck in Ludwigsburg
Zichorienkaffeefabrik Der Name Franck-Areal kommt von dem Unternehmer Heinrich Franck, dessen Söhne 1869 den Firmensitz und Produktionsstandort der Firma nach Ludwigsburg verlegten. Sie produzierte Marken wie Caro – einem Kaffeeersatz aus Zichorie. Die Pflanze, auch gemeine Wegwarte genannt, ist eng mit dem Chicorée verwandt, der häufig als Salat verzehrt wird.
Die Firma Die Fabrik war seinerseits die größte Kaffeefabrik Deutschlands, so die Historiker der Stadt Ludwigsburg – wurde aber 1971 von Nestlé übernommen. 2018 wurde der Standort geschlossen.