InterviewZeitzeugen: Die Brüder Di Gennaro über die 1960er Jahre Fünf Mark Taschengeld pro Woche mussten reichen

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
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Und da sind Sie am Wochenende immer hin?
Antonio: Nur wenn wir Geld in der Tasche hatten. Ich habe von Michele ja immer nur fünf Mark pro Woche bekommen.
Michele war der Finanzminister bei Ihnen?
Michele: Ja, ich war Schäuble.
Antonio: Sowie ich meine Lohntüte bekommen habe, gab ich sie an Michele weiter. Er hat das Geld heimgeschickt.
Waren fünf Mark viel?
Antonio: Nein. Eine Schachtel mit zehn Zigaretten kostete 80 Pfennig.
Sie mussten also auf jeden Pfennig achten?
Michele Di Gennaro (links) beim Volksfest in den 60er Jahren Foto: Lg/ Zweygarth
Antonio: Wenn du klug gehaushaltet hast, konntest du am Sonntag noch ein Bier mit einem Freund trinken gehen. Ansonsten musstest du halt hoffen, jemand gibt dir was ab. Oder du hast zugeschaut.
Michele: Später habe ich dir 20 Mark gegeben, vergiss das nicht, Antonio.
Antonio: Auf jeden Fall konnte man keine Freundin haben. Es wäre schwierig gewesen, denn als Kavalier willst du doch auch mal ein Essen ausgeben. Wenn du klug warst, hast du deshalb eine Freundin gesucht, die dich eingeladen hat.
Sie waren sehr arm damals. Wenn Sie auf alles schauen, was Sie seither aufgebaut haben, erscheint Ihnen Ihre Laufbahn nicht selbst fantastisch?
Antonio: Wir waren arm, aber ich war trotzdem glücklich. Ich war froh, dass ich Arbeit hatte, dass ich einen Lohn bekommen habe, dass ich Freunde hatte. Damals hatte ich mehr Freunde als heute, weil ich jetzt viel zu wenig Zeit habe, sie zu besuchen. Heute fühle ich mich auch wohl, aber man kann nicht sagen, dass ich heute glücklicher bin als damals.
Sie meinen, Glück hat nichts mit Reichtum zu tun.
Antonio: Nein, überhaupt nicht.
Michele: Glück kommt vom Herzen. Geld kommt vom Portemonnaie.
Glück hat aber etwas mit Heimat zu tun. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich in Stuttgart ein wenig zuhause gefühlt haben.
Michele: Damals war es auch schön, aber nicht nur schön. Wir mussten schwer arbeiten, und wir mussten viel mitmachen.
Antonio: Das Heimweh ist in den 1970er Jahren weggegangen, als wir unser Geschäft aufgebaut haben und viele Schulden und Probleme gehabt haben. Da hatten wir andere Sorgen.




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