InterviewZeitzeugen: Andreas Beck über die Nullerjahre in Stuttgart „Das Modem hat gequietscht“

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Das Stadtmuseum möchte Stuttgarts Geschichte von 1950 bis heute mit den Bürgern erarbeiten – jeder kann mitwirken. Im Rahmen dieses Projekts spricht die StZ mit sechs Stuttgartern über ihre Jugendzeit. VfB-Profi Andreas Beck entdeckte in den Nullerjahren seine Liebe zum Hip-Hop.

Andreas Beck jubelt, nachdem er ein Tor für den VfB erzielt hat. Das Foto stammt aus dem Jahr 2007. Foto: AP
Andreas Beck jubelt, nachdem er ein Tor für den VfB erzielt hat. Das Foto stammt aus dem Jahr 2007. Foto: AP

Stuttgart - Andreas Beck ist Teil der ersten Generation, die die Telefonzelle nur noch vom Hörensagen kennt – er ist mit dem Handy aufgewachsen. Im Interview erinnert sich der Profifußballer, der 2007 Deutscher Meister mit dem VfB wurde, an seine Nullerjahre zwischen Freundeskreis, Nietzsche und Harry Potter.

Herr Beck, unseren Informationen zufolge haben Sie in den Nullerjahren den Grundstein für eine Karriere als Profiskater gelegt.
Beck: Ganz so gut war ich nicht. Ich habe aber tatsächlich viel Zeit auf dem Skateboard in dem kleinen Tunnel unter dem Kleinen Schlossplatz verbracht. Irgendwie war aber klar, dass das Ganze nur eine Phase bleibt, wie Baggypants. Als mich mein Jugendtrainer Thomas Tuchel dann einmal beim Skaten gesehen hat und ich kurz danach krank ein Spiel verpasst habe, musste ich das Skaten ganz lassen.
Was hat Sie denn an den Kleinen Schlossplatz geführt?
Wir sind einmal pro Woche von Wasseralfingen auf der Alb nach Stuttgart gefahren, zum Skaten oder Einkaufen. Als ich dann das Angebot vom VfB Stuttgart bekommen habe, war ich auch deshalb unendlich glücklich, weil ich der ganzen Jugendkultur, meinen ganzen Heroes näher sein konnte. Das war im Jahr 2000, da war ich zwölf und kurz davor, 13 zu werden. Da sind so viele Wünsche auf einmal in Erfüllung gegangen, Fußball, der VfB, Stuttgart, wo es mich immer hingezogen hat, die Musikszene, deutscher Hip-Hop.
Sie sind in Sibirien geboren und im Alter von drei Jahren nach Schwäbisch-Sibirien auf die Alb gekommen. Wie sehr waren Ihnen Ihre Wurzeln in den Nullerjahren präsent?
Als Russlanddeutscher habe ich mich intensiv mit der deutsch-russischen Geschichte auseinandergesetzt. Einer meiner Jugendtrainer hat in den Nullerjahren, als ich die größten Sprünge in der sportlichen Entwicklung gemacht habe, zu mir gesagt, „man sieht, dass du beides hast, deutsche Disziplin und russische Härte. Dich macht nichts kaputt.“ Und es passt auch, wenn man den Bogen spannt zur Musik, die mich damals inspiriert hat, zu Freundeskreis-Frontmann Max Herre und seiner Kolchose. Die war politisch angehaucht, das Multikulturelle und der Esperanto-Gedanke haben mich fasziniert. Die Kolchose-Protagonisten Sekou, Wasi oder Emilio haben alle unterschiedliche Wurzeln, in Kroatien, Griechenland oder Amerika. Da habe ich mich wiedergefunden. Das Kokettieren mit der ausländischen Herkunft, das sich Durchbeißen: So habe ich die Musik für mich verstanden.
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