Zelle im Rathaus Hochdorf Schon kleinste Verfehlungen endeten im Arrest

Der Hochdorfer Bürgermeister Gerhard Kuttler hat die Schlüsselgewalt über die Arrestzelle. im Dachgeschoss des Rathauses. Von der Originalausstattung sind neben der Eingangstür noch eine Holzpritsche sowie die Toilette und der alte Ofen erhalten. Foto: /Katja Eisenhardt

Im Dachgeschoss des Hochdorfer Rathauses gibt es noch heute eine historische Arrestzelle. Deren Geschichte reicht mehrere Jahrhunderte zurück. Und offenbar wurde sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch genutzt.

Hochdorf - Das Zuchthäusle als Vorgänger des heute noch zu besichtigenden Arrests im Hochdorfer Rathaus ist so alt wie die Einrichtung des Rathauses; wahrscheinlich bestand es schon 1569“, schreibt der ehemalige Esslinger Kreisarchivar Christoph J. Drüppel in seiner 1989 erschienenen Hochdorfer Ortschronik. Im Jahr 1569 wurde ein Hochdorfer Rathaus erstmals schriftlich erwähnt. Wo dieses damals stand, gaben die Quellen des früheren Kreisarchivars nicht her. Klar ist wohl, dass es um 1820 abgerissen wurde, weil es baufällig war.

 

Von 1822 an wurde am heutigen Standort ein neues Rathaus gebaut. Die Gemeinde hatte das Wohnhaus und die Scheune, die dort standen, gekauft. Während die Scheune abgerissen wurde, funktionierte man das Haus unter anderem zu einer Amtswohnung für den damaligen Schulmeister um. An der Stelle der Scheune entstand das neue Rathaus. Im Zuge dieses Baus wurde im Dachgeschoss auch das Arrestzimmer eingerichtet.

Ein dunkler, spärlich eingerichteter Raum

Noch heute gelangt man in der obersten Etage des Rathauses durch die originale Holztür in den dunklen, spärlich eingerichteten Raum. Im Zuge der letzten, 2017 abgeschlossenen Rathaussanierung wurde die Arrestzelle zugunsten des neuen Aufzugs allerdings etwas verkleinert. Vorhanden sind aber noch heute eine der ursprünglich zwei Holzpritschen, die Toilette mit Holzdeckel und der alte Ofen. An den Wänden hat sich so manch ein Insasse verewigt. So finden sich etwa ins Holz eingeritzte Striche für die Tage des Aufenthalts.

Die ersten überlieferten Hochdorfer Arreststrafen waren Christoph J. Drüppels Recherche zufolge ausnahmslos Folge „moralischer Verfehlungen“. Raufereien zum Beispiel. Auffällig sei, dass gerade Frauen und Mädchen den Arrest oft von innen sahen, liest man in der Chronik. 1708 wurde zum Beispiel eine Frau bestraft, die mit einem Soldaten gezecht hatte – ein Skandal im Dorf. Aber auch Tanzen, Singen und Lärmen zu später Stunde oder das störende Schwätzen beim sonntäglichen Kirchgang wurden ebenfalls nicht toleriert; Gleiches galt, wenn jemand eine Geldstrafe nicht begleichen konnte. Noch im Jahr 1941 wurde der Arrest begutachtet und das Fehlen eines Spucknapfes bemängelt – die Zelle war zu diesem Zeitpunkt folglich noch in Betrieb.

Kindheitserinnerung an die Arrestzelle

Paul Zinßer und Helmut Esenwein, beide Anfang 80, sind in Hochdorf aufgewachsen und können sich noch gut an den Arrest im Rathaus erinnern. Esenwein hat sogar persönlich Bekanntschaft mit dem ungemütlichen Ort gemacht. „Das muss etwa mit acht, neun Jahren, also 1947 oder 1948, gewesen sein. Wir Kinder haben damals viel draußen gespielt, und ab und zu habe ich halt auch was angestellt. Zum Beispiel Rüben aus dem fremden Acker gezogen, Kirschen vom Baum geklaut oder einmal eine Henne aus einem Garten geschnappt. Ich wollte testen, ob sie schwimmen kann und habe sie in den Mühlkanal gesetzt. Es stellte sich schnell heraus, dass sie es nicht kann“, erzählt der 82-Jährige lachend von einigen seiner Streiche.

Beim Kirschenklau erwischte ihn allerdings der Bauer und meldete ihn auf dem Rathaus. „Mein Vater Karl Esenwein war dort der Kämmerer, ein ehemaliger Kriegsoffizier. Ich bin erst entwischt, dann hat er mir aber den damaligen Dorfpolizisten Gottlob Weber hinterhergeschickt.“ Zurück auf dem Rathaus steckte der Vater den Buben einen halben Tag in die Arrestzelle. „Da hätte ich Zeit, über meine Taten nachzudenken, hieß es“, berichtet Helmut Esenwein über die Äußerung seines Vaters. Er trug’s mit Fassung, nutzte die Gelegenheit und die Dunkelheit, um auf der Pritsche einen Mittagsschlaf zu halten, bis ihn der Vater am Feierabend mit nach Hause nahm. „Ich wüsste zumindest nicht, dass nach mir noch jemand im Arrest saß. Eventuell war ich also der letzte Insasse“, sagt Esenwein und schmunzelt.

Schulschwänzer wurden bestraft

Dass Kinder im Arrest landeten, sei nicht ungewöhnlich gewesen, weiß Paul Zinßer: „Wer die Schule schwänzte, wurde bestraft. Laut Chronik gab es schon 1717 dafür einen Tag Zuchthäusle. Das Problem war allerdings, dass die Kinder oft auf dem Feld helfen mussten und dafür unfreiwillig schwänzten.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Gemeinde, Wohnraum war knapp. Deshalb ordnete die Gemeindeverwaltung an, dass Hauseigentümer nach freiem Wohnraum gefragt beziehungsweise Häuser daraufhin inspiziert wurden, erzählt Zinßer weiter. Ein Bauer habe sich dagegen vehement gewehrt, was ihm ebenfalls Arrest einbrachte. Lange musste er laut Zinßer aber offenbar nicht bleiben: „Seine Frau ging dann aufs Rathaus und erreichte, dass ihr Mann nicht über Nacht bleiben musste, da er dringend für die Arbeit auf dem Hof gebraucht wurde.“

Arrestzellen in Rathäusern waren gängig – und viel genutzt

Arrestgründe Davon gab es viele: „Jede geringere Verfehlung bis etwa drei Gulden Strafwert konnte gesühnt werden“, schreibt der frühere Kreisarchivar Christoph J. Drüppel in seiner Hochdorfer Chronik. Dazu zählten zum Beispiel sogenannte Feld- und Waldexzesse (verbotenes Grasrupfen und Holzsammeln), Ehekrach, Fluchen oder auch die Tatsache, dass sich der Nachwuchs nach einer Hochzeit einige Monate zu früh ankündigte – also vor der Ehe gezeugt wurde.

Arrestorte Dass es eine Arrestzelle im Rathaus gab, war zu früheren Zeiten nicht unüblich. Auch in dem Hochdorfer Nachbarort Notzingen beispielsweise gab es im alten Rathaus, in dem heute ein Restaurant ist, einen solchen Arrest.

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