Zirkus in Aichwald Hüpfburgen statt Zirkuszelt
Die Coronaauflagen machen den Schaustellerfamilien Nock und Schickler schwer zu schaffen. Deshalb haben sie auf ihren Plan B zurückgegriffen und in Aichwald Hüpfburgen statt ein Zirkuszelt aufgebaut.
Die Coronaauflagen machen den Schaustellerfamilien Nock und Schickler schwer zu schaffen. Deshalb haben sie auf ihren Plan B zurückgegriffen und in Aichwald Hüpfburgen statt ein Zirkuszelt aufgebaut.
Aichwald - Joanna Nock, ihr Mann Manuel Schickler und dessen Schwester Nicole Schickler sind in Schaustellerfamilien aufgewachsen. Die nächste Zirkusgeneration wächst bereits heran: Die Jüngste ist vier, der Älteste des insgesamt siebenköpfigen Nachwuchses der beiden Familien ist 17 Jahre alt. Es ist ein Leben im Wohnwagen, ständig auf Tour, von einem Ort zum nächsten. Normalerweise in ganz Baden-Württemberg.
Dazu kommt ein tägliches Training, damit das Programm am Ende sitzt und für begeisterte Besucherinnen und Besucher im Zirkuszelt sorgt. Von der Akrobatik bis zu den Clowns ist alles dabei – außer Tiere, die gibt es in der Show des Varieté-Circus-Nock nicht. „Zur Familie zählen zwar seit einer Weile auch ein Schwein, zwei Enten und vier Hasen, die gehören aber den Kindern und sind nicht Teil der Show“, erklärt Nicole Schickler. Wenn sie mal nicht unterwegs sind, wartet der Stellplatz in Kernen im Remstal auf die Schausteller. Genau dieses ohnehin nicht immer einfache Leben wird seit eineinhalb Jahren durch Corona nochmals erschwert.
Es ist ein täglicher Kampf ums berufliche Überleben, 2020 konnte sich die Familie mit Hilfe von Spenden gerade so über Wasser halten. Strom, Wasser, Standmiete, Versicherungen, der ganz normale Lebensunterhalt – all das will auch ohne Auftritte bezahlt werden. Aufgeben kommt allerdings nicht in Frage: „Wir sind nun in der neunten Generation Schausteller. Wir kennen es nicht anders. Das kann und möchte man nicht von heute auf morgen einfach an den Nagel hängen und etwas ganz anderes machen“, betont Manuel Schickler.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Weltgrößter Zirkus hält sich mit ausgefallenen Ideen über Wasser
Beim Besuch am Aichwalder Standort bei der Motocross-Strecke In den Horben erreicht man den Zirkuschef nur telefonisch. Er muss sich dringend um den Folge-Standort kümmern, damit es auch nach dem 5. September weitergehen kann. In Aichwald gastiert die Familie zum ersten Mal. Auch seine Frau hat an diesem Vormittag Termine. Manuel Schicklers Schwester Nicole hält mit den Kindern so lange die Stellung auf dem Gelände. „Normalerweise sind wir mit unserem Varieté-Circus spätestens ab Mitte Februar unterwegs und dann bis zum Jahresende. In Eislingen sind wir zum Beispiel der Weihnachtszirkus“, erzählt sie. Doch im mittlerweile zweiten Coronajahr ist Aichwald nach Schorndorf erst die zweite Station. Vor August ging dieses Jahr gar nichts.
„Auch jetzt kann man kaum planen. Wie es dieses Jahr weitergeht, kann keiner vorhersagen. Ein weiterer Lockdown wäre für uns aber mehr als eine Katastrophe“, bringt es Manuel Schickler auf den Punkt. Das Unvorhersehbare sei mit ein Hauptgrund, weshalb die Familie derzeit kurzfristig doch ohne ihr großes Zirkuszelt unterwegs ist und alternativ einen Spielspaß mit verschiedenen Hüpfburgen samt Wasserrutsche und Pool im Gepäck hat.
„Wonderland on tour“ nennen sie das vorübergehend neue Konzept. „In unser Zirkuszelt passen bis zu 500 Leute. Aufgrund der aktuell notwendigen Abstände könnten wir nur um die 100 Gäste ins Zelt lassen, das rechnet sich dann nicht mehr. Im schlimmsten Fall werden Veranstaltungen bald wieder komplett untersagt. Dazu kommen der logistische Aufwand, alles rund um das Zirkuszelt pro forma mitzunehmen plus die damit zusammenhängenden Kosten“, erklärt Manuel Schickler die Entscheidung. Um überhaupt irgendwie neu starten zu können, wurde auf den Hüpfburgenpark umgestellt. Auch für das leibliche Wohl der Besucher ist gesorgt – von den gebrannten Mandeln über Eis bis hin zu Gegrilltem ist für jeden etwas als Stärkung für zwischendurch dabei. Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen.
Vor fünf Jahren haben sich Manuel Schickler und Joanna Nock mit ihrem eigenen Zirkus selbstständig gemacht und hoffen, dass bald wieder zumindest etwas normalere Zeiten einkehren. „Wir sind alle mit vollem Herzblut dabei“, sagt Manuel Schickler. Einen großen Wunsch hat der 43-Jährige: Dass der Zirkus endlich zur Kultur dazugezählt wird: „Die Tradition reicht so viele Jahrhunderte bis zu den Gauklern zurück. Trotzdem wird man leider noch nicht so recht anerkannt.“
Zirkusfamilie in neunter Generation
Gastspiel
Noch bis Sonntag, 5. September, gastiert die Schaustellerfamilie Nock/Schickler mit ihrem „Wonderland on tour“ in Aichwald neben dem Motocross-Gelände In den Horben. Der Hüpfburgenpark ist Donnerstag und Freitag von 14 bis 19 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 12 bis 19 Uhr geöffnet. Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Es gelten die aktuellen 3G-Regeln und Hygiene-Maßnahmen. Infos gibt es unter der Nummer: 01 52/05 66 27 16.
Tradition
Die Geschichte der Zirkusfamilien Nock und Schickler reicht neun Generationen zurück. Joanna Nock hat gar verwandtschaftliche Verbindungen zum bis 2019 noch aktiven Circus Nock in der Schweiz, dessen Wurzeln im Jahr 1860 liegen. Er galt nach dem Zirkus Knie als zweitgrößter Zirkus des Nachbarlandes und war zudem der älteste noch aktive Zirkus.
Reitertruppe
Zu Manuel und Nicole Schicklers Vorfahren zählen auch Mitglieder einer bekannten Reitertruppe. Ihre Mutter stammt aus der bekannten deutschen Zirkusfamilie Renz. Deren Ursprünge liegen sogar im Jahr 1842.