Zerstörtes Sanctuarium in Stuttgart CDU-Fraktion versteht die Aufregung nicht

Von Elke Rutschmann 

Die Stadt, das Gartenbauamt und das Sanctuarium – Stuttgarts bundesweit beachteter Schildbürgerstreich beschäftigt jetzt auch die Gemeinderäte.

Trauerflor als Zeichen des Protestes gegen das abgeholzte Sanctuarium Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Trauerflor als Zeichen des Protestes gegen das abgeholzte Sanctuarium Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart -

Stuttgart - Es kommt nicht oft vor, dass Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) einer Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik beiwohnt. Eine überregional beachtete Posse um das Sanctuarium im Leibfriedschen Garten am Pragsattel hatte den Oberbürgermeister jetzt aber dazu ­bewogen. Schließlich war bundesweit von einem „Kulturfrevel“ in Stuttgart zu lesen, und das von der Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke-Plus eingebrachte Thema rückte von Tagesordnungspunkt fünf ganz schnell auf den ersten Platz der zu ­behandelnden Punkte.

Der Vorfall liegt zwar schon einige Wochen zurück, aber noch immer bewegt der aus dem Ruder gelaufene Rückschnitt der im Sanctuarium beherbergten Pflanzen die Gemüter. Fast eine Stunde debattierten die Gemeinderäte am Dienstag darüber: „Als ich den Rückschnitt gesehen habe, war ich schockiert und kann mich nur in aller Form entschuldigen“, sagte Kuhn. Kunst und Kultur verdienten gleichermaßen Respekt. Normalerweise schätze er die Arbeit des Gartenbauamtes sehr, diesmal aber seien Fehler ­gemacht worden.

Was war passiert? Der Künstler Herman de Vries hatte 1993 zur Internationalen Gartenbauausstellung eine kleine Fläche mit einem kreisrunden Zaun abgegrenzt und die Natur dort sich selbst überlassen. 1998 und 2007 wurde das dort sprießende Grün ­zurückgeschnitten – wohl im dosierten ­Rahmen, denn es gab keine Proteste.

„Schwäbische Komplettrasur“

Vor wenigen Wochen rückte das Garten- und Friedhofsamt erneut an und verpasste dem Platz laut Christoph Ozasek (SÖS/Linke-plus) eine „schwäbische Komplettrasur“. Ralph Schertlen von den Stadtisten sprach von einem „Kahlschlag auf Wurzelhöhe“, Michael Conz (FDP) nannte es einen „krassen Vorgang“, und Martin Körner (SPD) forderte, mit dem Künstler zu klären, „wie künftig geschnitten werden muss“.

Nur die CDU-Fraktion versteht die Aufregung nicht. „Das Kunstwerk hat ja förmlich nach diesem Schnitt geschrien“, sagte Fraktionschef Alexander Kotz. Rose von Stein (Freie Wähler) meinte: „Dem Künstler (er ist inzwischen 86, d. Red) hat es doch gutgetan, er hat jetzt seinen Marktwert erhöht.“

In einem sogenannten Parkpflegewerk der Gartenarchitekten Luz und Partner von 1996 war die Vorgehensweise zum Schnitt der Kunstfläche festgehalten worden. Wohl aber nicht in Abstimmung mit dem Künstler. „Das Konzept war nicht mit mir abgestimmt. Für mich ist das ein Kulturfrevel“, ließ van Vries verlauten. Technikbürgermeister Dirk Thürnau räumte Versäumnisse ein. „Künftig müssen wir das mit dem Künstler auflösen“, sagte er.

Leser bemängeln fehlende Beschriftung von Kunst im öffentlichen Raum

Zu dem Thema äußern sich weiterhin Leserinnen und Leser. In den Meinungsäußerungen geht es auch um den generellen Umgang der Stadt mit Kunst im öffentlichen Raum. „Seit 2008 stehen drei Skulpturen von Alfred Hrdlicka (‚Sterbender‘, ‚Maryas I‘ und ‚Sonny Liston‘) auf dem Stauffenberg-Platz vor dem Eingang zur Stauffenberg-Erinnerungsstätte. Leider ohne einen Hinweis (Schild/Tafel) auf den Künstler, der die Skulpturen geschaffen hat: Alfred Hrdlicka! Was für eine Schande!“, schreibt Dagmar Wernecke-Möller aus Stuttgart. „Ein Mann, der in der Stauffenberg-Erinnerungsstätte Aufsicht hat, sagte mir, dass er diesen Mangel mehrfach reklamiert hätte, weil viele Passanten nach dem Namen des Künstlers fragen.“ Ihr Fazit: „Ich bin immer wieder überrascht, wie nachlässig die zuständige Stelle bei der Stadt Stuttgart arbeitet.“

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