Ziemann Holvrieka „Ein Problem ist, dass die Leute weniger Bier trinken“
Einer der weltweit größten Hersteller von Brauereianlagen kommt aus Ludwigsburg – und hat in der Krise der Industrie noch mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen.
Einer der weltweit größten Hersteller von Brauereianlagen kommt aus Ludwigsburg – und hat in der Krise der Industrie noch mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen.
Die älteren Ludwigsburger, glaubt Klaus Gehrig, werden sich noch erinnern, als bis zur Jahrtausendwende vom Gelände der Firma Ziemann regelmäßig gigantische Behälter und Kessel per Schwertransport aus der Stadt gefahren wurden. Seit Ziemann im Jahr 2000 seine Fertigung eingestellt hat, ist es am Unternehmenssitz in der Schwieberdinger Straße ein wenig ruhiger, das Firmengelände kleiner geworden. Trotzdem gehört das Unternehmen, das seit 1926 in Ludwigsburg sitzt und mittlerweile Ziemann Holvrieka heißt, noch heute zu den weltweit größten Herstellern von Brauereianlagen.
Aus der Kupferschmiede, die August Ziemann 1852 gegründet hat, ist inzwischen ein Unternehmen geworden, das zu einer chinesischen Gruppe gehört. Die großen Bauprojekte von Ziemann Holvrieka entstehen auch nicht in Deutschland oder Europa, sondern in Mexiko, Kambodscha oder Äthiopien.
„Die internationale Ausrichtung gab es hier aber schon immer“, sagt Geschäftsführer Klaus Gehrig. So stellte August Ziemann bereits Ende des 19. Jahrhunderts auf den Weltausstellungen in Wien und Melbourne aus, um die Jahrhundertwende baute er Braukessel für chinesische Brauereien.
„Es ist Wahnsinn, dass er zu dieser Zeit schon Verbindungen in die ganze Welt aufbauen konnte“, sagt Gehrig. Er selbst hat in den 1980er-Jahren eine Lehre als Maschinenschlosser absolviert. Als er nach dem Maschinenbaustudium 1993 zurück zu seinem Ausbildungsbetrieb im bayrischen Bürgstadt kam, war der von Ziemann übernommen worden. Gehrig arbeitete zunächst in Produktion und Engineering, wurde später Vertriebsleiter und dann Technischer Leiter, seit 2003 ist er Geschäftsführer.
In dieser Funktion erlebte Gehrig die Weltwirtschaftskrise von 2009, in der die Firma insolvent ging und aufgekauft wurde. Mittlerweile steckt die deutsche Wirtschaft erneut in der Krise – auch Ziemann Holvrieka sei natürlich von steigenden Kosten in vielen Bereichen betroffen, sagt Gehrig. „Es wird schwerer, im globalen Wettbewerb mitzuhalten, weil viele Nationen auch beim technologischen Know-How mittlerweile gleichauf mit Europa liegen und billiger produzieren können.“
Der Brauereianlagenbauer steht aber noch vor einer ganz anderen Herausforderung: „Für uns ist ein großes Problem, dass die Leute weniger Bier trinken“, sagt der Geschäftsführer. Laut Statistischem Bundesamt hat der Bierkonsum in Deutschland 2025 einen historischen Tiefstwert erreicht. „Gerade bei vielen jüngeren Menschen sehen wir einen bewussteren Umgang mit Gesundheit. Alkohol spielt für einen wachsenden Teil keine oder nur noch eine untergeordnete Rolle“, sagte der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck Anfang des Jahres.
„In anderen Industrienationen sieht es nicht besser aus“, erklärt der Geschäftsführer – mittlerweile gehe der Konsum sogar in Ländern wie Mexiko, Vietnam oder Brasilien zurück. „In Kambodscha haben wir kürzlich vier Brauereien in kurzer Zeit gebaut, in Myanmar steigt der Bierkonsum. Aber global gesehen ist es zu wenig, um die Anlagenbauer mit ausreichend Aufträgen zu versorgen.“
Ein Lösungsansatz heißt Diversifizierung: Ziemann Holvrieka baut mittlerweile Anlagen für Mischgetränke, auch für alkoholfreie. „Die Anlagentechnik unterscheidet sich nicht großartig, egal ob am Schluss noch ein bisschen Alkohol reinkommt oder nicht“, sagt Gehrig. Allerdings: „Um eine Million Hektoliter Bier zu brauen, brauchen Sie deutlich mehr Equipment als für eine Million Hektoliter Softdrinks – dementsprechend geht unser Auftragsvolumen trotzdem zurück.“
Das Unternehmen werde sich deshalb in näherer Zukunft weiter verändern – vor allem, was das Aufgabenfeld angeht. „Projektmanagement wird immer wichtiger“, sagt Gehrig. „Es akzeptiert eigentlich kein Kunde der Welt mehr, dass wir ihm das Equipment liefern, und er sich die lokalen Handwerker selbst besorgt.“ Es käme sogar vor, dass sich Kunden gleich ein eigenes Bierrezept entwickeln lassen – das übernehmen dann die Braumeister in der Testbrauerei auf dem Ludwigsburger Firmengelände.
In diesen veränderten Anforderungen sieht Klaus Gehrig aber auch eine große Chance für seine Firma. „Ich glaube, dass wir als Deutsche anderen Kulturen gegenüber relativ offen sind“, sagt er. Wer am einen Tag mit Brasilianern, am nächsten mit Kambodschanern und zwei Tage später mit US-Amerikanern zu tun habe, brauche ein ausgeprägtes interkulturelles Verständnis. „Da sehe ich einen entscheidenden Vorteil, mit dem wir unsere Position im Markt hoffentlich halten können.“