InterviewZeitzeugen: Die Brüder Di Gennaro über die 1960er Jahre Aktuelle Flüchtlingskrise weckt alte Erinnerungen

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
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Im Moment kommen auch wieder viele Menschen nach Deutschland, die teils als Wirtschaftsflüchtlinge verschrien sind. Wie schauen Sie auf diese Menschen?
Antonio: Sie sind, wie wir damals waren: Wir hofften auf eine bessere Zukunft, wir suchten Arbeit. Ich sage deshalb, dass diese Menschen hier und auch in Italien willkommen sein sollten.
Michele Di Gennaro heute Foto: Lg/ Zweygarth
Michele: Wenn ich heute die Bilder von den überfüllten Zügen sehe, dann erinnere ich mich an meine eigene Reise nach Deutschland. Dass wir Koffer durch die Fenster reichten, um uns schon von draußen einen Platz zu reservieren, das haben wir damals selbst auch gemacht.
Wie haben Sie sich denn damals aufgenommen gefühlt von den Deutschen?
Antonio: Das war schwierig. Der Krieg war noch nicht so lange vorbei, und das Verhältnis von Deutschen und Italienern war belastet. Wir haben uns am Sonntag oft auf den Bahnhöfen getroffen, aber dabei blieben die Italiener immer unter sich.
Sie haben sich also sehr fremd gefühlt.
Michele: Wir waren doch fremd. Aber es gab auch viele Deutsche, die sehr, sehr warmherzig waren. Es ist wie immer: Nicht jeder empfindet dasselbe. Ein Schichtführer in Plochingen zum Beispiel hat mir sehr viel beigebracht. Aber andere dagegen haben uns beschimpft als Spaghetti, als Zigeuner oder als Badoglio.
Antonio Di Gennaro heute Foto: Lg/ Zweygarth
Als was?
Antonio: Badoglio – so hieß der Ministerpräsident nach Mussolini. Wir Italiener waren in den Augen mancher Deutscher wenig vertrauenswürdig, weil Italien ja im Krieg die Seiten gewechselt hat. Das haben wir zu spüren bekommen.
Waren Sie dann überhaupt in der Stadt unterwegs?
Michele: Natürlich. Wir sind an einem Donnerstag in Stuttgart angekommen, und gleich am Wochenende haben Landsleute uns mit zum Frühlingsfest auf den Wasen mitgenommen. Wir mussten vom Hauptbahnhof bis nach Cannstatt laufen, das war ein weiter Weg. Und wir glaubten, dieses Fest gäbe es immer – zwei Wochen später sind wir deshalb wieder den ganzen Weg hinausgelaufen. Aber es war alles dunkel auf dem Wasen. Zuerst glaubten wir, wir hätten uns verlaufen. Aber das halb abgebaute Karussell hat uns dann gezeigt: wir kamen umsonst.
Antonio: Ich war auch oft in den Nachtlokalen, die meistens in irgendwelchen Baracken untergebracht waren.
Michele: Ein Freund von Antonio hat einmal sogar ein Bierglas auf die Nase bekommen. Da ging es robust zu.
Antonio: Man musste aufpassen. Manchmal kam es zu Schlägereien. Sehr gefährlich waren die Streitigkeiten zwischen Deutschen und Amerikanern. Wenn man frech war oder eine Frau beleidigt hat, dann bekam man gleich eins auf die Nase. Wir sind in solchen Situationen immer schnell abgehauen.




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