InterviewZeitzeugen: Die Brüder Di Gennaro über die 1960er Jahre Das Geld wurde per Post nach Italien überwiesen

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
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Aber in Deutschland waren Sie ja auch nicht gerade reich.
Michele: Wir waren bitterarm – und zugleich sehr reich. Wir haben in Deutschland eine Unterkunft bekommen, einen Lohn und sogar eine Krankenversicherung.
Antonio: Als ich noch in Italien gearbeitet habe, musste ich jeden Tag zwölf Stunden schuften für umgerechnet drei D-Mark am Tag. In Stuttgart habe ich schon nach einigen Monaten 2,13 Mark pro Stunde erhalten. Das war das Zehnfache!
Sie haben sich also reich gefühlt?
Weihnachtskarte von „La Mamma“ aus Italien im Jahr 1968 Foto: Lg/ Zweygarth
Antonio: Ja, aber wir durften das Geld natürlich nicht ausgeben. Zweimal im Monat haben wir unsere Lohntüte bekommen, immer freitags. Gleich abends sind wir zur Post.
Zur Post?
Michele: Die Geldüberweisung nach Italien lief über die Post. Wir haben das Geld dort eingezahlt. Unsere Eltern wurden dann benachrichtigt und konnten sich das Geld auf ihrem Postamt wieder auszahlen lassen.
Haben Sie öfters mit Ihren Eltern telefoniert?
Antonio: Das war unmöglich – ein Telefongespräch hätte einen Zeitaufwand von mehreren Stunden erfordert. Wir hätten das Telefonat auf der Post anmelden müssen; dann hätten unsere Eltern eine Benachrichtigung erhalten, wann sie sich im Amt einzufinden hatten, und dann hätten wir miteinander telefonieren können. Das war viel zu viel Aufwand. Wir haben uns deshalb immer geschrieben. Oft – eigentlich jeden zweiten Tag. „Caro Papa“, so fingen die Briefe immer an.
Sie haben also schon Heimweh gehabt?
Antonio: Wir hatten sehr Heimweh, vor allem im ersten Jahr. Als wir das erste Mal nach Hause gefahren sind und meine Schwester und mein Vater uns am Bahnhof erwartet haben, mein Gott, das war ein wundervolles Erlebnis.
Sie sagten, Sie haben im Bauwagen gelebt. Das muss zu viert doch ziemlich eng gewesen sein.
Michele: Es gab nur einen Ofen. Kochen durfte, wer schneller war. Sonst musste man warten, bis der andere fertig war.
Und Sie hatten sicherlich Hunger, wenn Sie abends von der Baustelle kamen.
Antonio: Und was für einen Hunger!




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